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Feuilleton

Ein schwerer Rucksack voll Natur

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Trotz mancher Verbesserungen verbrauchen die Industrieländer immer noch einen Großteil der natürlichen Ressourcen der Erde. Allerdings gäbe es Alternativen zu dieser Verschwendung.

Mit einem Appell an die Regierungen, ihre Steuerpolitik den Erfordernissen der Zeit anzupassen, endete die Tagung des "Faktor 10 Clubs" Anfang September. Dazu Friedrich Schmidt-Bleek, Gründer der Initiative, die eine drastische Verringerung der Energie- und Materialströme in der Wirtschaft fordert: "Nur Regierungen können den Weg in eine Zukunft mit Zukunft ebnen, weder Unternehmer noch Verbraucher werden die entscheidenden Schritte ohne diese Starthilfe gehen. Nur eine durchgreifende Veränderung der Preissignale für Arbeit und natürliche Ressourcen kann Hersteller und Verbraucher dazu bewegen, das ökologisch Richtigere zu tun."

Den Naturverbrauch messen

Solche Forderungen hört man nicht zum ersten Mal. Ihre Dringlichkeit wird aber durch die Studien Schmidt-Bleeks einleuchtender. Er entwickelte 1994 ein Verfahren, mit dem Güter und Leistungen auf ihren Naturverbrauch hin untersucht werden können. Das derzeitige Rechensystem, die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung bildet die Umweltaspekte nämlich falsch ab: Jede Naturzerstörung, jede Krankheit, jeder Unfall wirken sich da positiv aus. "So rechnen die Wirtschaftswissenschaftler uns immer reicher," vermerkt Wouter van Dieren, Mitglied des Clubs. Und dabei zeigten Verfahren mit Langfrist-Perspektive: "Die wirtschaftliche Substanz schwindet bereits."

Die von Schmidt-Bleek entwickelte Methode berücksichtigt die ökologischen Folgen des Wirtschaftens. Mit MIPS (Material Input Per Service-Einheit) wird gemessen, wieviel Natur für einen bestimmten Nutzen verbraucht wird. In seinem Buch "Der ökologische Rucksack" (Hirzel-Verlag) illustriert Schmidt-Bleek das Konzept, wie folgt: Ein Mädchen wacht morgens auf, legt seine 12,5 Kilo schwere Uhr ans Handgelenk, zieht anschließend die 30 Kilo schwere Jeans an, macht Kaffee mit der 52 Kilo schweren Maschine und trinkt ihn aus dem 1,5 Kilo schweren Becher, um dann auf ihrem 400 Kilo schweren Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

Wie man zu solchen Werten kommt? Indem man alles zusammenzählt, was an Materialen eingesetzt werden muss um Herstellung, Transport und Vertrieb des Produkts zu ermöglichen. Die Grundstoffe kommen dabei auf sehr unterschiedliche Werte. So schneidet etwa Rundholz (mit 1,2 Kilo Material- und Energieeinsatz pro Kilo Holz) sehr gut ab. Alu schleppt hingegen einen Rucksack von 85 Kilo pro Kilo, Gold sogar von 550.000 mit sich.

Gold mit Riesen-Rucksack

Die MIPS-Methode liefert interessante Einblicke. So wird etwa deutlich, dass finnische Elektrizität aus der Sicht der Ökologie im internationalen Vergleich gut abschneidet. Pro Kilowattstunde verbraucht Finnland 0,67 Kilo Material, während der entsprechende Wert für Österreich 0,8, für Deutschland sogar vier Kilo beträgt. Im EU-Durchschnitt liegt der Wert bei 1,55.

Wesentlich für dieses gute Abschneiden ist, dass die Finnen die bei der Stromerzeugung anfallende Wärme in hohem Maß nutzen. In finnischen Städten beziehen bis zu 90 Prozent der Haushalte Fernwärme. Damit verteilt sich der Ressourcenverbrauch auf Wärme (zwei Drittel) und Strom (ein Drittel). Außerdem gibt es einen hohen Anteil von Biomasse bei der Stromerzeugung in Finnland. Dass Österreich im internationalen Vergleich gut abschneidet, ist auf seinen hohen Anteil an Wasserkraft zurückzuführen. Sie ist nur geringfügig "materialbelastet" durch die in Staudämmen Turbinen, Leitungen, Masten, usw. enthaltenen Stoffe.

Die MIPS-Methode liefert Hinweise darauf, wie man den Materialfluss gezielt verringern kann. Berechnungen für finnische Personenwaggons lassen beispielsweise erkennen, dass die Verwendung von Stahl statt Aluminium im Waggonbau den Ressourcenverbrauch verringert. Ähnliche große Einsparungen erreicht man durch die Rückgewinnung der Abwärme aus der Klimaanlage. Aber zehnmal so viel Material ließe sich einsparen, wenn man den Strommix zur Beförderung der Züge veränderte: durch einen Umstieg von Kernkraft auf Elektrizität aus Gaskraftwerken.

Bleibt die Frage, warum der "Faktor-10-Club" so vehement verringerte Stoffströme einmahnt. Das Anliegen wird auf dem Hintergrund der Entwicklung in den letzten 100 Jahre verständlich: Die Erfolgsgeschichte der Industrieländer mit enormen Wohlstandssteigerungen ist vor allem dem arbeitssparenden technischen Fortschritt zu verdanken. Er ging auf Kosten der Natur, die weitgehend kostenfrei geplündert wurde. Die Folgen: Klimaveränderung, Verschmutzung der Meere, Verlust von Ackerböden, Pflanzen- und Tierarten, Anwachsen der Wüsten, um nur einiges zu nennen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Art des Wirtschaftens - der Durchschnittseuropäer verbraucht 75 Tonnen Natur pro Jahr - nicht auf die ganze Welt ausgedehnt werden kann. Würden China und Indien, die wirtschaftlich derzeit aufholen, das Wohlstandsniveau der Industrieländer mit der heute vorherrschenden Technologie erreichen, wäre die Umweltkatastrophe unausweichlich.

Visionslose Politik

Um Raum für den Ressourcen-Verbrauch der Dritten Welt zu schaffen, muss der Verbrauch der Industriestaaten - dorthin fließen 80 Prozent der Ressourcen - drastisch durch verbesserte Technologien der Erzeugung und des Konsums gedrosselt werden, auf ein Zehntel eben. Praktikable Konzepte dafür gibt es. Aber ohne gezielte politische Maßnahmen muss dieses Ziel reine Utopie bleiben.

Wie die Chancen diesbezüglich stehen? "Angesichts der chronischen Visionslosigkeit und Entscheidungsängste der Staats- und Regierungschefs der OECD-Länder ist das keine sehr beruhigende Aussicht." (Schmidt-Bleek)

Trotz mancher Verbesserungen verbrauchen die Industrieländer immer noch einen Großteil der natürlichen Ressourcen der Erde. Allerdings gäbe es Alternativen zu dieser Verschwendung.

Mit einem Appell an die Regierungen, ihre Steuerpolitik den Erfordernissen der Zeit anzupassen, endete die Tagung des "Faktor 10 Clubs" Anfang September. Dazu Friedrich Schmidt-Bleek, Gründer der Initiative, die eine drastische Verringerung der Energie- und Materialströme in der Wirtschaft fordert: "Nur Regierungen können den Weg in eine Zukunft mit Zukunft ebnen, weder Unternehmer noch Verbraucher werden die entscheidenden Schritte ohne diese Starthilfe gehen. Nur eine durchgreifende Veränderung der Preissignale für Arbeit und natürliche Ressourcen kann Hersteller und Verbraucher dazu bewegen, das ökologisch Richtigere zu tun."

Den Naturverbrauch messen

Solche Forderungen hört man nicht zum ersten Mal. Ihre Dringlichkeit wird aber durch die Studien Schmidt-Bleeks einleuchtender. Er entwickelte 1994 ein Verfahren, mit dem Güter und Leistungen auf ihren Naturverbrauch hin untersucht werden können. Das derzeitige Rechensystem, die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung bildet die Umweltaspekte nämlich falsch ab: Jede Naturzerstörung, jede Krankheit, jeder Unfall wirken sich da positiv aus. "So rechnen die Wirtschaftswissenschaftler uns immer reicher," vermerkt Wouter van Dieren, Mitglied des Clubs. Und dabei zeigten Verfahren mit Langfrist-Perspektive: "Die wirtschaftliche Substanz schwindet bereits."

Die von Schmidt-Bleek entwickelte Methode berücksichtigt die ökologischen Folgen des Wirtschaftens. Mit MIPS (Material Input Per Service-Einheit) wird gemessen, wieviel Natur für einen bestimmten Nutzen verbraucht wird. In seinem Buch "Der ökologische Rucksack" (Hirzel-Verlag) illustriert Schmidt-Bleek das Konzept, wie folgt: Ein Mädchen wacht morgens auf, legt seine 12,5 Kilo schwere Uhr ans Handgelenk, zieht anschließend die 30 Kilo schwere Jeans an, macht Kaffee mit der 52 Kilo schweren Maschine und trinkt ihn aus dem 1,5 Kilo schweren Becher, um dann auf ihrem 400 Kilo schweren Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

Wie man zu solchen Werten kommt? Indem man alles zusammenzählt, was an Materialen eingesetzt werden muss um Herstellung, Transport und Vertrieb des Produkts zu ermöglichen. Die Grundstoffe kommen dabei auf sehr unterschiedliche Werte. So schneidet etwa Rundholz (mit 1,2 Kilo Material- und Energieeinsatz pro Kilo Holz) sehr gut ab. Alu schleppt hingegen einen Rucksack von 85 Kilo pro Kilo, Gold sogar von 550.000 mit sich.

Gold mit Riesen-Rucksack

Die MIPS-Methode liefert interessante Einblicke. So wird etwa deutlich, dass finnische Elektrizität aus der Sicht der Ökologie im internationalen Vergleich gut abschneidet. Pro Kilowattstunde verbraucht Finnland 0,67 Kilo Material, während der entsprechende Wert für Österreich 0,8, für Deutschland sogar vier Kilo beträgt. Im EU-Durchschnitt liegt der Wert bei 1,55.

Wesentlich für dieses gute Abschneiden ist, dass die Finnen die bei der Stromerzeugung anfallende Wärme in hohem Maß nutzen. In finnischen Städten beziehen bis zu 90 Prozent der Haushalte Fernwärme. Damit verteilt sich der Ressourcenverbrauch auf Wärme (zwei Drittel) und Strom (ein Drittel). Außerdem gibt es einen hohen Anteil von Biomasse bei der Stromerzeugung in Finnland. Dass Österreich im internationalen Vergleich gut abschneidet, ist auf seinen hohen Anteil an Wasserkraft zurückzuführen. Sie ist nur geringfügig "materialbelastet" durch die in Staudämmen Turbinen, Leitungen, Masten, usw. enthaltenen Stoffe.

Die MIPS-Methode liefert Hinweise darauf, wie man den Materialfluss gezielt verringern kann. Berechnungen für finnische Personenwaggons lassen beispielsweise erkennen, dass die Verwendung von Stahl statt Aluminium im Waggonbau den Ressourcenverbrauch verringert. Ähnliche große Einsparungen erreicht man durch die Rückgewinnung der Abwärme aus der Klimaanlage. Aber zehnmal so viel Material ließe sich einsparen, wenn man den Strommix zur Beförderung der Züge veränderte: durch einen Umstieg von Kernkraft auf Elektrizität aus Gaskraftwerken.

Bleibt die Frage, warum der "Faktor-10-Club" so vehement verringerte Stoffströme einmahnt. Das Anliegen wird auf dem Hintergrund der Entwicklung in den letzten 100 Jahre verständlich: Die Erfolgsgeschichte der Industrieländer mit enormen Wohlstandssteigerungen ist vor allem dem arbeitssparenden technischen Fortschritt zu verdanken. Er ging auf Kosten der Natur, die weitgehend kostenfrei geplündert wurde. Die Folgen: Klimaveränderung, Verschmutzung der Meere, Verlust von Ackerböden, Pflanzen- und Tierarten, Anwachsen der Wüsten, um nur einiges zu nennen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Art des Wirtschaftens - der Durchschnittseuropäer verbraucht 75 Tonnen Natur pro Jahr - nicht auf die ganze Welt ausgedehnt werden kann. Würden China und Indien, die wirtschaftlich derzeit aufholen, das Wohlstandsniveau der Industrieländer mit der heute vorherrschenden Technologie erreichen, wäre die Umweltkatastrophe unausweichlich.

Visionslose Politik

Um Raum für den Ressourcen-Verbrauch der Dritten Welt zu schaffen, muss der Verbrauch der Industriestaaten - dorthin fließen 80 Prozent der Ressourcen - drastisch durch verbesserte Technologien der Erzeugung und des Konsums gedrosselt werden, auf ein Zehntel eben. Praktikable Konzepte dafür gibt es. Aber ohne gezielte politische Maßnahmen muss dieses Ziel reine Utopie bleiben.

Wie die Chancen diesbezüglich stehen? "Angesichts der chronischen Visionslosigkeit und Entscheidungsängste der Staats- und Regierungschefs der OECD-Länder ist das keine sehr beruhigende Aussicht." (Schmidt-Bleek)