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Ein Spaziergang durch Klagenfurt

Der Schriftsteller Egyd Gstättner führt durch seine Stadt. Er liebt sie und er reibt sich an ihr. Der Spaziergang führt über die wichtigsten Plätze, vorbei an prägenden Bauwerken bis zum Fußballstadion und natürlich zum Wörthersee.

Egyd Gstättner holt einen Freund am Flughafen ab und geht mit ihm in die Stadt. Er ist mit seiner Heimatstadt ebenso vertraut wie mit dem Leser. Über Klagenfurt mit seinen 93.000 Einwohnern scheint er an jeder Ecke die passende Geschichte parat zu haben, und mit dem Leser ist er ohnehin per Du. Er fordert ihn sogar zur Mitarbeit auf, wenn es in Zukunft darum gehen könnte, dieses Buch für eine Neuauflage zu aktualisieren. Unweit des Flughafens macht er am Friedhof Annabichl Station. „Eine ganz groß gewordene Tochter, die die Stadt verlassen hat, zunächst in Richtung Wien, dann in Richtung Rom, wo sie nach einem Brandunfall auch gestorben ist, liegt hier begraben, auf Wunsch ihrer Familie, wenn auch höchstwahrscheinlich gegen ihren eigenen Willen: Ingeborg Bachmann wäre auch postum lieber in Rom geblieben.“ Gstättners literarische Spurensuche trifft immer wieder auf kommunalpolitische Unzulänglichkeiten. „Die Stadtverwaltung hat den verwitterten Ehrengrabstein aus Carrara-Marmor nicht renoviert, sondern gleich ersetzt, und zwar durch einen Krastaler Rauchkristall-Marmor ohne jede Italianità! Grande miseria!“ Sein Stadtrundgang beinhaltet aber nicht nur Kritik. In der Gegend südlich des Neuen Platzes schreibt er vom positiven Einfluss der slowenischen Minderheit auf das Kulturleben in Kärnten und verweist auf den Verlag Lojze Wiesers mit seiner erstklassigen Städte-Porträt-Reihe „Europa erlesen“.

Aufgeräumt wird mit so manch strapaziertem Klischee. So etwa mit der Tatsache, dass sich Klagenfurt gerne als „Robert-Musil-Stadt“ präsentiert. Der Verfasser des „Mann ohne Eigenschaften“ hat 1880 nur sein allererstes Lebensjahr hier verbracht und ist nie wieder zurückgekommen. Es gibt aber seit 1997 mit dem Musilhaus ein Literaturhaus, das neben dem Kärntner Literaturarchiv auch ein kleines Museum beherbergt. Darin kann man auch die schweren Koffer sehen, mit denen die Familie Musil die Stadt verlassen hat.

Die Deutschen dominieren das Geschehen

Hart geht der Autor mit allen „Gib Gummi“-Akteuren, Clubbingfans, Event-Abhängigen und Szenegurus am Wörthersee ins Gericht. Ihnen droht er mit dem Wörthersee-Manndl, das der Sage nach vor langer Zeit die reichen, aber dekadenten Bewohner des Tales mit einer Flutwelle strafte. Breiter Raum wird dem Ingeborg Bachmann-Preis gewidmet. Seit der Kulturpublizist Humbert Fink und der damalige ORF-Landesintendant Ernst Willner diesen hochdotierten Literaturpreis ins Leben gerufen haben, hat sich manches geändert. „Der Bachmannpreis ist ein Betriebsausflug des literarischen Marktes Deutschlands mit österreichischer Beteiligung. Die absolute Mehrheit der Sieger sind Deutsche. Die absolute Mehrheit der Autoren sind Deutsche. Die absolute Mehrheit der Juroren, Kritiker, Journalisten, Agenten, Lektoren sind Deutsche. In der Minderheit ist selbst das Kärntner Publikum: Man erkennt es an den Schnapskarten, die im Biergartenzelt vor dem Theater verteilt werden.“

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“

Nach so viel Literatur wird der Leser im zweiten Teil des Buches vor die Tore Klagenfurts in Richtung Westen geführt. Über den Lendhafen und den Lendkanal gelangt er nach Waidmannsdorf mit dem gigantischen, jedoch nicht immer von Harmonie und Glück verfolgten Wörtherseestadion, als Alternative geht es in die Sir-Karl-Popper-Straße zur Universität, zum Minimundus und schließlich zum See, in dessen Nähe eine Bank mit einer glitzernden Messingtafel steht. Das ist Egyds Büro!

Die Fotos stammen vom Autor. Sie haben etwas Sympathisch-Einfaches, denn schließlich soll die Sprache im Vordergrund stehen. Eine Stadt wird hier in Geschichten skizziert, welche die subjektive Sicht des Verfassers deutlich widerspiegeln. Da ist eine persönliche Leidenschaft mit im Spiel, die der Wahrheit den Weg ebnet. Auch wenn sie für manchen Genannten nicht so angenehm sein mag. Aber genau das macht dieses Buch so besonders, denn „die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.

Klagenfurt – Literarisches Porträt einer Stadt

Von Egyd Gstättner, Carinthia Verlag 2010

276 S.,e 21,95

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