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"Ein Tempel des Gesangs“

Ein "fantastisches Jahr“ liege hinter ihm, so Staatsoperndirektor Dominique Meyer, voll des Lobes für die Leute seines Hauses. Bis zur Spielzeit 2015/16 sind die Premieren fixiert.

Eben hat sich der Vorhang für die dritte Staatsopernsaison von Dominique Meyer gehoben. Im FURCHE-Gespräch blickt er auf seine beiden bisherigen Spielzeiten zurück, spricht über Besetzungen, Schwierigkeiten bei Koproduktionen, kommende Dirigenten, Auslandsgastspiele und die unterschiedliche Wahrnehmung der neuen Mozart-Produktionen.

DIE FURCHE: Herr Direktor Meyer, Ihre zweite Staatsopernsaison ist vorbei, Ihr Vertrag wurde bis 2020 verlängert, wie weit sind Sie mit der Planung?

Dominique Meyer: Franz Welser-Möst und ich haben seit Jänner viel gearbeitet, die Premieren bis zur Saison 2015/16 sind fixiert, auch einige wichtige Wiederaufnahmen und die eine oder andere Neuproduktion für die beiden folgenden Spielzeiten.

DIE FURCHE: Blicken wir auf die vergangene Saison zurück: Von den Premieren her präsentierte sie sich durchwachsen, das Repertoire - hier denke ich nicht nur an den von Christian Thielemann dirigierten "Ring“ - war oft aufregender. Teilen Sie diese Sicht?

Meyer: Uns liegt sehr an der ständigen Verbesserung des Repertoires. Natürlich spricht man immer wieder vom Thielemann-"Ring“, dem Thielemann-"Parsifal“, von Franz Welser-Mösts "Frau ohne Schatten“. Wir spielen in der Saison um die fünfzig Stücke. Es kann nicht sein, dass Stücke wie "Liebestrank“ oder "Barbier“ deswegen nicht in Ordnung sind, weil sie so oft auf dem Programm stehen. Ganz im Gegenteil: Jeder Zuschauer hat das Recht, eine gute Vorstellung zu erleben. Wir kümmern uns konsequent um Details bei den Proben, beim Bühnenbild, bei der Beleuchtung. Diese Arbeit fällt nicht so auf, wird letzten Endes aber doch bemerkt. Aber nicht nur die Technik, auch das Orchester, der Chor und das Ballett haben ein fantastisches Jahr geliefert. Und glücklich bin ich, dass sich die neuen Ensemblemitglieder einen so schönen Platz erobert haben.

DIE FURCHE: Ist es schwieriger geworden, geeignete Besetzungen zu finden - auch früher, so manche historischen Mitschnitte belegen es, war doch nicht alles perfekt?

Meyer: Das Gras war auch nicht grüner. Manchmal kommt es zu Engpässen, denn die Häuser wollen oft dieselben Künstler, das kann dann schwierig werden. Grundsätzlich kann man mit der jetzigen Generation von Sängerinnen und Sängern sehr zu zufrieden sein, es kommen auch immer wieder neue. In manchen Bereichen kann man besser besetzen als vor zwanzig Jahren. Seit ich hier bin, haben wir zweimal den "Ring“ und dreimal "Tannhäuser“ gemacht - einmal mit Botha, dann mit Gould und Seiffert in der Titelpartie. Schwerer findet man eine Tosca, eine Aida, aber das zu besetzen, war nie so einfach.

DIE FURCHE: Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie nicht nur große Sänger, sondern auch bedeutende Dirigenten versprochen. Darauf heißt es wohl noch zu warten, der einzige prominentere Name in der kommenden Saison ist Christoph Eschenbach, den man allerdings mehr mit dem Konzertsaal als der Oper verbindet.

Meyer: Er wird schon zeigen, dass er auch ein toller Operndirigent ist, aber es braucht Zeit. Dass jemand noch keinen großen Namen hat, bedeutet nicht, dass er nicht gut ist. Man sollte schon einen Unterschied zwischen Werbung und Qualität machen. Wenn man ein Konzert veranstaltet, braucht man einen Dirigenten nur vier, fünf Tage, für eine Oper aber drei Wochen. Dazu kommt, dass die bekannten großen Dirigenten auf mehrere Jahre hinaus gebucht sind. Aber in den kommenden Saisonen werden auch sie kommen - wie Zubin Mehta, Simon Rattle, Kirill Petrenko.

DIE FURCHE: Petrenko, obwohl er dann Generalmusikdirektor der Bayerischen Staats-oper sein wird?

Meyer: Ja, obwohl!

DIE FURCHE: In der kommenden Saison spannen Sie den Bogen von Gluck bis zu Henzes "Pollicino“, ein Werk, das man nur bedingt mit einem großen Haus verbindet - weshalb gerade diese Wahl?

Meyer: Es ist durchaus ein Stück, das in die Oper passt, aber es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit so etwas konfrontiert werde, das war schon bei Händels "Alcina“ so und wird es auch in den kommen Jahren geben. Wir wollten ein modernes Stück, das für Kinder interessant ist und das auf der Hauptbühne der Staatsoper gespielt werden kann.

DIE FURCHE: Die "Ariadne“ übernehmen Sie aus Salzburg, wo sie in der Urfassung gegeben wurde. Wäre das nicht attraktiver gewesen als sie neuerlich in der bekannten Version zu bringen?

Meyer: Ich finde die Urfassung nicht repertoiretauglich, persönlich bin ich kein besonderer Bewunderer von Hofmannsthals Fassung des "Bürgers als Edelmann“. Ich würde auch nicht die Originalfassung der Zerbinetta - die ist bekanntlich höher - spielen lassen, das kann für Festspiele interessant sein. Wenn man während einer Saison zwei Serien "Ariadne“ in der üblichen Fassung ansetzt, ist es unwahrscheinlich, dass man zweimal eine gute, für die Urfassung geeignete Zerbinetta findet.

DIE FURCHE: Mozart gilt in der kommenden Saison keine Premiere. Hängt das damit zusammen, dass die bisherigen Mozart-Premieren wenig glücklich verlaufen sind?

Meyer: "Figaro“ ist massiv kritisiert worden, kommt aber mittlerweile gut an. Es ist eine Regie, die einen sehr fordert, ich bin nach wie vor ein großer Fan. Einige haben sie nach der Premiere richtiggehend vernichtet, das war ungerecht. Man sollte in diesem Zusammenhang nie vergessen, dass das Wort Fiasko zum ersten Mal nach der Uraufführung von Rossinis "Barbier“ verwendet wurde. Die nächste Mozart-Premiere wird erst in der übernächsten Spielzeit kommen, das Stück werde ich bei der kommenden Spielplanpressekonferenz bekannt geben.

DIE FURCHE: Die philharmonische Kammermusik ist entgegen vieler Skepsis ein Renner, nicht ganz so gut läuft es mit den Liederabenden. Kann man in der Oper nur mit Opernstars punkten, wie etwa der Gruberova-Abend gezeigt hat, während Goerne nur wenig Anklang fand?

Meyer: Bei der Kammermusik ist keine einzige Karte übrig geblieben. Bei den Liederabenden hatten wir etwas Pech, Damrau hat abgesagt, Quasthoff seine Karriere beendet. Die Abende mit Gruberova, Alagna und Schade waren so gut wie ausverkauft, und was Goerne anlangt, so kamen bei seinem schwierigen Mahler-Schostakowitsch-Programm an die 900 Leute - für mich ist das schon eine gute Leistung. Man kann nicht immer bedauern, dass es kaum mehr Liederabende gibt, und nichts machen. Für mich ist die Staatsoper ein Tempel des Gesangs.

DIE FURCHE: Kommende Saison steht wieder ein Staatsoperngastspiel nach Japan an, was werden Sie im Gepäck mitführen?

Meyer: "Salome“ unter Franz Welser-Möst, "Figaro“ unter Peter Schneider, "Anna Bolena“ mit Edita Gruberova und die Kinder-"Zauberflöte“.

DIE FURCHE: Wer spielt hier den Baum?

Meyer: Niemand, das konnte nur Ioan Holender, aber unser Ensemblemitglied Eijiro Kai wird den Papageno spielen und das Stück den japanischen Kindern erklären. Wir könnten ständig unterwegs sein, es gibt Einladungen etwa nach New York, Australien. Nächstes Jahr fahren wir mit "Figaro“ und "Don Giovanni“ nach Moskau.

DIE FURCHE: Und die dritte Da-Ponte-Oper, "Così fan tutte“, ist kein Thema?

Meyer: Nein, ein Teil der Gesellschaft wollte es nicht, daher machen wir sie nicht neu, es gibt auch anderes von Mozart.

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