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Feuilleton

Ein Textjuwel im English Theatre

1945 1960 1980 2000 2020

Julia Schafranek setzt Akzente für junge Besucher, ohne ihr Stammpublikum zu verprellen.

1945 1960 1980 2000 2020

Julia Schafranek setzt Akzente für junge Besucher, ohne ihr Stammpublikum zu verprellen.

Gareth Armstrong zitiert Shylock, sagt dann aber gleich, er sei nicht Shylock, sondern Tubal, Shylocks Freund, dem Shakespeare ganze acht Textzeilen zugedacht hat. Damit beginnt in Wiens Englischem Theater ein rhetorisches Feuerwerk, eine hochintelligente One Man Show, eine Folge effektvoller kleiner Szenen voll Witz und Ernsthaftigkeit, untermischt mit philosophischen und historischen Betrachtungen. Wie erfahren nicht nur, wie man als Schauspieler ausufernde Satzperioden lang den Atem durchhält und sich rettet, wenn einem die Luft ausgeht, sondern auch, daß Shakespeare zwar den "Kaufmann von Venedig" geschrieben, aber nie einen Juden gesehen hat, weil England sämtliche Juden schon vor Jahrhunderten vertrieben und Europa das Rezept für seine an den Juden begangenen Missetaten geliefert hatte. Dies und vieles mehr erfahren wir.

"Shylock" ist ein Juwel unter den derzeit in Wien laufenden Theaterproduktionen, das man sich nicht entgehen lassen darf. Daß Gareth Armstrong hinreißend spielt, daß er aus dem Stand von der distanzierten Reflexion in den Temperamentausbruch zu springen versteht, mit jedem Satz perfekt umzugehen weiß, ist kein Wunder, hat er den Text doch auch selbst geschrieben. Das Stück war im Vorjahr ein Riesenerfolg beim Theaterfestival in Edinburgh (wo es heuer wiederholt werden mußte), und Julia Schafranek stürzte auf Armstrong zu und sagte: "Sie muß ich haben!" Hübsche Anekdote am Rande: Bei der Gelegenheit erfuhr sie gleich, daß derselbe Armstrong vor 20 Jahren zum Vorsprechen bei ihrem Vater zu spät gekommen war und sein Können dann im Autobus zum Londoner Flughafen vorführte. Offenbar war das doch nicht das ideale Ambiente. Er bekam die Rolle damals nicht.

Das Geschichterl illustriert die enge Verbundenheit von Wiens Englischem Theater (V.I.T.) mit dem englischen Theater. Nach dem Tod ihres Vaters Franz Schafranek (1991) und ihrer Mutter Ruth Brinkmann im Jänner 1997 mußte Julia Schafranek ihren eigenen Weg suchen - im Bewußtsein, daß sie ihrem Publikum kein Schockerlebnis zumuten durfte, aber doch eine Weiterentwicklung fällig war: "In einer Zeit, in der alles mit tollen Regieeinfällen behübscht wird, schätzt unser Publikum ein Theater, das sich auf die Autoren verläßt und deren Stücke für sich sprechen läßt. Man darf dieses Traditionelle, zu dem ich mich bekenne, aber keinesfalls mit ,verstaubt' oder ,altmodisch' verwechseln. Wir ziehen verstärkt junge Regisseure heran. Worauf es mir ankommt, das sind durchschaubare Inszenierungen, für die man keine Gebrauchsanweisung benötigt."

Der eingeschlagene Weg erweist sich als richtig: Die Zahl der Abonnenten nimmt auch unter der Direktion Julia Schafranek kontinuierlich zu. (In Vienna's English Theatre wird übrigens jeder neue Abonnent zu einem Glas Sekt in die Bar gebeten.)

V.I.T.'s Besonderheit ist die Verbindung mit dem Theatergeschehen in England, die eher noch enger geworden ist: Julia Schafranek, die ja nicht wie ihre Mutter selbst auf der Bühne steht, fährt achtmal pro Jahr nach England und ein- bis zweimal in die USA. Sie kennt die dortige Theaterwelt besser als die heimische, was durchaus als Vorteil für ihr Publikum gewertet werden darf.

V.I.T. Frings ist ihre neue, "aggressivere" Schiene für ein junges Publikum außerhalb des Abonnements. Das Konzept geht bereits auf. Das skurrile Stück "Kvetch" von Steven Berkoff, in dem man hören konnte, was ein Mensch denkt, während die anderen reden, wurde im Jänner eine Woche lang gespielt und kam gut an.