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Ein universales Lächeln auf den Lippen

Das Kunsthaus Bregenz widmet sich der in Seoul und Berlin lebenden Koreanerin Haegue Yang. Die Ausstellung "Arrivals“ lässt ahnen, warum die multimedial arbeitende Künstlerin weltweit von jenem Kunstbetrieb gefeiert wird, den sie immer wieder ironisch hinterfragt.

Wer an diesem verschneiten Donnerstagvormittag vom Bregenzer Bahnhof entlang des Bodensees zum Kunsthaus spaziert, könnte den Eindruck gewinnen, dass das Kreischen der Möwen die einzige Störung ist in diesem Ländle-Idyll. Wer so lustwandelt und sich von rosaroten Assoziationsketten entlang des Ufers ziehen lässt, könnte glauben, dass es keine 60.000 armutsgefährdeten Vorarlberger gibt (der höchste Wert in Österreich), und dass es in diesem Vorarlberg keinen dreijährigen Buben gegeben hat, der vom Lebensgefährten seiner Mutter totgeprügelt wurde und dessen mediale Präsenz seit Wochen nicht nur die örtlichen Stammtische in den zornigen Wahnsinn treibt.

Wie gut ist es da, wenn man ein Haus betreten kann, wo keine rosa Wolken gebraucht werden, um die Not hilflos zuzudecken - ein Haus, in dem Künstler und Kuratoren nicht aufgegeben haben, den Menschen präzise in den Blick zu nehmen und die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Schülerin des großen Marcel Duchamp

Haegue Yang ist eine Künstlerin der jüngeren Generation, Jahrgang 1971, und arbeitet in Berlin und Südkorea. Für die vorliegende Schau haben sie, ihr Team und die Fachleute vom Kunsthaus Bregenz über ein Jahr lang hart gearbeitet. Das Resultat kann sich sehen lassen. Es lässt ahnen, warum die multimedial arbeitende Künstlerin seit ihrem Durchbruch bei der Biennale in Venedig 2009 weltweit von jenem Kunstbetrieb gefeiert wird, den sie immer wieder ironisch hinterfragt. Im ersten Stock findet sich ein Überblick des Frühwerks, das sie als Studentin Anfang der 90er-Jahre geschaffen hat, bis hin zu Arbeiten aus der unmittelbaren Gegenwart. Eine geniale Werkgruppe besteht aus leeren A4-Blättern, die die Künstlerin hin und her faxen ließ. Weiße Blätter, die nur die Spuren des Faxgeräts aufweisen, zeigen eine Leere, die natürlich sofort an das östliche Nichts des Zens erinnert, dem die göttliche Fülle westlicher Prägung zugeordnet werden kann.

"Die Konzeptkünstlerin Haegue Yang liebt Jalousien“, konnte im Zuge der Berichterstattung über den koreanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2009 gelesen werden. In der Tat frönt die sympathische Asiatin mit ebensolchem Akzent im zweiten Stockwerk dieser großen Liebe. Nichts anderes als ihre größte bisherige Skulptur aus Jalousien ist dort zu sehen. Hier wie auch sonst in ihrem Werk zeigt sie sich als Schülerin des großen Marcel Duchamp, der in ähnlicher Weise ein Pissoir nahm, auf einen Sockel stellte und zum Kunstwerk erklärte.

Im dritten Stock hat Yang 33 neue Lichtskulpturen geschaffen, alle Details, das Arrangement der Lampen, die gestrickten Objekte, die Kabel etc. sind von der Künstlerin selbst gefertigt und aus ihrem Berliner Studio nach Bregenz überstellt worden. Irgendwie haben die Objekte etwas von Außerirdischen, die sozusagen in der (Kunst-)Welt angekommen sind. Von hier dürfte auch der Titel der Schau "Arrivals“ stammen. Sie sind aber wohl auch ganz einfach witzig gemeint - dieses Grelle, Raffinierte, Vielschichtige zaubert nicht nur auf koreanische Lippen ein verstehendes, universelles Lächeln. Auch wenn die Künstlerin im Gespräch eher die Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen Westen und Osten sieht, ist es doch ein Zeichen von Qualität und Universalität, das ihr Werk in Seoul beim Publikum genauso funktioniert wie in Europa und in den USA.

Blinder Fleck in Gedächtniskultur

Beachtenswert ist auch die Ausstellung im Erdgeschoß. Unter dem Label "KUB Arena“ gibt es hier seit einigen Jahren eine eigene Programmschiene. Dieses Mal ist es eine Kooperation mit dem niederländischen Van Abbemuseum. Thematisiert wird hier der Umgang mit Sammlungen und Archiven im Allgemeinen.

Die Art und Weise, wie gesammelt und erinnert wird, ist der blinde Fleck in der Gedächtniskultur; wird dieser bewusst gemacht, wird deutlich, wie viel vom jeweiligen Blick des Historikers durch seine Sichtweise vorbestimmt ist. Als besonderes Zuckerl hängt im Erdgeschoss ein echter Francis Bacon. Bacon war ja zeitlebens Gejagter der Mythen, die über ihn verbreitet wurden, ein unfreiwilliger Vorläufer der Seitenblicke-Society, die nicht auf das Werk, sondern auf pikante Details aus dem Leben der Künstler scharf ist.

Haegue Yang. Arrivals

Kunsthaus Bregenz

bis 3. April, Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr

www.kunsthaus-bregenz.at

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