Digital In Arbeit

"Ein Verlust von KONTROLLE"

1945 1960 1980 2000 2020

Regisseurin Marie Kreutzer über ihren neuen Film "Gruber geht" und die Herausforderungen, die eine junge Filmemacherin meistern muss.

1945 1960 1980 2000 2020

Regisseurin Marie Kreutzer über ihren neuen Film "Gruber geht" und die Herausforderungen, die eine junge Filmemacherin meistern muss.

Nach ihrem Debütfilm "Die Vaterlosen" beschäftigt sich Regisseurin Marie Kreutzer mit dem Thema Krebs: Gruber (Manuel Rubey), der Held des neuen Films, ist Mitte 30 und ein Lebemann: toller Job, tolle Wohnung, viele Frauen. Dann wird bei ihm plötzlich ein Tumor entdeckt ...

Die Furche: Ihr Film erzählt von einem jungen Mann, der an Krebs erkrankt. Wie haben Sie sich auf dieses Szenario vorbereitet?

Marie Kreutzer: Ich selbst habe mich schon immer sehr intensiv mit Krankheitsbildern auseinandergesetzt, weil ich hypochondrisch veranlagt bin. Es ist zwar etwas besser geworden, aber ich habe mir viel zu oft selbst vorgestellt, wie es ist, schwer krank zu sein. Ich war während der Recherche mehrmals im AKH, und dort hat mich sehr überrascht, wie Menschen mit der Krankheit Krebs im Alltag umgehen. Wie man mit dem Rhythmus, den einem die Chemotherapie aufzwingt, umgeht und wie man lernt, einfach damit zu leben. Da bekommt die Krankheit eine gewisse Alltäglichkeit. Viele Patienten, mit denen ich gesprochen habe, meinten, die Diagnose Krebs mache das Leben von einem Tag auf den anderen sehr einfach - was natürlich nicht positiv gemeint ist. Aber es geht dann nur mehr um eine Sache: Um das Gesundwerden, alles andere wird nebensächlich.

Die Furche: Der Stoff basiert auf dem gleichnamigen Roman von Doris Knecht ...

Kreutzer: ... die Buchvorlage hat mich deshalb interessiert, weil es darin um eine Art von Kontrollverlust geht, oder besser gesagt: Darum, dass man herausfindet, dass es Kontrolle über das Leben eigentlich nicht gibt. Kontrolle ist eine Illusion. Und diese Illusion versucht man auf verschiedenen Ebenen aufrecht zu erhalten, sei es nun mit einer Alarmanlage im Einfamilienhaus, oder mit dem Irrglauben, bei bestimmter Ernährung oder nach einem Rauchstopp sicher nicht sterben zu müssen. Wir glauben, die Dinge im Griff zu haben. Andererseits geht es in dem Roman auch um das Funktionieren. Gesellschaftlich wurde schon immer von den Menschen einiges erwartet, aber inzwischen geht das so weit, dass man ständig erreichbar und verfügbar sein soll. Man ist nicht nur einem beruflichen, gesundheitlichen und ästhetischen Druck ausgesetzt, sondern auch einem sozialen. Gruber widersetzt sich letzterem aber immer wieder. Genau das mochte ich an der Figur so gern: Dass er sehr ehrlich und sehr autark ist. Mich hat Gruber gereizt, weil ich so eine Figur vermutlich nie selbst erfunden hätte. Eine wichtige Frage war in der Vor-Produktion immer, ob man sich als Zuschauer für Gruber wirklich erwärmen kann, weil er, oberflächlich betrachtet, nicht sehr sympathisch ist. Er hat eine offene, ziemlich harte Art, und seine Ehrlichkeit schmerzt manchmal. Aber das lernte ich auch schätzen an ihm.

Die Furche: Gibt es einen Unterschied in der Arbeitsweise an einem Film, den Sie selbst geschrieben und einem, den Sie von einer Vorlage adaptiert haben?

Kreutzer: Ich habe es nicht als einen allzu großen Unterschied empfunden, denn wenn ich mal im Schreiben drinnen bin, dann mache ich mir den Stoff auch zueigen. Man hat natürlich den Vorteil, dass bei der Romanvorlage schon vieles da ist, was man sich bei einer originalen Geschichte erst erarbeiten müsste. Wobei, wenn ich ein Drehbuch schreibe, denke ich immer nach, wie ich Bilder für das finden kann, was ich erzählen will. Da macht es kaum einen Unterschied, ob die Erzählung eine eigene Geschichte oder eine Romanvorlage ist. Man darf beim Schreiben nicht zu sehr ans Publikum denken, und damit meine ich nicht, dass mir das Publikum egal wäre, sondern, dass ich mich in diesem Prozess selbst als Referenz heranziehen muss. Ich kann keinen Film machen, der allen gefällt, das würde nicht gelingen.

Die Furche: In Österreich arbeiten beim Film viele Frauen als Regisseurinnen oder in leitenden Positionen. Haben Sie es trotzdem schwieriger als ihre männlichen Kollegen?

Kreutzer: Als Frau ist es immer schwieriger. Und es sind gar nicht so viele Frauen, wie man im Allgemeinen denken mag, die vom Filmemachen leben können. Die Statistik zeigt: Bei niedrig budgetierten Filmen, wo es weniger Geld zu verdienen gibt, sind mehr Frauen entweder als Regisseurinnen oder Produzentinnen tätig, als in höher budgetierten Filmprojekten.

Die Furche: Da gibt es also noch einen ziemlichen Aufholbedarf?

Kreutzer: Ja. Schon allein, wenn ich mit meiner Kamerafrau eine Motivbegehung mache, dann werden wir nie als die Entscheidungsträger wahrgenommen. Wenn wir zusammen mit einem Aufnahmeleiter oder einem Ausstatter irgendwo reinkommen, dann werden immer die angesprochen. Es denkt offenbar gar niemand daran, dass wir beide die Entscheidungen treffen.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die aktuelle Filmförderpolitik in Österreich?

Kreutzer: Die Branche ist prinzipiell sehr klein, mit überproportional viel talentierten Leuten, die gar nicht alle gleichzeitig beschäftigt sein könnten. Das ist leider die Realität. Wir sind es zudem alle leider schon gewohnt, dass wir nicht wissen, wann wir unsere nächsten Projekte realisieren können, weil Förderentscheidungen andauern und man dazwischen in der Luft hängt und nicht planen kann.

Die Furche: Dann liegt erst Mal alles auf Eis.

Kreutzer: Das Blöde ist, man weiß nie, wann es sich lohnt, dranzubleiben und wann man aufgeben muss. Ich behaupte, dass das wichtigste in meinem Beruf eher das Durchhaltevermögen ist, und nicht das Talent. Aber das ist ein zweischneidiges Schwert, denn es gibt auch Hartnäckige, bei denen es trotzdem nicht klappt, bei der Förderung zum Beispiel. Die Selbsteinschätzung ist genauso wichtig. Ein großer Teil des Berufs ist auch, dass man sich Kritik gefallen lässt, und dabei differenziert, was man sich aus einer Kritik für die eigene Arbeit mitnehmen kann und was man besser gleich wieder vergisst. Ich bin mittlerweile schon recht gut darin, das zu filtern. Am Ende ist es mir schon wichtig, meine Vision umzusetzen, denn ich bin letztlich für den Film verantwortlich und stehe dann draußen auf der Bühne und beantworte die Fragen.

Die Furche: Fällt es Ihnen schwer oder leicht, sich am Set durchzusetzen?

Kreutzer: Das Tolle an dieser Arbeit ist, dass man sie gemeinschaftlich macht, mit seinem Team, das man sich ja selbst zusammengestellt hat. Dieses Team liefert im Idealfall den richtigen Input für ein Projekt. Aber natürlich ändert sich der Film laufend durch die Zusammenarbeit am Set, und es kommt am Ende niemals der Film heraus, den man Jahre zuvor im Kopf hatte. Aber das ist gut so, finde ich. Film ist eine Gemeinschaftsarbeit. Es muss nur jemanden geben, der die übergeordnete Idee des Films wahrt. Und das ist manchmal schon ein Kampf.

Gruber geht

A 2015. Regie: Marie Kreutzer.

Mit Manuel Rubey, Bernadette Heerwagen, Doris Schretzmayer. Thimfilm. 104 Min.

FURCHE-Navigator Vorschau