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Ein wirklich echter Wiener

Sein Lebenswerk prägte die österreichische TV-Geschichte. Mit dieser treffenden Begründung erhält Ernst Hinterberger nächsten Mittwoch den Axel-Corti-Preis der österreichischen Volksbildung für wertvolle Leistungen im Fernsehen. Der Schöpfer des legendären Edmund Sackbauer ist ein Wiener Volksschriftsteller, der nicht über Bücher, sondern über das Fernsehen Ruhm erlangte. Mundl-Sprüche wie „Mei Bier is net deppat“ oder die Androhung einer Ohrfeige, nach welcher der Getroffene unter einem 14-tägigen Wackeln des Kopfes zu leiden habe, sind geflügelte Worte geworden.

Der 1931 in Wien als Sohn eines Schriftsetzers geborene Hinterberger absolvierte eine Lehre als Elektroinstallateur und besuchte die Wiener Polizeischule, musste aber aufgrund einer Sehschwäche den Dienst quittieren. Nach Jahren der Schufterei als Hilfsarbeiter in einer Fabrik wurde der bekennende Buddhist 1958 Büchereileiter in diversen Volksbildungshäusern. In dieser Zeit schrieb er seine ersten Romane: „Beweisaufnahme“ (1965) und „Salz der Erde“ (1966). 1968 kehrte Hinterberger, diesmal als kaufmännischer Angestellter, an seine alte Arbeitsstätte zurück, wo er trotz wachsender Bekanntheit als Schriftsteller bis zu seiner Pensionierung 1991 tätig war.

Mit „Ein echter Wiener geht nicht unter“ schrieb Hinterberger Fernsehgeschichte. Die von 1975 bis 1979 vom ORF ausgestrahlte Serie über den Alltag einer Proletarierfamilie begeisterte die einen und stieß bei den anderen auf extreme Ablehnung. Eine Dramaserie, in der die authentische Sprache des kleinen Mannes zu vernehmen war, hatte es bis dahin in Österreich noch nicht gegeben. Die ganze Derbheit und der ganze Witz des Wienerischen kulminierten in der Figur des unentwegt Bier trinkenden, misanthropischen Mundl. Bürgerliche Fernsehzuschauer waren entsetzt über den unfeinen Ton der Sackbauer’schen Wutausbrüche, Sozialdemokraten wiederum beklagten die angebliche Verunglimpfung der Arbeiterschaft. Eine persönliche Erinnerung: Mein Großvater spielte in einer der letzten Folgen eine Nebenrolle (einen Apotheker), aber dem Enkel war es nicht erlaubt, die „ordinäre“ Sendung anzuschauen.

Danach veröffentlichte Hinterberger weitere Romane, vor allem Krimis („Jogging“, „Kleine Blumen“). 1992 gelang ihm mit der TV-Serie „Kaisermühlen-Blues“ erneut ein großer Wurf. Abermals traf er mit seiner realistischen und einfühlsamen Beschreibung der Welt der kleinen Leute den Nerv der Fernsehzuseher. Eine Figur aus dem 1999 eingestellten „Kaisermühlen-Blues“ erhielt schließlich eine eigene Krimiserie: „Trautmann“ (2000–2005). Es sollte der letzte große Erfolg Hinterbergers bleiben. Der Kinofilm „Echte Wiener – Die Sackbauer-Saga“ (2008) verzeichnete zwar beachtliche 370.000 Zuschauer, aber die Kritik rümpfte die Nase.

In den letzten Jahren hatte Hinterberger zunehmend mit Eingriffen in seine Drehbücher zu kämpfen. Schon bei „Trautmann“ habe sich der Regisseur nach einigen Folgen überhaupt nicht mehr an sein Buch gehalten, klagte Hinterberger. Vor Kurzem distanzierte er sich von dem Film „Echte Wiener 2“, der diesen Dezember in die Kinos kommen soll. Die vorgenommenen Änderungen („Absurditäten, spekulative Zuspitzungen und ein Finale, das plump einer Hollywood-Komödie nachempfunden wurde“) laufen in Hinterbergers Augen auf einen „geistigen Vatermord“ hinaus. Was hätte Mundl an seiner Stelle bloß gesagt?

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