Little Joe - © Foto: Filmladen
Feuilleton

Einbildung oder Wirklichkeit?

1945 1960 1980 2000 2020

In Cannes war Jessica Hausners englischsprachiges Filmdebüt „Little Joe“ für die Goldene Palme nominiert. Im FURCHE-Interview erzählt die österreichische Regisseurin über ihr Opus, das zwischen ScienceFiction und Suspense angesiedelt ist.

1945 1960 1980 2000 2020

In Cannes war Jessica Hausners englischsprachiges Filmdebüt „Little Joe“ für die Goldene Palme nominiert. Im FURCHE-Interview erzählt die österreichische Regisseurin über ihr Opus, das zwischen ScienceFiction und Suspense angesiedelt ist.

Am Ende wurde es der Preis für die Beste Darstellerin Emily Beecham, und das ist zugleich auch eine Trophäe für die Regisseurin, die ihre Darstellerin angeleitet hat: „Little Joe“, Jessica Hausners Debüt im Wettbewerb von Cannes, hat es mit seiner strikten, penibel durchdachten Dramaturgie und mit der einnehmend gespielten Geschichte geschafft, die Jury zu überzeugen. Hausner hat ihren Bio tech-Thriller mit viel Akribie inszeniert, man traute ihr in Cannes sogar den Regie-Preis zu. Aber noch ist es nicht soweit: Hausner ist erst einmal da angekommen, wohin sich viele ihrer Berufskollegen sehnen: an die Spitze des Weltkinos.

DIE FURCHE: Frau Hausner, worauf basiert Ihre Idee zu „Little Joe“?
Jessica Hausner: Meine ursprüngliche Idee war eine Geschichte über eine Art weiblichen Frankenstein – eine Wissenschafterin, die ein Monster erfindet, über das sie dann die Kontrolle verliert. Wobei mir allerdings bald klar war, dass es ein Film mit einem Happy-End werden sollte. Also nicht die klassische Geschichte, in der der Wissenschafter seine Kreatur umbringen muss, um selbst zu überleben, oder umgekehrt. In meiner Variante überleben beide, und zwar in bester harmonischer Umgebung. Mir geht es um einen Blick in die Zukunft. In der Gegenwart wird viel mit Gentechnik experimentiert. Ich sehe das nicht ausschließlich negativ, doch was ich spannend finde, ist die Ambivalenz: dass etwas, das in die Welt gesetzt wird, gute und schlechte Effekte haben wird.

DIE FURCHE: Warum haben Sie „Little Joe“ auf Englisch gedreht?
Hausner: „Little Joe“ hat etwas von einem Genrefilm – einerseits Science-Fiction, andererseits Psychothriller. Genrefilme sind eine amerikanische Erfindung, und ich finde, dass die englische Sprache sich dafür sehr gut eignet: sehr knapp, sehr klar, sehr trocken. Das hat mich dazu angeregt, auf Englisch zu drehen. Genrefilme folgen klaren Regeln und der Zuschauer weiß, was ihn erwartet. Das gibt dem Publikum Sicherheit – es kann sich auf den Grusel einlassen. Auch mein Film folgt den klaren Regeln. Doch trotzdem nimmt die Geschichte eine Wendung, die nicht zu einem Genrefilm gehört. Die Erwartungshaltung wird nicht erfüllt. Man bekommt ein Ende mit einem Augenzwinkern, das ironisch ist und durchaus ambi valent bleibt.

Am Ende wurde es der Preis für die Beste Darstellerin Emily Beecham, und das ist zugleich auch eine Trophäe für die Regisseurin, die ihre Darstellerin angeleitet hat: „Little Joe“, Jessica Hausners Debüt im Wettbewerb von Cannes, hat es mit seiner strikten, penibel durchdachten Dramaturgie und mit der einnehmend gespielten Geschichte geschafft, die Jury zu überzeugen. Hausner hat ihren Bio tech-Thriller mit viel Akribie inszeniert, man traute ihr in Cannes sogar den Regie-Preis zu. Aber noch ist es nicht soweit: Hausner ist erst einmal da angekommen, wohin sich viele ihrer Berufskollegen sehnen: an die Spitze des Weltkinos.

DIE FURCHE: Frau Hausner, worauf basiert Ihre Idee zu „Little Joe“?
Jessica Hausner: Meine ursprüngliche Idee war eine Geschichte über eine Art weiblichen Frankenstein – eine Wissenschafterin, die ein Monster erfindet, über das sie dann die Kontrolle verliert. Wobei mir allerdings bald klar war, dass es ein Film mit einem Happy-End werden sollte. Also nicht die klassische Geschichte, in der der Wissenschafter seine Kreatur umbringen muss, um selbst zu überleben, oder umgekehrt. In meiner Variante überleben beide, und zwar in bester harmonischer Umgebung. Mir geht es um einen Blick in die Zukunft. In der Gegenwart wird viel mit Gentechnik experimentiert. Ich sehe das nicht ausschließlich negativ, doch was ich spannend finde, ist die Ambivalenz: dass etwas, das in die Welt gesetzt wird, gute und schlechte Effekte haben wird.

DIE FURCHE: Warum haben Sie „Little Joe“ auf Englisch gedreht?
Hausner: „Little Joe“ hat etwas von einem Genrefilm – einerseits Science-Fiction, andererseits Psychothriller. Genrefilme sind eine amerikanische Erfindung, und ich finde, dass die englische Sprache sich dafür sehr gut eignet: sehr knapp, sehr klar, sehr trocken. Das hat mich dazu angeregt, auf Englisch zu drehen. Genrefilme folgen klaren Regeln und der Zuschauer weiß, was ihn erwartet. Das gibt dem Publikum Sicherheit – es kann sich auf den Grusel einlassen. Auch mein Film folgt den klaren Regeln. Doch trotzdem nimmt die Geschichte eine Wendung, die nicht zu einem Genrefilm gehört. Die Erwartungshaltung wird nicht erfüllt. Man bekommt ein Ende mit einem Augenzwinkern, das ironisch ist und durchaus ambi valent bleibt.

Diese ,Veränderungen‘ könnten sogar gar nicht stattgefunden haben und nur in der Einbildung der Figuren passiert sein.

DIE FURCHE: „Little Joe“ setzt auch sehr auf seine Schockmomente. Bei der Premiere in Cannes waren viele Zuschauer wirklich ganz mitgenommen.
Hausner: Grundsätzlich bin ich sehr froh, wenn die geplanten Schockmomente funktionieren. Aber es gibt nicht nur solche Szenen. Bei der Premiere haben die Leute auch an den richtigen Stellen gelacht. Das ist für mich immer ganz wichtig, weil der eher subversive Humor, den meine Filme manchmal haben, eine wichtige Rolle spielt.

DIE FURCHE: Woraus setzt sich dieser subversive Humor zusammen?
Hausner: Ich kann das vielleicht ganz gut an der Filmmusik von „Little Joe“ erläutern. Die Musik stammt vom japanischen Komponisten Teiji Ito. Sie ist nicht speziell für den Film komponiert, es gab sie schon vorher. Ich habe beim Schreiben des Drehbuches und beim Zeichnen des Storyboards an sie gedacht. Ich fand die Exzentrik der Musik interessant. Sie ist mitreißend, aber dann wieder verstörend, manchmal regelrecht scheußlich. Das gibt auch dem Film einen Charakter, der sehr eigen ist. Und der manchmal auch zum Schmunzeln ist.

DIE FURCHE: Psychothriller funktionieren meist auf einem schmalen Grat zwischen Glaubwürdigkeit und Hinterfragen.
Hausner: Das sehe ich auch so. Deshalb war es mir und Drehbuchautorin Géraldine Bajard sehr wichtig, eine Stimmung in den Film zu bringen, der die Zuschauer zum Hinterfragen der Integrität der Figuren bringt. Wir wollten verschiedene Möglichkeiten anbieten, das Geschehene zu interpretieren: Die sogenannten Veränderungen der Charaktere können sowohl durch ihren psychischen Zustand als auch durch die eingeatmeten Pollen begründet werden. Oder diese „Veränderungen“ könnten sogar gar nicht stattgefunden haben und nur in der Einbildung der Figuren passiert sein. Diesen schmalen Grat zu gehen, war die größte Herausforderung bei der Arbeit am Buch.

DIE FURCHE: Auffallend ist die kompromisslose Ästhetik, die sie wieder anwenden, vielleicht so konsequent wie nie zuvor.
Hausner: Ich denke, dass die Ästhetik von „Little Joe“ noch radikaler abstrakt und künstlich ist als in meinen früheren Arbeiten. „Amour Fou“ war wohl ein Steigbügel in diese Richtung, da man mit einem historischen Setting beinahe zwangsläufig eine Fantasiewelt eröffnet. Niemand von uns hat in dieser Zeit gelebt, niemand ist dort gewesen. Wir hatten nur historische Bilder als Vorgabe, die bereits die Interpretation eines anderen Künstlers sind. Es ist also von Haus aus eine erfundene Welt, die man entwirft. Mit „Little Joe“ wollte ich noch einen Schritt weiter gehen. Wir haben uns von realen Orten wie Gewächshäusern und Laboratorien inspirieren lassen, aber schlussendlich wollten wir ein künstliches Universum schaffen. Ziel war es, das Märchenhafte der Geschichte spiegeln. Wir haben uns beispielsweise für beinahe kindische Farben wie Mintgrün, Weiß und das Rot der Blume entschieden, um das Fabelhafte zu unterstreichen. Dazu zählt sicher auch Alice’ rote Haarfarbe,
dieser fast ikonografische rote Pilz ihrer Frisur war mir sehr wichtig.

DIE FURCHE: Ist es Ihnen wichtig, ein großes Publikum zu erreichen?
Hausner: Ja und nein. Es wird mir wichtig, weil es für alle anderen so wichtig ist. Die Menschen, die Geld in meinen Film investiert haben, wollen natürlich, dass er erfolgreich ist. Ich will das auch – aber ich bin nicht bereit, dafür Kompromisse einzugehen. Ich mache meine Filme so, wie ich es gut finde. Und im besten Fall interessiert das dann nicht nur mich, sondern auch viele andere Leute.

DIE FURCHE: In Cannes scheinen schön langsam die Zeiten anders zu werden: Immerhin gab es schon einige Frauen im Wettbewerb, vor einigen Jahren waren gar keine eingeladen. Ist das schon ein Aufbruch in die richtige Richtung?
Hausner: Ich bin mir nicht sicher. Aber es gibt einen öffentlichen Druck, der sich seit zwei, drei Jahren stetig aufbaut, und der geht in Richtung mehr Frauen bei den großen Festivals. Darüber bin ich grundsätzlich sehr froh, und das ist einer der sichtbarsten Effekte der Me­Too­Bewegung. Dieser Bewegung geht es nicht nur um sexuelle Belästigung oder sexuellen Missbrauch, sondern viel genereller um die Ordnung verschiedener Hierarchien in der Gesellschaft. Wenn sich diese Hierarchien mit genügend Druck von außen ändern können, dann ist das ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Hausner - © Foto: APA / Georg Hochmuth

Jessica Hausner

Regisseurin

Jessica Hausner ist eine preisgekrönte österreichische Autorin und Filmregisseurin und Mitglied der Oscar-Akademie. In Cannes war Jessica Hausners englischsprachiges Filmdebüt „Little Joe“ für die Goldene Palme nominiert.

Jessica Hausner ist eine preisgekrönte österreichische Autorin und Filmregisseurin und Mitglied der Oscar-Akademie. In Cannes war Jessica Hausners englischsprachiges Filmdebüt „Little Joe“ für die Goldene Palme nominiert.

Fakt

Filmkritik: Zwischen Joe und Little Joe

Dass Jessica Hausner im Suspense zu Hause ist, hat sie bereits vor 15 Jahren mit „Hotel“ bewiesen. Und dass sie als Filmemacherin ein Faible fürs DistanziertArtifizielle hat, kann man ihr spätestens seit „Lourdes“ (2009) konzedieren. In „Little Joe“ verschränkt sie den Suspense mit dem SciFi-Genre und lässt ihr Publikum verstört lachend zurück: Alice (Emily Beecham, Silberne Palme in Cannes 2019) ist Biowissenschafterin mit Leib und Seele. Sie leitet ein Züchtungsprojekt von Pflanzen, deren Duft Menschen glücklich macht. Einen dieser roten Züchtlinge bringt sie – verbotenerweise – ihrem pubertierenden Sohn Joe als Geschenk mit und gibt der Topfpflanze den Namen „Little Joe“. Doch „Little Joe“ macht nicht nur glücklich. Das Einatmen der Pollen, so die Mutmaßung, verändert die Menschen, die die Pflanze pflegen – und zwar nicht zu ihrem Vorteil. Oder ist das bloß Paranoia einer Wissenschafterin, die im hintersten Winkel ihrer Seele doch daran zweifelt, dass ihre gentechnische Zuchtarbeit unabsehbare Folgen zeitigen wird? Grandios spielt Jessica Hausner, unterstützt durch die Filmmusik des Japaners Teiji Ito, auf der Klaviatur filmischen Schreckens – und bleibt dennoch ihrer ästhetischen Kategorie der Distanziertheit treu. Ein Film zum Gruseln, aber auch zum Reflektieren über die Abgründe, in die sich die Biowissenschaften manövrieren können. Oder ist das alles doch nur Ausdruck schlechten Gewissens einer alleinerziehenden Mutter, welche sich vorwirft, ihren Beruf der Nähe zu Sohn Joe vorgezogen zu haben? (Otto Friedrich)

Little Joe - © Foto: Filmladen
© Foto: Filmladen
Film

Little Joe

GB/A/D 2019. Regie: Jessica Hausner.
Mit Emily Beecham, Ben Whishaw.
Filmladen. 105 Min.