Mariss Jansons - Mariss Jansons - © Foto: APA / Punz
Feuilleton

"Eine fantastische Harmonie"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Dirigent Mariss Jansons über seine kommende Salzburger "Pique Dame" und Tschaikowskis Schmerz, über Text und Musik, die intensiven Vorbereitungen für eine Oper und einen besonderen Wunsch.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Dirigent Mariss Jansons über seine kommende Salzburger "Pique Dame" und Tschaikowskis Schmerz, über Text und Musik, die intensiven Vorbereitungen für eine Oper und einen besonderen Wunsch.

Seit 2003 ist Mariss Jansons Chefdirigent des Symphonieorchesters und des Chors des Bayerischen Rundfunks. Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen wird er Peter Iljitsch Tschaikowskis "Pique Dame" dirigieren.

DIE FURCHE: Manche Opernhäuser, darunter auch die Wiener Staatsoper, haben sich bisher vergeblich um Sie bemüht. Bei den Festspielen in Salzburg dirigieren Sie innerhalb von drei Jahren zum zweiten Mal eine Oper. Wieso ist in Salzburg möglich, was woanders offensichtlich nicht geht?

Mariss Jansons: Juni, Juli, August ist die Zeit, in der ich auch meinen Urlaub habe. Außerdem hat man mir interessante Opern vorgeschlagen - übrigens auch in Wien, aber da fällt es in die Saison. Da ist es schwierig, wenigstens ein Monat Zeit für die Proben und für die noch folgenden Vorstellungen unterzubringen. Dazu kommt noch die Vorbereitungszeit. Ich lese sehr viel, will so in die Tiefe gehen, dass ich jede Frage beantworten kann. Das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch die Szene. Generell kann ich sagen, dass die Vorbereitung für die Oper bei mir ein Jahr beträgt. Was die Proben anlangt, ist wichtig, so viel zu probieren, wie man fühlt, dass es notwendig ist. Probiert man zu viel, verliert man Enthusiasmus und besteht die Gefahr eines Automatismus. Bei den Sängern ist es mit dem Singen allein nicht getan, sie müssen ihre Vorstellung auch durch den Körper imaginieren.

DIE FURCHE: Nach Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" vorigen Salzburger Festspielsommer ist ihre Wahl erneut auf eine russische Oper gefallen: "Pique Dame" von Tschaikowski. Eine deutsche, französische oder italienische Oper hätte Sie nicht gereizt?

Jansons: Eine Oper in einer anderen Sprache würde eine längere Vorbereitungszeit bedeuten. Ich kann nicht oberflächlich zum Text gehen, ich muss jedes Wort verstehen. "Pique Dame" war erst für den Festspielsommer 2020 geplant. Nach der Absage der Wiederaufnahme von "Aida" hat man mich gebeten, ob ich helfen könnte - und als alter Freund der Festspiele habe ich das gerne gemacht. Das war erst Ende September, da war es dann gar nicht leicht, eine Sängerbesetzung und einen Regisseur zu finden. Aber es hat geklappt.

DIE FURCHE: Wann haben Sie "Pique Dame" kennengelernt, noch in Ihrer Jugend in Riga, durch Ihren Vater, den Dirigenten Arvids Jansons?

Jansons: Die ersten "Pique Dame"-Vorstellungen habe ich in Riga gehört, meine Mutter hat die Polina gesungen. Um sich noch weiter zu bilden, hatte auch sie eine Lehrerin und sie hat mich immer zu ihren Stunden mitgenommen. Dort wurden immer wieder Stellen wiederholt, wie die Romanze der Polina, auch Carmen. Wir hatten kein Kindermädchen, und so war ich, bis ich die Schule angefangen habe, den ganzen Tag im Opernhaus. Von dort rührt meine große Leidenschaft für die Oper. Nach den Proben habe ich mir eine Platte aufgelegt und das Stück in verschiedenen Rollen - als Dirigent, als erster Geiger oder als Tänzer in verschiedenen Kostümen - in meiner Fantasie mehrmals nachgespielt. So konnte ich bald viele Opern und noch mehr Ballette auswendig. Meine erste "Pique Dame" habe ich in St. Petersburg dirigiert.

Seit 2003 ist Mariss Jansons Chefdirigent des Symphonieorchesters und des Chors des Bayerischen Rundfunks. Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen wird er Peter Iljitsch Tschaikowskis "Pique Dame" dirigieren.

DIE FURCHE: Manche Opernhäuser, darunter auch die Wiener Staatsoper, haben sich bisher vergeblich um Sie bemüht. Bei den Festspielen in Salzburg dirigieren Sie innerhalb von drei Jahren zum zweiten Mal eine Oper. Wieso ist in Salzburg möglich, was woanders offensichtlich nicht geht?

Mariss Jansons: Juni, Juli, August ist die Zeit, in der ich auch meinen Urlaub habe. Außerdem hat man mir interessante Opern vorgeschlagen - übrigens auch in Wien, aber da fällt es in die Saison. Da ist es schwierig, wenigstens ein Monat Zeit für die Proben und für die noch folgenden Vorstellungen unterzubringen. Dazu kommt noch die Vorbereitungszeit. Ich lese sehr viel, will so in die Tiefe gehen, dass ich jede Frage beantworten kann. Das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch die Szene. Generell kann ich sagen, dass die Vorbereitung für die Oper bei mir ein Jahr beträgt. Was die Proben anlangt, ist wichtig, so viel zu probieren, wie man fühlt, dass es notwendig ist. Probiert man zu viel, verliert man Enthusiasmus und besteht die Gefahr eines Automatismus. Bei den Sängern ist es mit dem Singen allein nicht getan, sie müssen ihre Vorstellung auch durch den Körper imaginieren.

DIE FURCHE: Nach Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" vorigen Salzburger Festspielsommer ist ihre Wahl erneut auf eine russische Oper gefallen: "Pique Dame" von Tschaikowski. Eine deutsche, französische oder italienische Oper hätte Sie nicht gereizt?

Jansons: Eine Oper in einer anderen Sprache würde eine längere Vorbereitungszeit bedeuten. Ich kann nicht oberflächlich zum Text gehen, ich muss jedes Wort verstehen. "Pique Dame" war erst für den Festspielsommer 2020 geplant. Nach der Absage der Wiederaufnahme von "Aida" hat man mich gebeten, ob ich helfen könnte - und als alter Freund der Festspiele habe ich das gerne gemacht. Das war erst Ende September, da war es dann gar nicht leicht, eine Sängerbesetzung und einen Regisseur zu finden. Aber es hat geklappt.

DIE FURCHE: Wann haben Sie "Pique Dame" kennengelernt, noch in Ihrer Jugend in Riga, durch Ihren Vater, den Dirigenten Arvids Jansons?

Jansons: Die ersten "Pique Dame"-Vorstellungen habe ich in Riga gehört, meine Mutter hat die Polina gesungen. Um sich noch weiter zu bilden, hatte auch sie eine Lehrerin und sie hat mich immer zu ihren Stunden mitgenommen. Dort wurden immer wieder Stellen wiederholt, wie die Romanze der Polina, auch Carmen. Wir hatten kein Kindermädchen, und so war ich, bis ich die Schule angefangen habe, den ganzen Tag im Opernhaus. Von dort rührt meine große Leidenschaft für die Oper. Nach den Proben habe ich mir eine Platte aufgelegt und das Stück in verschiedenen Rollen - als Dirigent, als erster Geiger oder als Tänzer in verschiedenen Kostümen - in meiner Fantasie mehrmals nachgespielt. So konnte ich bald viele Opern und noch mehr Ballette auswendig. Meine erste "Pique Dame" habe ich in St. Petersburg dirigiert.

Ich lese sehr viel, will so in die Tiefe gehen, dass ich jede Frage beantworten kann. Das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch die Szene.

DIE FURCHE: "Pique Dame" haben Sie zuletzt 2016 anlässlich des 50-jährigen Bestehens der dortigen Nationaloper mit dem Concertgebouw Orkest in Amsterdam dirigiert, davor konzertant mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, davon gibt es auch einen Mitschnitt. Was ist für Sie das Besondere an dieser Oper, die Tschaikowski als sein "Chef d'Oeuvre" bezeichnet hat?

Jansons: "Pique Dame" ist zweifellos die beste Oper von Tschaikowski, dramaturgisch wie musikalisch, ein großes Drama, eine große Tragödie. Man kann das Werk vielfach mit seiner Biographie in Beziehung bringen. Er war sehr unglücklich in seinem Leben und ich glaube, dass der Schmerz in der Oper sein Schmerz ist, wie ihn Hermann ausdrückt. Das hat für mich zwei Gründe: Tschaikowski war sehr empfindlich. Als er das Finale von "Pique Dame" geschrieben hat, hat er die ganze Nacht geweint. Dazu kam seine Homosexualität, das war damals sehr gefährlich und hat seine Liebe, seine Gefühle begrenzt. Aber er war klug und hat das alles in die Oper transportiert, auch in der Figur der Lisa, die bei Puschkin nur eine Nebenrolle ist.

DIE FURCHE: Das Libretto der Oper hat Tschaikowskis Bruder Modest verfasst, dem die gleichnamige Novelle von Puschkin als Grundlage diente. Sollte man sie gelesen haben, obwohl sich das Opernlibretto vielfach von Puschkin unterscheidet? So begeht Lisa Selbstmord, während sie bei Puschkin einen Bürgerlichen heiratet. Hermann erdolcht sich am Ende der Oper, bei Puschkin endet er im Irrenhaus. Und auch Hermann wird in der Oper anders gezeichnet: Es geht nicht nur allein um seine Liebe zu Lisa, er muss sie mit seiner Leidenschaft für das Kartenspiel teilen.

Jansons: Puschkin muss man lesen, aber man muss die Unterschiede auseinander halten. Es ist gefährlich, wenn man anfängt, etwas zu mischen. Das führt zu Konflikten bei der Arbeit. Außerdem spielt bei Puschkin die Novelle im 19. Jahrhundert, die Oper bei Tschaikowski im 18. Jahrhundert. Er arbeitet die Konflikte deutlicher heraus, bei ihm spielt Lisa eine viel größere Rolle, dazu kommt die idée fixe von Hermann. Mit dem Puschkin-Text ließe sich diese Dramatik nicht schaffen. Es wird auch eine Moral angesprochen: Was ist eigentlich das Wichtigste im Leben, Liebe oder Geld? Weil Hermann ein Spieler ist. Hermann sagt, wenn er reich wird, dann kann er mit Lisa weg von dieser Gesellschaft, aber das ist ihm nie gelungen. Die Rolle von Hermann ist so schwierig, ich finde, man muss seine beiden Seiten sehr leidenschaftlich darstellen, auch Lisas Liebe zu ihm. Aber auch die Gräfin ist eine sehr wichtige Rolle, sie zerstört die Liebe, zumindest indirekt.

DIE FURCHE: Wie schon bei Ihrer ersten Salzburger Oper arbeiten Sie auch diesmal mit einen deutschen Regisseur: bei Schostakowitsch war es Andreas Kriegenburg, jetzt ist es Hans Neuenfels.

Jansons: Ich versuche immer, die besten Regisseure zu bekommen, auch wenn man im vorhinein nicht weiß, wie das mit der eigenen Interpretation zusammenpasst. Es wäre gut, mit jenen Regisseuren zusammenzuarbeiten, die man schon gut kennt, von denen man fühlt, das sie in dieselbe Richtung denken und die Musik nicht zerstören. Für mich ist es interessant, mit verschiedenen zu arbeiten. Egal, was ich alles im Vorfeld über Neuenfels gehört habe, wir haben eine fantastische Harmonie. Natürlich diskutieren wir und manchmal sind wir uns nicht einig, aber wir versuchen, einander zu helfen. Man muss auch akzeptieren, dass ein Regisseur seine Vorstellungen hat. Neuenfels, mit dem ich zum ersten Mal arbeite, hat viel Fantasie und geht mit der Musik.

DIE FURCHE: Kürzlich haben Sie Ihren Vertrag als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks bis 2025 verlängert. Haben Sie Hoffnung, dass bis dahin der lang ersehnte neue Münchner Konzertsaal fertig sein wird?

Jansons: Nein, das ist auch nicht der Grund der Verlängerung. Es war der Wunsch des Orchesters. Ich hatte mich schon mit dem Gedanken getragen, 2021 zu gehen. Ich liebe das Orchester wahnsinnig, aber ich habe nicht spontan ja gesagt. Wie das mit dem Saal weitergeht, kann man aus heutiger Sicht nicht sagen.

DIE FURCHE: Werden Sie in Salzburg bald eine dritte Oper dirigieren und gibt es Gespräche mit der neuen Wiener Staatsoperndirektion?

Jansons: Über eine dritte Oper haben wir nicht gesprochen, Gespräche mit Wien hat es gegeben, aber wir sind zeitlich nicht zusammengekommen.

DIE FURCHE: Haben Sie einen besonderen Wunsch?

Jansons: Noch einmal Schönbergs "Gurrelieder", wann immer es möglich ist, aber das kostet viel Geld. Am liebsten würde ich es mit meinem Orchester in München oder den Wiener Philharmonikern machen.