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"Eine feste Burg ist unser Netz"

Ist das Internet eine Folge, ein Ausdruck oder ein Grund des grassierenden "Netz-Enthusiasmus", der auch in der Rede von der "Vernetzung" seinen Niederschlag findet? Wahrscheinlich eine weitere Frage nach der Henne oder dem Ei. Jedenfalls sind Netz und Internet ebenso Mythos wie Realität. Das Dossier untersucht dies in philosophischer (Seite 21) wie auch in praktischer Hinsicht : Perspektiven des Internets (Seite 22), der Wahnwitz einer heraufdräuenden Überwachungsgesellschaft (Seite 23). Redaktion: Otto Friedrich Das "Netz" als Menschheits-Ausdruck der Gegenwart ist nichts als eine (religiöse) Fantasie.

Kaum eine andere Facette des Selbstverständnisses der westlichen Gesellschaften erfährt derzeit eine stärkere Emphase als deren vermeintliche Säkularität. Diese Emphase reagiert auf den Eindruck, sich in einem Abwehrkampf gegen den (islamischen) religiösen Fundamentalismus zu befinden, der die westlichen Gesellschaften von innen und außen zugleich bedrohe.

Hellhörig muss an dieser Abwehr der gesinnungspolizeiliche Ton machen, den sie nicht selten annimmt. So etwa, wenn Einwanderern ein Bekenntnis zu den westlichen Werten abverlangt und gar die Abschiebung von unzuverlässig erscheinenden Subjekten gefordert wird.

Quasi-religiöse Haltungen

Dass der säkulare Staat nur eine Zweck-und keine Bekenntnisgemeinschaft sein kann, der von den ihm Unterworfenen zwar die Beachtung seiner Gesetze, doch keine bestimmte Haltung fordern kann, gerät außer Sicht. Erkennbar wird darin ein Verlangen nach der Kongruenz von Staat, Kultur und Bekenntnis, das der Theologe Karl Barth dem Christentum schon auszutreiben versuchte.

Dass sich quasi-religiöse Haltungen im Rücken einer sich säkular gebenden Moderne durchsetzen, ist kein Zufall, sondern Indiz einer Krise dieser Moderne selbst, der sie auch mit Post-Präfix versehen nicht entgeht: einer Krise, die darin wurzelt, dass die Aufklärung ihr Versprechen, die imaginierte Macht der Magie über das Leben durch reale Macht abzulösen, die ihr Fundament in einer fortschreitenden Naturbeherrschung hat, nicht einzulösen vermochte.

Während die Herrschaft über die Natur wächst, erfahren die Menschen die Zunahme von Zwang und Unsicherheit. Wo diese Erfahrung sich zuspitzt zu der einer beständigen Bedrohung des Lebens, begegnet der weltpolizeiliche Fortschritt einem Widerstand, der sich oft scheinbar antimodernen Leitbildern wie dem Gottesstaat verschreibt - Leitbildern, die jedoch auch der westlichen Moderne fremd sind.

Religion usurpiert Technik

Die Religion, die mit dem Scheitern der aufklärerischen Hoffnungen versöhnen soll, gibt sich dagegen modern. In ihren wuchernden Bildern und Phrasen verwandelt sich die Technik selbst, die einst als Werkzeug humaner Ermächtigung dienen sollte, zurück in eine übermächtige zweite Natur, der sich zu unterwerfen letztlich alternativlos sei.

Ihr Repertoire reicht von der Dämonisierung bis hin zur Vergöttlichung, und ihr beliebtester Gegenstand ist das Netz; wobei dieser Begriff selbst unscharf bleibt: Er soll nicht nur das Internet als technische Infrastruktur bezeichnen, sondern zugleich die Gemeinschaft der durch es kommunikativ Verbundenen beschwören und darüber hinaus die Imagination einer universellen Struktur hervorrufen, die allen wesentlichen Zusammenhängen der Natur wie der menschlichen Gesellschaft zugrunde liege. Ermächtigung finde nicht mehr durch menschliches Vermögen statt, sondern durch Teilhabe am Netz, das als selbsttätiger Superorganismus und sogar als göttliches Wesen fantasiert wird. Kommunikation wird als Kommunion konzipiert sowie Natur und Gesellschaft nach dem Muster der angesagten Technologie.

Netz-Schwärmereien

Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt verbindet sich mit dem Netz ein Enthusiasmus, der viele Züge mit den schwärmerischen Bewegungen teilt, die das Christentum hervorgebracht hat. Der Kollaps der durch das Internet ausgelösten Spekulationsblase an den Finanzmärkten führte zwar zu einer kurzen Ernüchterung, doch konnte er nicht verhindern, dass viele der Bilder und Denkfiguren des Netzenthusiasmus ins Alltagsbewusstsein eingingen.

Die Dämonisierung und Vergöttlichung des Netzes nehmen ihren Ausgang von missbrauchten technischen und naturwissenschaftlichen Begriffen. Der Netzenthusiasmus lädt diese Begriffe mit religiösen Erwartungen auf, ohne davon Rechenschaft zu geben, dass er damit den Boden der Fakten verlässt.

Die Phantasten der Echtzeit

Ein Musterbeispiel dafür bietet der aus der Prozesssteuerung kommende Begriff der Echtzeit. Dort bedeutet er nicht mehr, als dass ein System auf auf ein eingehendes Signal innerhalb eines garantierten Zeitintervalls reagiert. Ironischerweise sind gerade die Internet-Protokolle überhaupt nicht für Echtzeitanforderungen ausgelegt. Was Autoren wie Paul Virilio, Norbert Bolz oder Frank Hartmann jedoch nicht daran hindert, im Zusammenhang damit von Echtzeit zu schwärmen.

Sie setzen Phantasmen in Umlauf wie das von der instanten kommunikativen Vereinigung der Weltgesellschaft bzw. einer Welt, in der alles immer schon allgegenwärtig sei und das Netz zum Göttlichen werde. Dem Netz fällt dabei die Rolle des gütigen Gottes der rationalistischen Metaphysik zu, ohne den die Monaden weder zu kommunizieren noch irgend etwas zu erkennen vermögen.

Artefakte, nichts Göttliches

Solche Phantasmen liegen nicht nur neben den technischen Fakten, sondern entfernen sich auch Lichtjahre von der erfahrbaren Realität. Indem sie die Vorstellung göttlicher Allgegenwart auf ein Konglomerat technischer Artefakte projizieren, blockieren sie jegliche rationale Auseinandersetzung mit deren Möglichkeiten und Grenzen und bedienen einen Kulturrassismus, der die Milliarden, deren Mediengebrauch anderen Mustern folgt als der westliche oder kaum stattfindet, ignoriert und ausgrenzt.

Nicht minder faszinierend als die Allgegenwart, die das Netz stifte, ist seine angebliche Unkontrollierbarkeit und Unzerstörbarkeit. Diese hätten ihren Grund darin, dass das Internet bzw. sein Vorläufer, das ARPANet, als atomkriegssicheres Netz konzipiert worden seien. Nicht nur Atomwaffen, sondern auch alle Versuche der Zensur und der politischen Kontrolle müssten an ihm scheitern. So stellen es neben anderen Gundolf S. Freyermuth und Patrick Illinger dar.

Mythos Selbstorganisation

Auch diese Legende liegt weit neben den historischen und technischen Fakten, doch gibt sie immer wieder Anlass, dem Internet Allmacht und Ewigkeit zuzuschreiben. "Ein feste Burg ist unser Netz" schallt als Kanon heute aus den unterschiedlichsten Lagern. Seine vermeintliche Unüberwindlichkeit lässt das Netz in der Perspektive von Linken wie Michael Hardt und Antonio Negri als neues revolutionäres Subjekt erscheinen.

Ein Übriges tut der sinnwidrig angewandte Begriff der Selbstorganisation. Ein Artefakt erscheint so als Organismus, als eigenständig handelndes Lebewesen. Eine Begriffsverwirrung, an der die Bielefelder systemtheoretische Soziologie nicht ganz unschuldig ist, die - ungeachtet des Einspruchs von Humberto Maturana, der den ursprünglich durch Kant geprägten Begriff für die moderne Biologie wiederentdeckt hat - diesen auf Gegenstände ausdehnt, an denen kein Selbst auszumachen ist.

Zur phantasierten Selbstheit des Netzes gesellt sich schließlich seine fantasierte Immaterialität bzw. die der auf es gründenden Gesellschaft und Ökonomie, die daher mit dem Wissens-Präfix geschmückt daherkommen. In Vergessenheit gerät dabei nicht nur die Gemachtheit, sondern auch die Materialität des Netzes.

Kein Sturz der Materie

Materiell artikulierte Orte, körperliche Bewegung in Raum und Zeit, das alles gehöre der Vergangenheit an. In den Äußerungen seiner US-amerikanischen Vertreter lässt der Netzenthusiasmus die Erde und die konkreten Menschen endgültig unter sich.

Das berühmte Manifest, das den Amerikanischen Traum im Cyberspace, diesem netzgeborenen Unraum, erfüllt sieht, verkündet den Sturz der Materie, sein Koautor George Gilder verspricht Kathedralen von Licht und Luft als neue Behausung der Menschen, die zu engelsgleichen Wesen mutierten. Die neue Welt sei, so John Perry Barlow, nicht dort, wo Körper leben. Dort entfalte sich eine Intelligenz, die nach Meinung von Kevin Kelly das menschliche Fassungsvermögen übersteige und deshalb eine neue Spiritualität gebäre.

Der Netzenthusiasmus tendiert zu einer Religiosität, der die Transzendenz abhanden gekommen ist. Für viele seiner Protagonisten ist das Netz ohnehin identisch mit dem Markt. Von durch und durch positivistischem Geiste erschöpft er sich in der Verklärung der herrschenden Verhältnisse, in der Verabsolutierung der gängigen Bilder. Sein Idealismus entspringt einem gnostisch kodierten Hass auf den Leib und die Natur, mit deren rücksichtsloser Ausbeutung er sich gut verträgt.

Ausdruck moderner Gnosis

Während die Netzenthusiasten von Entmaterialisierung schwärmen, wuchern die städtischen Agglomerationen weiter, schwellen Verkehr und Ressourcenverbrauch weiter an, setzen Regierungen den auch militärisch zu sichernden Zugang zu den materiellen Ressourcen ganz oben auf ihre Agenda. Dass das Netz in seiner heutigen Verfassung diese Entwicklung keinesfalls bremst, sondern eher beschleunigt, widerspricht zwar der gängigen Sicht, ist jedoch belegbar.

Als materielle Struktur wie als Produkt einer durch Ungleichheit geprägten Gesellschaft kann es wiederum nur eine neue Ordnung räumlich und materiell artikulierter Ungleichheit hervorbringen.

Der Autor ist Informatikberater und Publizist (vgl. Rezension, Seite 21). Er forschte u.a. als Mitglied der Studiengruppe Peace Research and European Security zu Fragen der militärischen Technologiefolgenabschätzung.

Es ist Rainer Fischbach anzurechnen, dass er in seinem Buch "Mythos Netz" dem (auch im nebenstehenden Artikel apostrophierten) "Netz-Enthusiamus" den Garaus macht: Nicht nur das Internet, das - jedenfalls in dessen ersten Hochjahren - von vielen als Selbstorganisationsmaschinerie des Universums (oder zumindest als universelle Selbstorganisationsmaschinerie) bejubelt wurde, ist darunter subsumiert: Fischbach zeigt, wie sehr die Rede von Netz, Vernetzung, den Netzwerken samt zugehörigen Netzwerkern hier mitzukritisieren ist.

Fischbach, als Informatik-und Technologiefolgenexperte, aber auch als Kenner des philosophischen Diskurses ausgewiesen, geht in seinem Buch daran, die zeitgeistige Welterklärung mittels des Netzbegriffes zu entlarven und auch die dabei grassierenden (pseudo)religiösen Luftblasen zum Platzen zu bringen.

Der Autor fängt bei den Futuristen des beginnenden 20. Jahrhunderts an, die er als Technikgläubige identifiziert, die sich gleichzeitig aber auch als Wegbereiter des Ersten Weltkriegs entpuppten: Die Zusammenhänge mit potenzieller Kriegstreiberei heutiger Netz-Enthusiasten wird bei Fischbach dann gleichermaßen evident wie der verführische, aber falsche Traum, dass die "vernetzte Wissensgesellschaft" die Ideale eines "reinen Marktes" verwirklicht und das ökonomische Glück der Menschheit ermöglicht. Somit denunziert der Autor den "inflationären Netzbegriff" als "nicht zu durchschauende Metaphorik" und prangert die postmoderne wie pseudotheologische Rhetorik an, welche die im Gegensatz dazu weltweit stattfindende soziale Spaltung negiert.

Ein - politisch, philosophisch, theologisch - mehr als brisantes, scharfsinniges Buch. Otto Friedrich

MYTHOS NETZ - Kommunikation jenseits von Raum und Zeit?

Von Rainer Fischbach. Rotpunktverlag, Zürich 2005. 302 Seiten, kt., e 22,70

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