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Eine Frage der Ehre

Die Universität Wien feiert heuer ihren 650. Geburtstag. Unter den 154 Büsten im Arkadenhof befindet sich bekanntlich kein weibliches Gesicht, ein getreuliches Abbild der Rolle, die Frauen an der Universität über Jahrhunderte gespielt haben. Es gibt allerdings eine Ausnahme: eine Gedenktafel für Marie von Ebner-Eschenbach, die anlässlich ihres 70. Geburtstags am 13. September 1900 als erste Frau das Ehrendoktorat der Universität Wien erhielt. Der Referent vor dem Professoren-Kollegium, der Germanist Jakob Minor, nannte die Ausgezeichnete mit feiner Differenzierung "unstreitig die erste deutsche Schriftstellerin, nicht bloß in Österreich, sondern auch in Deutschland. Sie ist aber auch (...) einer der ersten deutschen Schriftsteller und heute jedenfalls der bedeutendste deutsche Schriftsteller in Österreich."

Am 11. Juni wird die Alma Mater Rudolphina der Schriftstellerin und Germanistin Ruth Klüger den Doktortitel honoris causa verleihen. Die Ehrung kommt spät -Klüger ist 83 -, aber man darf sich trotzdem freuen. Geboren 1931 in Wien, verschleppt in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt, profilierte Ruth Klüger sich in den USA als feministisch engagierte Literaturwissenschaftlerin an den Universitäten Irvine und Princeton. In ihrem späten literarischen Debüt "weiter leben. Eine Jugend"(1992) schrieb sie: "Ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien. Wien ist ein Teil meiner Hirnstruktur und spricht aus mir, während Auschwitz der abwegigste Ort war, den ich je betrat."

So schließt sich der Kreis zu Marie Ebner, einer scharfen Kritikerin des Karl Lueger und Mitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Als Gastprofessorin in Wien 2003 wählte Ruth Klüger für ihr Seminar Werke der Droste und der Ebner, die sie im Lehrangebot vermisste.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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