Digital In Arbeit
Feuilleton

Eine Furche aus Frankreich

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Zum 100. Geburtstag des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty.

Das Denken eines Philosophen ist keine Summe von Ideen, sondern eine Bewegung, die eine Furche hinterlässt." So verstand der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty seine Arbeit. Er sprengte die eng gezogenen Grenzen der akademischen Philosophie und entzog sich ihren Klassifizierungen. In seinem Werk finden sich Motive der existenzialistischen Philosophie von Jean-Paul Sartre, der Daseinsanalyse Martin Heideggers und der Phänomenologie Edmund Husserls. Er befasste sich mit der Deutung des menschlichen Lebens, die sich vom "Gewölk" rein metaphysischer Spekulationen unterscheidet.

Geboren wurde Merleau-Ponty am 14. März 1908 in Rochefort-sur-Mer. Sein Leben verlief unspektakulär. Nach dem Abschluss des Philosophiestudiums arbeitete er als Gymnasiallehrer, später bis zu seinem Tod am 3. Mai 1961 als Universitätsprofessor am renommierten Collège de France.

Das gesamte Werk Merleau-Pontys richtete sich gegen den klassischen "terroristischen" Dualismus der Philosophen, der dem subjektiven Denken die objektive, ausgedehnte Welt der Gegenstände gegenüberstellt. Sein erklärtes Ziel war es, "ein Verständnis von den Beziehungen zwischen dem Bewusstsein und der Natur" zu gewinnen.

In seinem Hauptwerk "Phänomenologie der Wahrnehmung" bezeichnete Merleau-Ponty den menschlichen Leib als Zentrum der Weltorientierung. "Der eigene Leib ist in der Welt wie das Herz im Organismus" - schrieb Merleau-Ponty, "er ist es, der alles sichtbare Schauspiel unaufhörlich am Leben erhält, es innerlich ernährt und beseelt." Der beseelte Leib - der "Eigenleib" - figuriert als ein dynamisches Ganzes, das "stets bei mir und ständig für mich da" ist. Der "Eigenleib" vermittelt das "Zur-Welt-sein" des Menschen; dadurch ist er ein Teil der Welt, wo er "sich mit bestimmten Vorhaben identifizieren und sich darin beständig engagieren kann." Die Offenheit des Leibes eröffnet einen Handlungsspielraum, der dem Menschen verschiedene Optionen ermöglicht.

Das cartesianische "Ich denke" weicht der Gewissheit des "Ich kann". Der Leib zeichnet sich dadurch aus, dass er in einem "Chiasmus", in einer gegenseitigen Verflechtung mit der Außenwelt verbunden ist. Diese Verflechtung - "lebendige Kommunikation", ja sogar "Kommunion" - überwindet die "Urdifferenz" von Sein und Denken durch die Synchronisation des sinnlich Empfindenden mit dem sinnlich Empfundenen. Als Beispiel führt Merleau-Ponty den Schlaf an, wo der Einschlafende in der Erwartung des Schlafes sich plötzlich in der Situation des Schlafenden vorfindet.

Das "Fleisch der Welt"

In seinem Spätwerk "Das Sichtbare und das Unsichtbare" erweiterte Merleau-Ponty den Begriff des Leibes. Er sprach vom "chair du monde" - vom "Fleisch der Welt". Damit meinte er ein gemeinsames Gewebe, aus dem wir gemacht sind. Es ist dies ein "wildes Sein" - "eine Welt, noch bevor sie auf einen handlichen und verfügbaren Bedeutungszusammenhang reduziert worden ist."

Merleau-Ponty entwickelte eine Ontologie, eine Lehre vom Sein, die als Sphäre des "Zwischen" den Dualismus von Bewusstsein und Sein aufhebt. Sie verfolgte die Spuren des Seins im Seienden, die wie der Leib und die Objektwelt in dem "Chiasma" verbunden sind. Das Konzept vom "Fleisch der Welt" orientierte sich am vorsokratischen Begriff des Elements. Das "Fleisch der Welt" bildet - wie die Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde - ein formendes Milieu: "Es gibt ein wechselseitiges Eingelassensein und Verflochtensein des Einen ins Andere."

Merleau-Pontys Verdienste um die Philosophie hat wohl kaum jemand besser beschrieben als sein Freund Jean Hyppolite: "Sein Werk ist für uns das geworden, was für uns vertraute Landschaften sind, die wir nicht mehr sehen, weil sie immer da sind und wir sie immer im Blick haben."

Literatur von Maurice Merleau-Ponty:

Phänomenologie der

Wahrnehmung. De Gruyter Verlag, 535 S., kart., € 30,80

Das Sichtbare und das Unsichtbare. Wilhelm Fink Verlag. 392 S., geb., € 37,-

Verständliche Einführungen:

Von Christian Bermes. Junius Verlag. 192 Seiten, kart., € 13,90

Von Stephan Günzel. Turia und Kant Verlag. 197 Seiten, kart., € 18,-