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Eine königliche Republik

Nur zwei Tage liegen die Nationalfeiertage Österreichs und Tschechiens auseinander, doch der Umgang beider Länder mit Monarchie und Republik unterscheidet sich deutlich.

Als kürzlich Kaiser Karl selig gesprochen wurde, war in tschechischen Zeitungen Erstaunliches zu lesen. Nicht die Sixtusbriefe oder der Giftgaseinsatz standen im Vordergrund, sondern die Frage, ob Karl überhaupt Kaiser war! Er sei nämlich nie zum Kaiser gekrönt worden, hieß es da. Hinter dieser Argumentation steht das Trauma der Tschechen, dass sich weder Kaiser Franz Josef noch Kaiser Karl zum König von Böhmen krönen ließen. Von Unkenntnis hingegen zeugt die Behauptung, die Habsburger hätten auf diese Krönung verzichtet, weil sie in der Krönung zum Kaiser von Österreich inbegriffen gewesen sei - keinem Kaiser von Österreich wurde je die (in Prag geschaffene) österreichische Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt.

Während für die Österreicher das Kaiserreich ein Faktum ist, an das sie sich nostalgisch oder im Zorn erinnern, ist für die Tschechen das mit Ungarn und den Alpenländern gleichberechtigte Königreich ein Traum geblieben. Seine Erfüllung vollzog sich pikanterweise durch die Ausrufung der Republik am 28. Oktober 1918. So kommt es, dass bei den Tschechen sowohl der Begriff des Königreichs als auch jener der Republik positiv besetzt ist.

Die Republik als Lehen

Um bei der Republik zu beginnen: Kaum eine Stadt des Landes entbehrt eines Platzes oder einer Straße der Republik und des 28. Oktober, aber auch der ersten Präsidenten Masaryk und BeneÇs. Während man sich in Österreich über den "Ersatzkaiser" in der Hofburg mokiert, herrscht in Tschechien, unbeschadet der Kritik am jeweiligen Amtsinhaber, ein breiter Konsens über die Symbolkraft des Amtes.

Schon der Staatsgründer Tomás G. Masaryk war sich seiner Rolle im Seelenhaushalt der Tschechen bewusst. Wenn er sich mit Kappe aufs Ross schwang, bediente er die Erinnerung an den "alten Procházka", wie Kaiser Franz Josef spöttisch genannt wurde, so ungeniert, wie das kein österreichischer Bundespräsident je gewagt hätte. Wie ein Kaiser oder König ließ er von Joze Plecnik das gesamte Burgareal umgestalten, während der Kollege in Wien bis heute im theresianischen Ambiente amtiert.

Auch die Kommunisten rüttelten am Nimbus des Präsidenten der Republik nicht (die Bezeichnung Staatspräsident war nur im Protektorat der Nazizeit gebräuchlich und ist seither tabu). Nach der Wende wagte es Václav Havel sogar, seine Amtsantritte mit einem Tedeum zu verbinden. Am allerletzten Amtstag legte er im Veitsdom "gleichsam das Lehen dem heiligen Wenzel zurück", wie Kardinal Vlk erklärte. Havels Nachfolger Václav Klaus hat diese Tradition nicht fortgeführt, aber aus Anlass seines Amtsantritts die nur alle paar Jahre zu sehenden Kroninsignien ausstellen lassen.

Während in Österreich die Nennung der Republik auf Urteilsverkündigungen und Festreden beschränkt bleibt, ist sie in der tschechischen Sprache alltäglich. Die Gründung diverser Minirepubliken wie etwa der "feurigen" in Smíchov, bei der sich Künstler und Feuerwehrleute zusammentaten, oder in ÇZizkov, das sich an seine frühere Unabhängigkeit von Prag und den Königlichen Weinbergen erinnert, bezeugen die Lebendigkeit des republikanischen Gedankens im Volksbewusstsein.

Als Staatsform hatte die Republik schon lang vor ihrer Ausrufung Fuß gefasst. Bewegungen wie der einflussreiche "Sokol" hatten den Tschechen körperlich wie geistig den aufrechten Gang eingebläut, und das bedeutete letztlich republikanische Gesinnung. Wenn heute Österreicher über die Unhöflichkeit tschechischer Kellner klagen, so spiegelt sich darin die Konfrontation der Mächtigen und der Untertanen von einst.

Aber selbstverständlich steckt in den Tschechen nach wie vor auch kakanische Mentalität, und ihre Verwendung des Wortes král ist geradezu inflationär. In einer einzigen Ausgabe von "MFDnes" habe ich Tiger Woods als König des Golfs, Lída Baarová als Königin des Showbusiness und Milan Hejduk als König der Hockeyschützen bezeichnet gefunden. Plakate in der U-Bahn werben für ein "Königreich der Teppiche" und um Touristen buhlt ein "Königreich der Marionetten". In den Regalen der Kaufhäuser findet man den "König des Weingartens" ebenso wie den "König des Käses". Als heuer, nach der Pferdeschwemme in Wien, Prag von Kuhskulpturen übersät wurde, krönte die Käsefirma eine Kuh in der Národní tÇrída zur Königin Hermína. Die Krone war nach kurzer Zeit verschwunden...

Die gekrönte Kuh

Ein lebender König überreicht im "Prager Mittelalter" (Prazsky stredovek), einem Kellergewölbe in der Altstadt, dem Sieger im Schau-Fechtkampf seinen Preis, sooft sich zahlende Gäste einfinden. Seine Kleinen anvertrauen kann man einem König im "Königreich des Eises", dem winterlichen Eislaufplatz auf dem Altstädter Ring. Für den Nachwuchs wird überhaupt viel getan, etwa in der neuen historischen Exposition auf dem Hradschin (Generalsponsor: die königliche Brauerei KruÇsevice). Der Kinderfilm "Timeminator" zeigt den kleinen OndÇrej auf der Suche nach dem Schlüssel zum Buch der Zeit - und zuletzt, wie er unter den Rock des Königs schlüpft. Nach dem Film erhalten die Kinder eine Funktion, die sie auf ihrem Gang durch die Ausstellung bekleiden. An sieben Stellen müssen sie dann je nachdem, ob sie nun Chronisten, Handwerker, Berater, Diener, Gelehrte, Wächter, Priester oder Künstler des Königs sind, oft recht knifflige Fragen beantworten, für deren Lösung ein Überraschungsgeschenk winkt.

Didaktisch geht es auch im "Kleinen Königreich" zu, einem rührend mickrigen Minimundus im Universitätsviertel Albertov. Der historische Bogen reicht vom sagenhaften Pferd ÇSemík und dem Sänger Dálibor über Burgen und Schlösser bis zur Elbtalsperre "Waldkönigreich" und einem Bunker aus der Ersten Republik. Als Souvenir kann man ein Straßenschild "Malé království Albertov Praha" erwerben, und "der Königliche Rat behält sich vor, die Öffnungszeiten bei Bedarf ohne vorherige Ankündigung zu ändern".

Nonkonformisten

Voll ausgelebt wird die tschechische Lust am Fabulieren im "Walachischen Königreich", einem touristischen Zusammenschluss von Gemeinden in Ostmähren. Es verfügt über einen eigenen Reisepass und das Zahlungsmittel Jurovalsár, aber auch eine Geschichtsdarstellung, die sich über die Geschichtsversessenheit der Tschechen lustig macht. Auf der anderen Seite konnte der reale Erzbischof von Olmütz heuer nicht umhin, zum Fünfjahresjubiläum des fiktiven Königreichs ein Hochamt zu zelebrieren.

König des Valasskékrálovství ist der sich mit Narrenkappe und Krone stilisierende Volksschauspieler Bolek Polívka, der auf seiner Farm in Olsany östlich von Brünn den königlichen Koch in einschlägigen Gerichten schwelgen lässt: Da gibt es die "Tasche des königlichen Kutschers", die "Walachische Prinzessin" und die "Omelette des königlichen Postmeisters", und in der Gaststube "Zum König" ist ein Tisch, die Ambivalenz auf die Spitze treibend, "reserviert für seine Majestät, den König und Narren der Walachischen Republik".

Zur Liberalität der Tschechischen Republik von heute gehört es, auch eine explizit monarchistische Partei zu tolerieren, die bei den Wahlen ins Europäische Parlament zwar nur 4485 Stimmen auf sich vereinigen konnte, aber unter den wahlwerbenden Parteien immerhin 11 hinter sich ließ, darunter die Republikaner. Die "Koruna Çceská" zählt zu ihren Anhängern auch Nonkonformisten wie den Barden Ivan Martin Jirous von den "Plastic People of the Universe", den katholischen Intellektuellen Martin C. Putna und Václav Havels Schwägerin Dagmar Havlová.

Als Ende September Otto Habsburg in Franzensbad ein Franz-Josefs-Denkmal enthüllte und die Ehrenbürgerschaft erhielt, sprach ihn Außenminister Svoboda als Kaiserliche Hoheit an. Das kann natürlich nicht übertünchen, dass breiten Bevölkerungsschichten die Rückkehr des Adels ein Dorn im Auge ist. Aber wenn die Krone auch in Tschechien als Zahlungsmittel ausgespielt hat - wetten, dass auf einer Euromünze die Wenzelskrone prangen wird?

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