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Eine päpstliche Entscheidung am Limit

1945 1960 1980 2000 2020

Der Papst erlaubt den Priestern der schismatischen Pius-Bruderschaft auf unbestimmte Zeit, das Bußsakrament zu spenden. Ein Husarenstück des Pontifex, das zeigt: Franziskus ist nicht der theologisch Ahnungslose, als den ihn seine Kritiker hinstellen.

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Der Papst erlaubt den Priestern der schismatischen Pius-Bruderschaft auf unbestimmte Zeit, das Bußsakrament zu spenden. Ein Husarenstück des Pontifex, das zeigt: Franziskus ist nicht der theologisch Ahnungslose, als den ihn seine Kritiker hinstellen.

Er lernt es einfach nicht. Schon wieder sorgt der Papst für Irritationen. Dieser kirchliche Unruhestifter leistete sich am Ende des Jahres der Barmherzigkeit den nächsten Aufreger, nachdem sein nachsynodales Schreiben "Amoris laetitia" in Sachen wiederverheiratete Geschiedene schon Wellen geschlagen und zuletzt wieder einige Kardinäle an den Rand des kirchlichen Schlaganfalls gebracht hatte. Dieses Mal, mit seinem Apostolischen Schreiben "Misericordia et misera" zum Abschluss des Jahres der Barmherzigkeit, verlängert der Papst auf eigene Rechnung die Vollmacht, mit der Gläubige das Sakrament der Buße auch in Kirchen der schismatischen Pius-Bruderschaft gültig empfangen können. Dabei weigern sie sich weiterhin, die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils anzuerkennen - mithin die Religionsfreiheit und vieles mehr, was gerade auch für diesen Papst unabdingbar bleibt.

Aus einer Ausnahme wird eine Regel. Heißt das, dass sich die Pius-Brüder auf geradem Weg zurück nach Rom befinden? Entsprechende Gerüchte kursieren schon seit Monaten. Sie werden gezielt gestreut. Mit seinem kirchlichen Sonderangebot spielt der Papst seinen Kritikern jedenfalls in die Karten. Wieder einmal scheint dieser Papst nicht als Theologe zu denken, sondern bis zum kirchlichen Selbstwiderspruch auf Barmherzigkeit zu setzen. Soliden Dogmatikern sträuben sich nicht nur die Nackenhaare. Die vier Kardinäle, die unlängst die kirchenrechtlich-dogmatischen Stellschrauben anzogen, dürften jetzt nach schärferen Instrumenten greifen.

Die Strategie der Barmherzigkeit

Aber vielleicht agiert Franziskus doch feinsinniger, als es eben den Anschein hat, und denkt auch subtiler, als es manchem Kritiker einfällt. Dabei muss man hochschrecken, wenn der Papst mit der Autorität seines Amtes eine Entscheidung am Limit trifft. Dieser Papst mutet seiner Kirche wirklich etwas zu. Denn er schaut unverbesserlich zuerst auf die Not konkreter Menschen und unter dieser Voraussetzung dann auf den institutionell verbürgten Rahmen. So auch jetzt. Der Papst will für die Pius-Brüder eine Tür offen lassen, schon weil das Ende des Jahres der Barmherzigkeit mit einem fest zementierten Kommunikationsabbruch nicht gut ausgeht.

Aber die franziskanische Strategie der Barmherzigkeit schließt eine subversive jesuitische Taktik ein. Der Papst unterstellt der Pius- Brüderschaft den "guten Willen ihrer Priester" im Blick auf die Verwirklichung voller kirchlicher Gemeinschaft. Für sie gibt es klare Bedingungen. Zum einen zwingt der Papst die Pius-Brüder dazu, sich zu seiner Entscheidung zu verhalten. Sie bewegen sich jetzt oder lassen es bleiben. Sie zeigen, ob und was sie für die Einheit der Kirche tun wollen - oder eben nicht. Und indem der Papst den Empfang des Bußsakraments durch ihre Priester anerkennt, hat er sie ins kirchliche Geschirr gespannt. Er stellt an einem symbolpolitisch wichtigen Punkt eine elementare Einheit her, aus der freilich keine Rechte auf kirchlichen Eigensinn folgen. Der Papst macht das Angebot, und er preist es nicht ohne die Konzilserklärungen aus, die Lefebvres Nachfolger gerne gestrichen sähen. Was hinter den Kulissen geraunt wird, tritt gerade nicht ein: der Ausverkauf der Grundsätze, die seit dem II. Vatikanum gelten.

Der Papst gibt einen Vertrauensvorschuss, und das ist prekär, weil dieses Vertrauen instrumentalisiert werden kann. Nach dem Motto: Rom gibt nach. Oder gefährlicher: Dieser Papst weiß ohnehin nicht, was er theologisch macht. Aber dieses Vertrauen ist klar umrissen. Der Papst holt die Pius-Brüder nicht einfach zurück. Er setzt vielmehr auf einen Prozess, für den er die Pius-Brüder mit der Handlungsmaxime "guten Willens" in Haft nimmt. Wenn sie auf dem eingeschlagenen kirchlichen Weg mitgehen wollen, müssen sie mit dem Angebot des Papstes unter dem Vorzeichen der höchstrangigen "kirchlichen Einheit" mehr akzeptieren, als sie bisher bereit waren: nämlich die Lehrautorität eines Papstes, der konsequent im Geist des Konzils argumentiert.

Die Pius-Brüder ins Boot holen?

Das ist das Husarenstück. Denn das pastorale Angebot des Papstes entspricht der Logik, mit der er "Amoris laetitia" aufgesetzt hat. Die Bedeutung des Evangeliums offenbart sich dort, wo Menschen auf erlösenden und heilsamen Zuspruch angewiesen sind. Das vermitteln Sakramente, ob in der Buße oder beim Herrenmahl. In der Lebensmacht des Evangeliums besteht seine Wahrheit. In der Barmherzigkeit nimmt sie Gestalt an. Theologisch ausgedrückt: Dogma und Pastoral, Glaube und Lebenswirklichkeit stehen in einer spannungsreichen, aber auch produktiven Wechselwirkung zueinander. So bezieht der Papst die beiden Kirchenkonstitutionen des Konzils aufeinander, die kirchliche Innen-und Außenperspektive, aufeinander. So setzt er sie in seine Lehrpraxis um. Wenn die Pius-Brüder dem folgen, akzeptieren sie implizit diese Regie. Sie bewegen sich dann nicht nur auf die Anerkennung des Konzils zu, sondern sind von seiner Denkform bereits in Anspruch genommen. Die Pius-Brüder können dies für sich anders deuten, aber sie entkommen der Pragmatik dieser Richtungsentscheidung nicht.

Diese nimmt zu Beginn des Reformationsgedenkens auf 2017 eine interessante Dynamik an. Die Form des lehramtlichen Primats verändert sich unter Franziskus, und das ergibt ganz neue Möglichkeiten des ökumenischen Gesprächs. Mag sein, dass der Papst das nicht im Blick hatte - aber auch hier gehen Türen auf und lassen sich Brücken schlagen. So versteht Franziskus sein Pontifikat. Es ändert tatsächlich alles - auch wenn einem Details manchmal und auf den ersten Blick sonderbar, unzusammenhängend, unpassend erscheinen. Aber wer bis an die Grenzen gehen will wie der Papst vom anderen Ende der Welt, kann keine halben Sachen machen.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie und Ökumene an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg

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