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Eine schreckliche Weihnachtsgeschichte

Ein unveröffentlichtes (und leicht gekürztes) Kapitel aus dem veröffentlichten Roman "König des Nichts" (Edition Atelier).

Doderer, Mutzko und Paulmichl kommen allein durch Spielzeugeinkaufen und Kekseknabbern in Weihnachtsstimmung. Nur Peternell nicht. "Wenn alle in Stimmung kommen, falle ich sofort aus", sagt er. "Wenn alle spielen, spiele ich nicht mit. Wenn alle verchristbaumen, verweigere ich meine eigene Verchristbaumung. Weihnachten ist eine besonders günstige Gelegenheit, atheistisch zu werden, falls man das noch nicht ist. Davon abgesehen kann ich Weihnachten wie alle Verwechslungskomödien nicht leiden". "Du kannst auch gar nichts leiden", sagt Paulmichl.

"Leiden", sagt Peternell. "Ein Wort wie ein Geständnis. Bei anderen mag es anders sein. Ich habe jedenfalls immer Hochleistungsweihnachten von Übermenschen für Übermenschen erlebt und den gewaltigen Druck, punktgenau Hochleistungsglück auf die Bühne zu bringen. Eine wochenlang einstudierte Hochleistungsglücklichkeitszeremonie, bei der bis ins kleinste Detail hinein nichts schiefgehen darf. Es ist widerlich. Bis endlich alle Hochleistungsweihnachtsvorbereitungen abgeschlossen und die Hochleistungsglücklichkeitsnäpfe aus den Tiefkühlfächern geholt worden sind, immer dieser unwiderstehliche Drang: Alles hinwerfen! Nur weg von diesen überglücklichen Übermenschen. Einfach fortgehen! Einfach in die Nacht hinaus. Einfach in den Wald hinaus mit einer Flasche Schnaps in der Hand. Von einem Augenblick auf den anderen völlig indiskutabel werden. Einen großen Haufen machen auf die Hochleistungsharmonie und Hochleistungsherzlichkeit und Hochleistungsherrlichkeit. Man kommt aber nicht weg wegen der Kinder und den Eltern und all dieser Moralisten, die man so sehr kränken und enttäuschen würde, wenn man kein Übermensch ist. "

"Ja die Kinder, die zuckersüße Erpressung", sagt Mutzko und bestellt eine Runde Festbock. "Prost", sagt Doderer.

"Zu Weihnachten passiert immer etwas", sagt Peternell, "immer eine Katastrophe. Wenn nicht im Kleinen, dann im Großen, wenn nicht zu Hause, dann draußen in der Welt. Wenn zu Weihnachten ausnahmsweise einmal nichts und keine Katastrophe passiert, nimmt das die Christenheit bereits störrisch für ein Wunder und einen unwiderlegbaren Gottesbeweis, für seine Existenz, Allmacht, Allgegenwart, Weisheit und Güte. Allzu oft hat die Christenheit aber gar keine Gelegenheit für ihre Justamenttranszendenz beim Erlösungsfest, mag sie singen und backen und beten wie sie will. Zu Weihnachten passiert immer etwas: Letztes Jahr die verzweifelte Frau, die sich in all den Frohbotschaften untergegangen ausgerechnet in der Heiligen Nacht ausgerechnet während der Christmette und ausgerechnet während Großer Gott wir loben dich! Mitten in der Kathedrale, mitten im Zentrum für seelische Gesundheit mit einer Handgranate in die Luft und ins Nichts gesprengt und dabei noch die nichtsahnenden Kirchenbanknachbarn zu ihrer linken und zu ihrer rechten aus ihrer Weihnachtsstimmung und Freude über die Geburt des Erlösers womöglich mit sich ins Himmelreich, auf jeden Fall aber in den Tod gerissen hat. Anmelden, abmelden, it's just a jump to the left. Der Herr hat sie zu sich berufen, könnte man sagen. Aber rückwirkend müsste man sagen, er hätte sich einen anderen Tag, eine andere Stunde, einen anderen Ort aussuchen können. Tatsächlich eine Geschmacklosigkeit des Herrn sich selbst gegenüber. Ein wilder Hund, der Herr, ein Bürgerschreck, ein Outcast, ein Enfant terrible. Was wird sich der Priester gedacht haben müssen, der die Mette zelebriert hat? Mag sein, dass den Herrn wie alle Wesen mit hervorragender Intelligenz seine Geburtstage deprimieren und er von seinen eigenen Durchhalteparolen die Nase voll hat. Aber seinem Erlöserimage ist ein Blutbad im Dom, in den eigenen vier Wänden, ausgerechnet während des größten Festes der Christenheit nicht unbedingt dienlich. Schlechtes timing, schlechter Stil. Die Wege des Herrn sind unergründlich, könnte man sagen, das kann man immer sagen. Aber man könnte auch sagen: Die Wege eines Irren sind unergründlich. Dickicht ist unergründlich. Der blanke Zufall, die heimtückischen Launen des Chaos, die blinde, bösartige Natur sind unergründlich. Ein Zufall, ja. Aber der Zufall ist eben das Gegenteil Gottes. In keinem Evangelium ist von einem Zufall die Rede. Vielleicht hat sich die Selbstmörderin vor dem Selbstmord auch gedacht, es stimmt nicht, dass der Erlöser uns erlöst. Wir werden niemals erlöst. Wir werden bloß sterben", sagt Peternell, "Dann lieber gleich."

Dieses Jahr eine Familiengeschichte, Weihnachten ist das Fest der Familie: Die Geschichte des kleinen Buben, der mit seinen Eltern und seinem Großvater vor der Bescherung in der Dämmerung des Heiligen Abends auf den Dorffriedhof zum Grab der Großmutter geht, um für die Großmutter eine Kerze anzuzünden und ihr wie jedes Jahr ins Jenseits hinein fröhliche Weihnachten zu wünschen. Kaum aber ist die Weihnachtskerze angezündet und ein stilles Gebet gesprochen, löst sich der Bub von seinen Eltern, beugt sich zum tonnenschweren Grabstein und beginnt leise den Namen der Großmutter zu buchstabieren, gleichsam zu rufen, zu beschwören. Seit Herbst besucht der Bub die Schule, er ist eifrig und lernt schnell, buchstabieren kann er schon. Und als der Bub beim dritten Buchstaben ist, kippt der Stein plötzlich um und begräbt den Buben unter sich.

Verzweifelt versuchen die Eltern, ihren Sohn zu befreien. Helfer, durch Schreckensschreie alarmiert, eilen herbei. Immer wieder, mit letzter Anstrengung wollen sie den Stein anheben. Vergebens. Jetzt könnte ein Weihnachtswunder geschehen. Es geschieht aber keines. Zwischen dem Grabstein und dem Grab die Kinderleiche.

Früh vollendet, da können die Menschen noch so singen, backen, beten. Die neuen jungen Toten gewöhnen sich auch zu Weihnachten schnell an ihr Nichts, aber wie es der Mutter gehen muss! Der Mensch, der sie auf die Welt gebracht hat, tötet als Toter den Menschen, den sie auf die Welt gebracht hat!

Die Gossen des Herrn

Wie es dem Großvater gehen muss: Seine Gattin, die er nach einem langen gemeinsamen Leben begraben müssen hat auf Nimmerwiedersehen und Nimmerwiederleben, erschlägt ihm postum die Nachwelt! Und wohin mit dem Kinderspielzeug, das gerade eben erst in Weihnachtspapier gewickelt unberührt unter dem aufgeputzten Christbaum liegt und auf den kleinen Buben wartet, damit er es freudestrahlend in Empfang nimmt? Fragen über Fragen, und nirgendwo eine seriöse Frohbotschaft. Zu sich berufen hat die Großmutter ihr Enkerl gemäß eines höheren Heilsplans wohl eher nicht. Immer nur die Gossen des Herrn.

Stunden später, in der Morgendämmerung des Christtags, als die Feiertagsausgaben der Zeitungen mit der Katastrophe am Titelblatt als sensationelle Weihnachtsüberraschung hausieren gehen, liegt der Großvater tot in seinem Bett: das Herz. Schwer, keinen Zusammenhang zu sehen. So viele Menschen waren noch nie auf diesem Friedhof, von nah und fern sind sie gekommen. Die Menschen schweigen. Die Menschen weinen. Die Menschen werfen Nelken ins Grab des Buben. Die Menschen werfen Nelken ins Grab des Großvaters. Der Bürgermeister spricht berührende Worte. Der Vizebürgermeister spricht berührende Worte.

Aber wie es der Frau erst gehen muss bei der Doppelbeerdigung zwischen zwei Särgen! Links ihr Vater, rechts ihr Kind, in der Mitte das Grab, der Sterbeplatz. Links die Vergangenheit (woher wir kommen), rechts die Zukunft (wohin wir gehen), in der Mitte die Gegenwart (was wir sind). Rundherum Weihnachten. Wie wird sich der Priester herausreden, während man die Särge auf Nimmerwiedersehen versenkt in diesen tiefen, feuchten, finsteren, kalten Schacht? Dass es letztes Jahr zu Weihnachten noch viel ärger war irgendwoanders? dass es ein Segen ist, wenn es schnell geht? Und was wird man auf den Grabstein hinaufschreiben? Auf den Mörder! Auf die Höllenmaschine!

Zur Freude des Discounters kauft das ganze Dorf Beileidbillets mit Bestpreisgarantie, der Gemeinderat erwägt noch vor der Faschingssitzung, jährliche Grabsteinrütteltests verpflichtend einzuführen, und übrigens: Friedhofserde vom Lagerhaus, jetzt nur neununddreißigneunzig! Das kann man gar nicht oft genug erwähnen. Irgendwie muss man den kollektiven Schock ja verarbeiten.

Eine schreckliche Weihnachtsgeschichte, aber wahr, medienwirksam, bühnenwirksam, dramatisch. Die Forderungen der klassischen antiken Tragödie sind samt und sonders erfüllt: Einheit des Ortes, der Zeit, der Handlung: Als Schauplatz reicht das festlich geschmückte Familienwohnzimmer: Drei Akte, in vierundzwanzig Stunden von der Idylle in die Katastrophe, negative Katharsis. In jedem Akt in schicksalhafter Weise eine Person weniger, die jeweils Thema der Überlebenden und hinterbliebenen Angehörigen wird. Antiklimax, plastisch umgesetzt und augenfällig aufgelöst.

"Das hab ich mir gleich am Christtag beim Zeitunglesen gedacht", sagt Doderer, "dass du auf die Geschichte anspringen wirst in deiner Katastrophenvernarrtheit, Peternell". Genau! Nur hier in der Unterwelt der Sauna passiert zu Weihnachten nichts. Die Unterwelt ist zu Weihnachten geschlossen.

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