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Einen Film lang Einsamkeit

Mit 26 hat der studierte Physiker Paolo Giordano den Bestseller "Die Einsamkeit der Primzahlen“ verfasst. Gemeinsam mit dem Regisseur Saverio Costanzo hat er nun auch das Drehbuch für die gleichnamige Verfilmung geschrieben. Das Gespräch führte Magdalena Miedl

Paolo Giordano, 29, ist promovierter Physiker, mag keine Aufmerksamkeit und ist Italiens berühmtester Jungautor. Ein Gespräch über Schreibhemmung, Alleinsein und das Wesentliche am Erfolg.

Die Furche: Warum befassen Sie sich so sehr mit der Einsamkeit?

Paolo Giordano: Ich finde, Einsamkeit ist absolut essenziell, wenn man schreiben will. Lesen ist schon eine Übung im Alleinsein, und Schreiben noch mehr: Man braucht viel Zeit, in der man alleine in einem Zimmer sitzt und auch dort bleibt und schreibt. Der Grund, weshalb die Einsamkeit so zentral ist in meinem Buch, ist möglicherweise, weil ich mir darüber klar werden wollte, welche Art von Einsamkeit ich fühlte während meines Erwachsenwerdens. Vielleicht will ich mir so erklären, warum ich so viele gute Dinge ausgelassen habe, die in diesem Lebensabschnitt passieren können, und warum ich stattdessen fast immer alleine war.

Die Furche: 2008 war "Die Einsamkeit der Primzahlen“ das meistverkaufte Buch Italiens, und es wurde mittlerweile weltweit übersetzt. Hat es lange gedauert, bis jemand die Filmrechte kaufen wollte?

Giordano: Nein, das war schon zwei Monate nach Erscheinen des Buchs, damals war der Erfolg noch gar nicht abzusehen. Ich hatte mir nur ausbedungen, dass ich am Drehbuch mitarbeiten kann - aber nicht, um sicherzustellen, dass das Buch respektiert wurde, sondern weil das eine gute Gelegenheit war, etwas Neues auszuprobieren. Es war ein sehr langer Prozess, wir hatten unzählige Versionen, aber am Ende muss ich jetzt sagen, es war die Mühe wert. Für mich war trotzdem frustrierend, dass wir so hart an etwas arbeiteten, das kein finales Produkt ist, sondern nur ein Zwischenschritt zum endgültigen Kunstwerk, dem Film. Das ist ein großer Unterschied zum Schreiben eines Romans.

Die Furche: Sie haben jetzt so viel Zeit mit Ihrem ersten Buch verbracht, zuerst mit dem Schreiben, dann damit, darüber zu sprechen, und dann mit der Arbeit am Drehbuch. Ist das noch ein gesunder Prozess?

Giordano: Nein, ganz im Gegenteil, ich habe das Gefühl, das zerstört mich. Ich hoffe, dass der Film endlich von dem Buch und von mir ablenkt. Man versucht immer, frei zu sein und alles hinter sich zu lassen, aber ich war bisher einfach nicht frei, loszulassen und etwas Neues zu schreiben. Das ist meine größte Sorge im Moment.

Die Furche: Haben Sie schon begonnen, Ideen für ein neues Buch sammeln?

Giordano: Ich arbeite hart daran, ja. Ich hatte schon eine komplette Geschichte im Kopf, zwei Jahre lang, allerdings ohne zu schreiben. Dann habe ich vor einigen Monaten angefangen und viele Seiten geschrieben, aber habe alles wieder weggeworfen. Es war einfach überkonstruiert, ich hatte zu lange daran gearbeitet und zu viel darüber nachgedacht. Also hab ich mit etwas komplett Neuem begonnen, und versuche, Spaß daran zu finden. Aber das ist noch sehr in seinen Anfängen. Ich will nicht wieder alles wegwerfen, das ist einfach zu schmerzhaft.

Die Furche: Was haben Sie am Erfolg am meisten genossen?

Giordano: Dass das Buch so populär ist. Nicht, dass die Verkaufszahlen so gut waren, nicht dass viele Exemplare verkauft wurden. Meine Idee beim Schreiben war, etwas sehr Zugängliches zu schreiben, für jeden Leser. Der Kritikerfolg ist etwas, über das man sich mehr Gedanken macht, wenn man als Autor wächst und sich verändert. Jetzt wäre mir das vermutlich wichtiger. Aber tief drin weiß ich, dass meine große Herausforderung ist, etwas zu schreiben, das populär sein kann, ohne Mist zu sein.

Die Furche: Können Sie festmachen, was Sie zum Schreiben bringt, und woher Sie Ihre Ideen haben?

Giordano: Ich habe nicht darüber nachgedacht, als ich schrieb. Für den Film hat mich Saverio Costanzo (der Regisseur und Ko-Drehbuchautor, Anm.) aber in gewisser Weise dazu gezwungen, weil er mein Buch analysierte. Das war für mich sehr hilfreich, denn ich bin mir jetzt dessen viel bewusster, was möglicherweise mein Potenzial für das nächste Buch ist. Umgekehrt ist dieses Bewusstsein auch sehr gefährlich beim Schreiben, weil es einen davon abhält, Grenzen zu überschreiten und weiterzumachen. Der Grund weshalb ich jetzt so viel meiner Texte weggeworfen habe ist wohl, weil ich sehr mit mir kämpfe, Spontaneität wiederzufinden.

Die Furche: Was haben Sie bei dieser Analyse herausgefunden?

Giordano: Mir wurde klar, dass alles im Buch aus meinen eigenen Ängsten stammt. Das war mir vorher in dieser Deutlichkeit nicht bewusst. Das Buch ist wie eine Ansammlung der geheimsten Ängste meiner Kindheit. Es hat also etwas von einer Psychotherapie. Mir wurde dadurch klar, dass das mein Ausgangspunkt war, und vielleicht auch beim nächsten Buch wieder mein Ausgangspunkt sein muss. Offenbar ist es das, was meine Fantasie entzündet.

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