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Einmal Märtyrer, immer Märtyrer

Die Kernenergie ist den Konflikt mit der Welt nicht wert, kritisieren Iraner die Politik ihres Präsidenten. Andererseits will man sich auch nicht die technische Entwicklung des Landes verbieten lassen.

Gleich rechts hinter dem Eingang ist das schiitische Urbild jeden Martyriums ausgestellt: Goldfarbene Hände aus Metall mit aufgemalten Blutspuren. Sie erinnern an die Schlacht von Kerbala (680 n. Chr.), bei der Imam Husain mit dem Ehrentitel "Haupt der Märtyrer" mit 72 Getreuen im Kampf gefallen ist. Husains Bruder Abbas wollte Wasser holen für die Kämpfer und ihre Frauen und Kinder, dabei wurden ihm die Hände von einem feindlichen Kämpfer abgehackt.

Im Märtyrermuseum in Isfahan kehrt die abgehackte Hand immer wieder - auf grellfarbenen Bildern von Soldaten genauso wie in den Vitrinen, in denen Jacken, Waffen, Briefe und andere Utensilien jener Soldaten ausgestellt werden, die im Krieg gegen den Irak gefallen sind. Denn um die Gefallenen dieses achtjährigen Krieges geht es im Märtyrermuseum. Die Freiwilligen der so genannten Märtyrerbrigaden so wie die einfachen Soldaten - sie alle sind Märtyrer des schiitischen Islam. Zu sehen sind auch Ausschnitte aus den Testamenten der Verstorbenen. Das sind keine Bestimmungen, was mit dem Besitz der Soldaten zu geschehen habe, sondern persönliche Bekenntnisse über die Größe Gottes und des Korans und die Notwendigkeit, Opfer zu bringen.

Angst vor neuem Krieg

Auch der Bruder von Rostam Shapour (Name geändert) war Soldat im Krieg und wurde aufgefordert, vor einem gefährlichen Vorstoß sein Testament zu schreiben; aber zum Glück ist es nicht zu dem erwarteten Einsatz gekommen. Der 40-jährige Shapour hat studiert und nennt sich einen "modernen Moslem"; seit drei Jahren wartet er auf einen positiven Bescheid zu seinem Auswanderungsantrag nach Kanada. Er will fort, denn hier müsse man doch immer Angst vor einem neuen Krieg haben. Außerdem will er der wirtschaftlichen Perspektivelosigkeit und der Enge der staatlich verordneten Moral entfliehen. Mit Märtyrertum kann er nichts anfangen.

Fratze des Schah-Regimes

Die schiitische Gründungsgeschichte, die Schlacht von Kerbala, prägt das Bewusstsein der Iraner: "Weil wir Muslime sind, werden wir minderwertig behandelt." Der das sagt, ist kein islamischer Fundamentalist, sondern ein Ingenieur und Intellektueller der Mittelschicht: "Das Handelsembargo der Amerikaner macht dem Land zu schaffen, Globalisierung und Kolonisation sind schuld an der Misere." Diese Mischung aus antiimperialistischer Rhetorik und positivem Bezug auf den Islam ist typisch. In der islamischen Revolution wurde der Schah nicht von einigen starren Mullahs vertrieben, sondern von nahezu allen Bevölkerungsgruppen. Für die linken Intellektuellen war der Islam eine Chiffre, die für eine eigenständige Entwicklung des Iran stand - ohne Bevormundung und wirtschaftliche Abhängigkeit vom Westen.

Heute kann man die Zeit des Schahs in den alten Palästen im kühlen Norden Teherans bewundern, wo vor der Kulisse des Alborz-Gebirges kleine, aber prunkvoll ausgestattete Paläste an den märchenhaften Star der westlichen Boulevardzeitungen erinnern. Die andere Seite des Schah-Regimes findet man hingegen im Ebrat-Museum unweit des Außenministeriums: Der runde Innenhof dieses mehrstöckigen Gebäudes sei extra so gebaut worden, dass man die Schreie der Inhaftierten nicht auf der Straße hören konnte, erklärt der Museumsführer den jungen Studenten von der Azad-Universität. Das Museum war früher ein Gefängnis des SAVAK, des Geheimdienstes des Schah. Die Folterungen, mit denen die Inhaftierten gequält wurden, sind mit Wachsfiguren nachgestellt.

Die Brutalität des SAVAK war berüchtigt. Geistliche wie der jetzige Staatsführer Ali Chamenei waren hier ebenso inhaftiert wie Kommunisten. Die Negativfolie Amerika ist immer präsent: So etwas wie hier gebe es auch heute noch in Abu Ghraib und Guantanamo, sagt der alte Mann, der die Führung macht und früher selber hier einsaß. Einer der Studenten meint nachher, dieses Gefängnis sei nur wegen des Einflusses von Amerika möglich gewesen. Was er damit genau meint, bleibt offen: Wollte er daran erinnern, dass die amerikanische Regierung den Schah an der Regierung gehalten hat? Oder wollte er sagen, dass es so etwas heute in der islamischen Republik nicht mehr gibt? Ein Blick in den Jahresbericht von amnesty international beweist das Gegenteil: In vielen Gefängnissen und Haftzentren wird weiterhin routinemäßig gefoltert.

Kollektive US-Paranoia?

Freilich entspringt das Feindbild USA keineswegs nur einer kollektiven Paranoia. Das Gefühl, zur kleinen Schar der Bedrängten zu gehören, findet immer wieder Anhaltspunkte an der Wirklichkeit. Aber es ist eben auch politisch instrumentalisierbar, wie das Märtyrermuseum in Isfahan zeigt.

Beides spiegelt sich auch im Atomkonflikt: Von Iranern wird er oft interpretiert als der fortgesetzte Versuch der USA, die Entwicklung des Iran zu verhindern - nicht ganz zu Unrecht: Der Atomreaktor von Buschehr wurde noch zu Zeiten des Schahs geplant - zusammen mit Siemens und Thyssen Krupp aus Deutschland. Nach der Islamischen Revolution zogen sich die deutschen Firmen auf Druck der USA zurück. Dabei gehe es doch um ein Projekt zur Entwicklung des Landes, beteuern Iraner und protestieren für das Recht auf die friedliche Nutzung der Kernenergie. Einige aber meinen auch, dass die Kernenergie den Konflikt mit der Welt nicht wert sei. Das Land habe dringendere wirtschaftliche Probleme. Die prominenteste Stimme in diese Richtung ist der Physiker und Blogger Ahmad Shirzad: "Meiner Meinung nach lohnt sich die Kernenergie für uns nicht, wenn es bedeutet, dass wir in zehn Jahren alles andere im Land schließen müssen."

Inflation, Arbeitslosigkeit …

Zwar wird noch nicht alles im Land geschlossen, aber die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich. Ein junger Englischlehrer in Isfahan, der seine Mutter und seinen jüngeren Bruder miternähren muss, empört sich, dass das Kilo Tomaten in den letzten zwei Jahren mehr als viermal so teuer geworden ist. Die Inflation schreitet voran, die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, das stark subventionierte Benzin wird teurer. Das sind die Probleme, weswegen viele Iraner auf ihren Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad schimpfen: "Selbst die iranischen Unternehmer investieren lieber in Dubai oder Bahrain wegen der unsicheren politischen Lage."

Dass sich aber bei einem Angriff von außen die Unzufriedenen gegen ihre Regierung wenden, wie es einige Strategen aus dem Umfeld der US-Regierung hoffen, ist mehr als unwahrscheinlich. Eher wird die Schar der Bedrängten mit religiösem oder nationalem Eifer für ihre Eigenständigkeit kämpfen - nicht ohne Erinnerung an ihre Märtyrer, angefangen von damals in Kerbala …

Der Autor ist freier Journalist.

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