Digital In Arbeit

Eiseskälte und Erstarrung

1945 1960 1980 2000 2020

Mit Tschaikowskis "Eugen Onegin" beschreitet das Klagenfurter Stadttheater neue Wege.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit Tschaikowskis "Eugen Onegin" beschreitet das Klagenfurter Stadttheater neue Wege.

Hohe Kristalle türmen sich auf der Drehbühne auf, umschließen trockene Bäume, repräsentative Porträts, im Schlussbild sogar goldene Kandelaber. Doch der Eindruck von Eiseskälte und Erstarrung bleibt erhalten: Igor Njeschnis Bühnenbild zu Tschaikowskys "Eugen Onegin" im Klagenfurter Stadttheater fesselt vom ersten Anblick an. Mit diesem Werk hat das Theater neue Wege beschritten, denn zum ersten Mal wird in russischer Sprache gesungen, was auch die Fülle russischer Namen auf der Besetzungsliste erklärt.

Regisseur Dmitry Bertman hat offensichtlich eine neue Deutung versucht: Das Gut der Witwe Larina, ausgezeichnet gesungen von Jutta Geister, ist schäbig, von einstigem Reichtum weit entfernt und man langweilt sich. Die Bauernburschen-und Mädchen sind rohe Tölpel, die bei der ersten Gelegenheit übereinander herfallen. Im Garten kocht die Amme Marmelade - Margarita von Kerasova überzeugt mit fülligem Organ in dieser Partie - und sogar ein Klavier steht unter den Bäumen, damit die beiden Töchter ihr Duett singen können.

Das ist eine der Ungereimtheiten der Regie. Die größte aber ist die ständige Unruhe. Wenn nicht die Protagonisten umherzappeln, mit den Armen fuchteln, hin-und herrennen, dann bewegt sich die Drehbühne wie ein großes Karussell. Man wird beim Hinschauen beinahe schwindlig. Es macht den Eindruck, als fürchtete der Regisseur, jene Ruhe zu schaffen, welche innere Spannung erzeugt.

Eine neue, überzeugende Deutung erhält die Duell-Szene: Onegin geht mit ausgebreiteten Armen auf Lensky zu, zeigt seine Bereitschaft zur Versöhnung, doch dessen neurotischer Ehrbegriff lässt dies nicht zu: Er wendet die Waffe gegen sich selbst und bürdet seinem ehemaligen Freund Onegin die moralische Verantwortung für seinen Tod auf.

Die Sänger der Hauptpartien sind gut ausgewählt. Natalia Uschakova als Tatjana ist bildschön, singt mit hellem, runden Sopran und vermittelt berührend die seelische Situation einer leidenschaftlich Verliebten, die sich letztlich den Ansprüchen einer rigiden Gesellschaft beugt. Im Duett mischt sich ihre Stimme stilrichtig mit dem Mezzo von Marisella Martinez als Olga. Andrey Baturkin ist als Onegin eine gebrochene Persönlichkeit mit kultiviertem Bariton. Sein Gegenspieler Sergej Drobyshevsky singt mit etwas engem Tenor, doch macht er die Gefangenschaft in Konventionen deutlich.

Ein Kabinettstück liefert Max Rene Cosotti als Franzose mit seinem Couplet. Igor Matioukhine gestaltet mit rundem Bass einen würdevollen Fürst Gremin.

Ein eigenes Kapitel sind in dieser Inszenierung leider die Kostüme von Tatiana Touloubieva: Lange Mäntel, hohe Hüte, Anklänge an Uniformen sind heute doch schon abgestandene Requisiten des Regietheaters. Da nützt auch die prachtvolle Renaissance-Robe der Tatjana im letzten Akt nichts mehr.

Die musikalische Seite der Aufführung ist beachtenswert: Der Chor kommt mit der russischen Sprache gut zurecht und klingt ausgeglichen. Das Orchester gibt zwar ab und zu grobe Töne von sich, bewältigt aber die doch recht schwierige Partitur zu allgemeiner Zufriedenheit. Michael Güttler am Pult bewahrt immer die Übersicht und bemüht sich um Unterstützung der Sänger. Das Klagenfurter Publikum war begeistert.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau