Lateinamerika war noch nie so selbstbewusst wie heute - politisch wie wirtschaftlich. Aber der Erfolg steht auf wackeligen Beinen.

Im Juni beginnen die Fußballweltmeisterschaften. Die Zeichen stehen nicht schlecht, dass sich dann - quasi als Zeichen ausgleichender Gerechtigkeit - die Machtkonstellation in der Welt für kurze Zeit verschiebt und der unterentwickelte Süden dem reichen Norden einmal zeigt, was es heißt, hinten zu sein.

Der Schriftsteller Franzobel hofft auf Argentinien, auch wenn er nicht so recht an die Südamerikaner glauben mag. Bei den Fußballweltmeisterschaften 2002 in Asien gehörte das Land am Rio de la Plata noch zum engsten Favoritenkreis, um schließlich kläglich zu versagen. Vielleicht lag es damals an der nationalen Paralyse, die sich auf das Spiel der Argentinier übertragen hatte. Damals steckte das Land mitten in den Nachwehen einer der schlimmsten wirtschaftlichen und sozialen Krisen seiner Geschichte. Ende 2001 hatte sich die Lage zugespitzt. Über Nacht war der Reichtum verschwunden - Pflastersteine flogen, der Präsident floh.

Fußball als Trost

Die Krise vermochte das ganze Land lahmzulegen, den allwöchentlichen Meisterschaftsbetrieb jedoch konnte sie nicht unterbrechen. Die Stadien füllten sich weiterhin, als wäre nichts gewesen. Fußball hat in Argentinien spätestens seit dem legendären Tor Diego Maradonas mit der "Hand Gottes" etwas Überirdisches, das sich nicht von der korrupten Politik machtbesessener Caudillos beeinflussen lässt.

2002 schied Argentinien bereits in der Vorrunde aus und verlor zu allem Überdruss gegen den Erzfeind England. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Falkland-Krieg steckt der britische Stachel noch immer tief in der argentinischen Seele. Jeder, der einmal ein Match in Buenos Aires besucht hat, weiß davon: Vor dem Anpfiff eines jeden Ligaspiels gedenkt man der Gefallenen im Krieg um die Inseln. Eine riesige Nationalflagge macht die Stadionrunde, während die Fans beider Mannschaften auf den Tribünen energisch auf und ab hüpfen und wehmütig skandieren: "Las Malvinas son argentinas!" ("Die Falklandinseln gehören Argentinien!"). Für einen Moment ist die nationale Krise vergessen.

Seit dem Amtsantritt Néstor Kirchners als Staatsoberhaupt im Jahr 2003 schlägt Argentinien aber wieder selbstbewusstere Töne an. Sie sind im Ausland klar zu vernehmen. Die Schulden werden brav zurückgezahlt und im Land versucht der Präsident der zum Selbstzweck der Nomenklatura degenerierten Rechtsstaatlichkeit zu neuem Glanz zu verhelfen. Während der Dialog mit den usa eingefroren wurde, nähert sich das Land seinen Nachbarn an.

Absage an Freihandelszone

Generell scheint in den letzten Jahren ein Verbrüderungsprozess in Lateinamerika stattzufinden, auch wenn eine ideelle Trennwand zwischen Süd-und Mittelamerika nach wie vor besteht. Südamerika hat sich größtenteils von der us-amerikanischen Interventionspolitik verabschiedet, während Mittelamerika seinem nördlichen Bruder weiterhin die Hand reicht. Jedenfalls hat der Einfluss der Vereinigten Staaten auf Lateinamerika merklich abgenommen. Das verdeutlichte zuletzt der blamable Auftritt von us-Präsident George Bush im argentinischen Badeort Mar del Plata im November des Vorjahres, wo ihm die südamerikanischen Kollegen eine Absage hinsichtlich einer gesamtkontinentalen Freihandelszone (alca) erteilten.

Lateinamerika war noch nie so selbstbewusst wie heute. Dafür sind vordergründig zwei Faktoren verantwortlich: Einige Staaten verzeichneten in den letzten Jahren einen gehörigen demokratiepolitischen Aufschwung, in dessen Zuge überkommene Eliten entmachtet wurden. An ihre Stelle traten linkspopulistische, aus der Unterschicht oder aus sozialen Randgruppen stammende Anführer, die wesentlich getreuer die Konturen der Länder repräsentieren als ihre Vorgänger. Eine Mehrzahl der Bevölkerung fühlt sich erstmals richtig an der vordersten Front vertreten und unterstützt tatkräftig ihre politischen Helden. Die Demokratie scheint hier im 21. Jahrhundert das zu erreichen, was ihr auf dem Papier immer schon zugesprochen wurde: eine Emanzipation des Volkes.

Der Emanzipationsprozess ist aber nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich bedingt. Die lateinamerikanischen Volkswirtschaften boomen derzeit wie selten zuvor. Der Grund dafür liegt in der massiv gestiegenen Nachfrage nach Rohstoffen und Naturprodukten, welche der Kontinent in Fülle besitzt. Die steigenden Gewinne machen die Staaten unabhängiger und flexibler: Einerseits können die Altlasten beglichen, andererseits die eigenen Kassen gefüllt werden. Dass eine Hausse den politischen Spielraum und Einfluss vergrößern kann, demonstriert am augenscheinlichsten Hugo Chávez, Präsident von Venezuela. In seinen Reden und durch seine Taten provoziert er ständig die usa und sucht sich zugleich auf dem Kontinent Verbündete, die er mit Geld-oder Öllieferungen belohnt. Der Einfluss des Scharfmachers in Lateinamerika hat in den letzten Jahren merklich zugenommen - Evo Morales verdankt seinen kürzlich errungenen Sieg bei den Präsidentenwahlen in Bolivien nicht unwesentlich den finanziellen Zuwendungen aus Venezuela.

Demagogen, Diktatoren

Die Aufbruchsstimmung in Lateinamerika ist also nicht zu verkennen - allerdings zeigen sich deren Grenzen schon jetzt. Kürzlich ging der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa mit Hugo Chávez und dessen Kumpanen Ollanta Humala, dem peruanischen Präsidentschaftskandidaten, hart ins Gericht. Der Literat bezeichnete sie als Demagogen, die immer zuerst dieselben Lieder anstimmten, bis sie an die Macht kämen und sich in Diktatoren verwandelten. Schließlich ließen sie das Land ärmer, korrumpierter, erbitterter zurück, als sie es vorgefunden hätten. Wenige Tage später lieferte Chávez selbst eine erste Bestätigung dieses Verdikts: Öffentlich hatte er Humalas aussichtsreichen Gegner in der kommenden Stichwahl in Peru (4. Juni), Alán Garcia, als einen "Lump, Falschspieler und Räuber" verhöhnt, worauf der Andenstaat den Botschafter aus Caracas abzog.

Die Demokratie verleiht in Lateinamerika zwar zusehends den Armen eine mächtige Stimme, strukturell und institutionell entspricht sie jedoch noch nicht modernen Anforderungen. Nach wie vor werden eigene Maßstäbe gesetzt, und die Macht wird so verteilt, dass sie nicht wirklich kontrolliert werden kann. Auf der einen Seite ist die Korruption so nicht einzudämmen, auf der anderen werden Andersdenkende vom System automatisch ausgeschlossen und marginalisiert. Schließlich steht auch die Wirtschaft trotz des derzeitigen Hochs auf wackeligen Beinen, da der Reichtum fast nur auf dem Export primärer, von der Nachfrage des Auslands abhängiger Güter basiert. Ohne Aufbau eines schlagkräftigen, verarbeitenden Gewerbes und einer leistungsfähigen Dienstleistungsbranche werden die lateinamerikanischen Staaten ihren momentanen Grad an Selbstbewusstsein wohl nicht halten können.

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