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Engel, blaset die Trompeten!

Was ist Barock und wie aktuell ist diese Lebens- und Glaubensauffassung heute? Eine theologisch-philosphische Betrachtung.

Eine barocke Party" heißt eine aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Wien - willkommener Anlass speziell den theologisch- philosophischen Inhalt als auch das dazugehörige barocke Kleid und damit die Form der katholischen Kirche in Vergänglichkeit und Aktualität in Akzenten und Gedanken zu beleuchten.

Schon in der hellenistischen und spätrömischen Antike begannen die ursprünglich strengen geometrischen Formen zu schwingen und konvexe, konkave und elliptische Formen fanden ihren Eingang in die Architektur, was erst durch die Renaissance, den Barock und das Rokoko fast tausend Jahre später entdeckt und neu gestaltet wurde und heute wiederum oft vom Süden ausgehend in die künstlerischen Überlegungen Eingang findet.

Nachdem im 8. Jahrhundert der Bilderstreit zugunsten der Bildenden Künste ausgegangen war, wurde die katholische Kirche durch das Mäzenatentum ihrer Päpste und Repräsentanten der Gesellschaft zu einer Förderin und Inspiratorin der Kunst, was sich unter anderem nach der Gegenreformation und des damit verbundenen geistig-materiellen Aufschwunges insbesondere in der Barockkultur manifestiert, die Ende des 16. Jahrhunderts von den Zentren Rom und Neapel ausgehend das kirchliche Erscheinungsbild bis Ende des 18. Jahrhunderts speziell im süddeutschen und altösterreichischen Raum prägen sollte.

Glaube und Leben

Diese Entwicklung hat ihre geistig-philosophischen Wurzeln in einer weiten aber bestimmten Lebens- und Glaubensauffassung. Zum Beispiel, die Welt sei ein Theater beziehungsweise eine Bühne. Gott selbst ist dort der Regisseur - barmherzig, aber auch eingreifend - und die Menschen sind als Figurinen berufen, je nach ihren Talenten die Haupt- und Nebenrollen zu spielen. Diese Auffassung erstreckt sich deshalb auch auf die Liturgie der Sakralräume als "theatrum sacrum", wo die Choreographie im Einklang mit Musik, Bewegung, Paramentik bis zum Geruch des Weihrauchs eine Einheit bildet. Sind das auch nicht heutige Beweggründe zum Beispiel eines Hermann Nitsch? Tatsache ist jedenfalls, dass auch die Liturgie wiederum insofern Anleihe beim Barock nehmen könnte, um das sinnliche Element menschlicher Empfindungen nicht zu Gunsten eines zerredeten Gottesdienstes zu kurz kommen zu lassen.

Katholischer Glaube ist Dynamik und freut sich daher an der Lebendigkeit des göttlichen Wirkens genauso wie an der menschlichen Lebensfreude mit ihren Wurzeln in Gott. Das sinnlich-körperliche Erscheinungsbild des Menschen wird in einer einheitlichen Harmonie mit dem Geistig-Seelischen gebracht. Bei allem Sinn für Form der Repräsentanz und Festlichkeit, gehört zur barocken Lebensauffassung eine tiefe Gläubigkeit mit innerer Demut. Man darf sich nicht einseitig in das Körperlich-Triebhafte verlieren, was heute so oft in der Pornographie endet, aber es gibt auch eine Pornographie des Geistes, nämlich die Arroganz. Wir erleben Phänomene barocker Gestaltungslust von der himmlischen Pracht einer Klosterkirche bis zum akzentuierten Bildstock einer Landschaft. Der Barock zeigt uns auch, dass schon in dieser Welt die Herrlichkeit Gottes erstrahlt und bleibt nicht bei transzendenten Jenseitsvertröstungen ängstlich und enge stehen. Gleichzeitig wird oft auch der Schmerz und der Tod theatralisch vor Augen geführt. Der Tod wird jedoch nicht ernst genommen, was auf die Distanz zur Vergänglichkeit hinweist. Der Tod muss tanzen und das ewige Licht tragen, was uns so eindrucksvoll Meister Giuliani in der Heiligenkreuzer Totenkapelle zeigt. So wird das Sinnliche durch den Glauben ans Übersinnliche überwunden.

Barock hat kein gestörtes Verhältnis zum Körper, wie es sich leider durch gewisse Frömmigkeitsformen im 19. Jahrhundert entwickelt hat. Auch hier können wir an der Schwelle des dritten Jahrtausends in der Kirche wieder anknüpfen. Wir sind keine Geister, sondern wir besitzen einen Körper, der nicht "Kerker der Seele" ist, wie es irrtümlich der Neuplatonismus meinte. So würden wir auch wiederum in der katholischen Moral das harmonische Verhältnis von Agape, Philie, Eros und Sexus finden, wie es der Jesuit Lotz so treffend formulierte.

Natur und Übernatur

Der barocke Mensch liebt die Spannung von ratio und irratio und bemüht sich, sie menschlich zu bewältigen. Er lebt bewusst in der Bipolarität von Natur und Übernatur. Die Immanenz und die Transzendenz werden gemeinsam erlebt und die barocke Kirche zeigt uns, dass die Realität unseres Lebens nicht nur der ratio entspricht, sondern der ständigen Wirksamkeit des Göttlichen in der Welt.

Thron und Altar

Die Verquickung des absolutistischen Modells von der Verbindung zwischen Thron und Altar mag sicher heute historisch anmutende Züge in sich haben, ist aber auch nicht das einzige oft nur vordergründig verstandene Modell unserer katholischen Lebensauffassung und Gesellschaftsgestaltung.

Für einen gläubigen Katholiken ist nämlich eine persönliche Einheit zwischen Staatsbürger und Christ zu sehen, die auch im alltäglichen Leben nicht zerbrechen soll. Vielleicht müsste man in dieser "zeitlosen" und daher klassischen Sicht einmal eine der schönsten Barockkirchen der Welt - St. Karl in Wien - betrachten. In ihr erblicken wir eine tiefe Religions- und Gesellschaftssymbolik der Einheit zwischen Kirche und Staat, die sich nicht getrennt aber unvermischt zeigt und unsere bloß säkularisierte Epoche ermahnen will.

Oft meint man, dass die Kirche angesichts der Armut in dieser Welt ein ganz einfaches Kleid zu tragen hätte und vergisst dabei die sich längst amortisiert habende Rolle der Bildenden Künste als soziale Komponente von Millionen Gläubigen bis zu den hoffentlich sehenden und nicht nur schauenden Touristen unserer Tage.

So ist der Barock nicht ein bloß historischer Stil sondern eine gesamte Lebensphilosophie. Sie gibt die aus Erfahrung, Freude und Erwartung realistische Antwort auf die Grundfragen des Lebens - des Woher, des Warum und vor allem des Wohin. Die christliche Botschaft vom gekreuzigten Jesus mündet in den Glauben an den auferstandenen Christus. Viele Bilder und vor allem die Deckenfresken, wie das von Martin Knoller in der Abtei Neresheim, drücken dies anschaulich und allegorisch aus, was auch die Barockdichterin Catharina Regina von Greiffenberg so eindringlich spricht:

Engel blaset die Trompeten! Seraphinen singt und klingt

Jubil- Jubil- Jubiliret hocherfreuter Himmelchor!

Sonne und Sterne glänzt und tanzet eurem Triumphirer vor!

Berg und Hügel, Fels und Throne auch in frohen Jauchzen springt!

Ihr für alls beglückte Menschen weil es euch zu Heil gelingt

Lobet Preiset Ehret Danket und erhebet hoch empor den

der sich und euch erhebet aus des Todes ins Himmels Chor.

Dann die Paradeisische Unschuld seine Erstellung euch mitbringt.

Sollte wohl die Sündenmacht dessen Allmacht überstreben

der die selbst Unendlichkeit? Nein sie muß sich ganz ergeben:

sein verdientes Meer kann löschen, nicht nur Fünklein ganze Feuer.

Ach der lang verlangte Erlöser tötet alle Ungeheuer.

Was will Welt, Tod! Teufel, Hölle einem Christen abgewinnen.

Die sind ganz verstört, verheert: Dieser herrscht im Himmel drinnen.

Humor und Weisheit

Die barocke Kirche konnte daher stets die Antworten auf das Tragische und auch oft das Komische des Alltagslebens geben und mündet darin oft im Humor, der vortrefflichen Schwester der Weisheit, wie sie uns Abraham a Sancta Clara lehrt.

Die barocken Pioniere eines Michelangelo und eines Caravaggio stellten die Körperlichkeit des Menschen in die Mitte ihres Schaffens. Letzterer - der nur unter dem persönlichen Schutz eines Kardinals seine reifsten Werke schaffen konnte, da er wegen Mordverdacht ständig von der Justiz verfolgt wurde - zeigt uns in seinen kontrastreichen Werken des Hell und Dunkel das Licht der Gnade und die Finsternis menschlicher Verwirrungen und Leiden.

Diesem Spannungsfeld stellen sich auch viele virtuose Künstler der Moderne - von Kokoschka über Boeckl, Oberhuber, Hollegha bis zu Attersee, um nur ein paar österreichische Maler zu nennen. Vor wenigen Jahren fand in Graz eine Ausstellung mit dem Titel "Die barocken Wilden" statt.

Auch die Musik eines Haydn, die bis heute in der katholischen Liturgie gepflegt wird, überzeugt durch die Grundhaltung ihres Meisters, wenn dieser bei Fertigstellung seines berühmten "Te Deum" über sich selbst schreibt: " Ich weiß es nicht anders zu machen. Wie ich's habe, so gebe ich's. Wenn ich aber an Gott denke, so ist mein Herz so voll Freude, dass mir die Noten wie von der Spule laufen. Und da mir Gott ein fröhliches Herz gegeben hat, so wird er mir schon verzeihen, wenn ich ihm fröhlich diene." Diese Grundeinstellung eines barocken und damit klassischen - weil zeitlosen - Talentes ist auch ein aktuelles Lebensprogramm demütiger Katholiken unserer Tage, die gestaltend mit ihrem Schöpfer letztlich im Einklang stehen.

Alles in allem können uns diese akzentuierten Betrachtungen der katholischen Barockarchitektur daran erinnern, dass wir ein kostbares und auch verpflichtendes - weil wegweisendes - Erbe im wahrsten Sinn des Wortes weiterzugeben und auch zu pflegen haben. Der Inhalt unserer katholischen Religion basiert ja bekanntlich nicht nur auf dem Fundament der scriptura allein sondern auch auf der traditio, der Geistbegleitung durch die Jahrhunderte bis zum Ende des Äons, wo Christus leibhaftig wieder kommen wird. Wenn wir auch verschiedene historisch bedingte Zeiterscheinungen des Barock - wie zum Beispiel den uns übertrieben erscheinenden Reliquienkult, das absolutistische Denken oder eine modische Prunkentfaltung - heute nicht mehr nachahmenswert empfinden können, so könnten wir aus der dynamischen Glaubens- und Lebensfreude so manches lernen und unserer Zeit entsprechend modifiziert an die kommenden Generationen in dankbarer Verantwortung weitergeben.

Der Autor

ist Professor für Kirchliche Kunst an der Phil. Theol. Hochschule Heiligenkreuz, Mitglied der Päpstlichen Kunstakademie beim Pantheon in Rom und MilOrd-Kanzler.

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