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Feuilleton

Entsetzlich alltäglich

1945 1960 1980 2000 2020

Was sich heute unter dem Titel "Sexueller Mißbrauch" verbirgt, ist unfaßlich. Eine völlige Blindheit gegenüber menschlichem Leid beginnt zu grassieren.

1945 1960 1980 2000 2020

Was sich heute unter dem Titel "Sexueller Mißbrauch" verbirgt, ist unfaßlich. Eine völlige Blindheit gegenüber menschlichem Leid beginnt zu grassieren.

Drastisch beschrieb der holländische Psychotherapeut Ruud Bullens das Ausmaß der Schändung von Kindern in seinem Land: "Es ist, wie wenn ich ein Kind aus einem reißenden Fluß rette, es beatme und ins Krankenhaus bringe. Bevor ich wieder am Fluß zurück bin, ertrinkt schon das nächste Kind. Und 300 Meter flußaufwärts steht ein Mann auf einer Brücke. Plopp, plopp, plopp wirft er ein Kind nach dem anderen ins Wasser". Wenn abgebrühte Fachleute wie er, der tagtäglich mit Opfern und Tätern zu tun hat, anfängt zu beschreiben, was er so zu hören und zu sehen bekommt, verschlägt es normalen Menschen bereits die Sprache ... Vor Monaten begann der Horror mit dem belgischen Pornofilmer Marc Dutroux, der Kinder entführte und vor laufender Kamera quälte. Unter anderem ließ der vorbestrafte und frühzeitig entlassene Sexualstraftäter zwei kleine Mädchen in einem Betonverlies kaltblütig nach monatelangen Quälereien verhungern. Da dachte man schon, schlimmer kann es nicht mehr kommen.

Und jetzt: Mitten in Europa werden Babys und (Klein-) Kinder auf die entsetzlichste Weise mißbraucht. Bilder davon, zu Tausenden im holländischen Badeort Zandvoort gefunden, waren für die weltweite Verbreitung über Internet gedacht.

Noch nie, sagte der mit der Sache befaßte Psychiater, habe er so Furchtbares gesehen. Diese Kinder werden Wracks sein, falls sie überhaupt noch am Leben sind. Kein Therapeut vermag mehr ihre Wunden zu heilen, die die seelischen und körperlichen Torturen angerichtet haben.

Täter, die sich schlimmster Verbrechen schuldig machen, unverfrorene Geschäftemacher, die daraus Kapital schlagen, hemmungslose Konsumenten, die nichts dabei finden, sich von solchen Bildern sexuell stimulieren zu lassen - was tun sich da für Abgründe auf??

Bei aller Erschütterung und Ratlosigkeit, die jetzt in den Medien bekundet wird, muß man doch auch einige Fragen stellen: * Es gibt offensichtlich einen neuen Typ von perversen Zeitgenossen: Die Kinderschändung ist nicht bloß das Werk von ein paar sexuell Verirrten. Die gezeigten Perversionen, so die übereinstimmende Einschätzung, haben nichts mit pädophilen Neigungen, sondern mit reinem Sadismus, mit Wut und Drang zum Kaputtmachen eines hilflosen Wesens zu tun. Wie kann es zu diesem massenhaften "Genuß" solcher Grausamkeiten kommen?

Die herkömmlichen, mitunter auch hausbackenen Erklärungen über die Beweggründe für das "Benutzen" von kleinen Menschen reichen nicht mehr aus. Es gibt offensichtlich auch neue gesellschaftliche Mechanismen, die derartige Unmenschlichkeiten ermöglichen und fördern.

* Alles, einfach alles wird zum Gegenstand von Geschäften in unserer modernen Marktwirtschaft gemacht: Menschen sind Ware, Sexualität hat ihren Preis. Die Schändung von (Klein-)Kindern erzielt einen ganz besonders hohen Preis. Der "Markt" gibt das her; bis zu 28.000 Schilling sollen es laut Polizei für ein 60-Minuten-Video sein.

Dank der Globalisierung und Technisierung steht dafür jetzt sogar die gesamte Welt als Kunde zur Verfügung. Vom Verkauf bestialischer Bilder läßt sich ganz offenkundig bereits ebenso fürstlich leben wie vom Drogenhandel. Ist das verwunderlich in einem Europa, in dem sich alles nur mehr um ökonomische Interessen dreht?

* Unser Verständnis von Politik beginnt zu degenerieren. Wir haben keine Visionäre mehr, die mit kühnen Entwürfen die Gesellschaft verbessern wollen, sondern nur mehr Manager, Technokraten und Krisenverwalter. Natürlich sind Wohlstandsvermehrung und Arbeitsplatzsicherung auch wichtige Themen. Vergißt die Politik, daß es noch andere, wichtige Dinge gibt? Die Sicherung des menschlichen Charakters zum Beispiel.

* Im heutigen Wirtschaftssystem wird systematisch Bedarf nicht nur befriedigt, sondern mit den raffiniertesten Mitteln erst geweckt. Das gilt auch für den Verkauf von Perversionen. Die Frage ist nur, wie lange Kinderporno-Konsumenten mit dem bloßen Anschauen von Vergewaltigungsszenen auskommen werden. Wie lange werden sie als anonyme Bilder-Betrachter auf ihre Kosten kommen können, weil eine eingbaute Hemmschwelle sie noch von einem stärkeren Nervenkitzel - der konkreten Tat - abhält? Was dann? Die Wissenschaft weiß derzeit noch viel zu wenig über diese Zusammenhänge.

* Man erinnert sich bei der Gelegenheit auch noch gut an das sensationelle Urteil im vorigen Sommer in Bayern. Ein Pärchen flog auf, das per Internet sadistischen Kindersex angeboten hatte, Leichenbeseitigung miteingeschlossen. Für Juristen eine klare Sache: Freispruch! Wo keine Tat, da keine Verurteilung. Das Gericht glaubte den beiden ihre Schutzbehauptung, daß das Angebot ja gar nicht ernst gemeint gewesen sei. Darf es nach dem grausigen Fund in Zandvoort solche Urteile noch einmal geben?

* Das Internet, ein weltumspannendes Computernetz, wurde mit großer Euphorie begrüßt. Mehr Freiheit für alle durch freien Informationsfluß. Jeder kann Daten einspeisen, die er will. Und plötzlich zeigt sich, daß diese Medaille auch eine Kehrseite hat. Tür und Tor für verbrecherische Aktivitäten stehen offen. Die gigantische Datenmenge macht es unmöglich, die Inhalte zu kontrollieren. Porno-Anbieter hinterlassen kaum Spuren, arbeiten mit raffinierten Verschlüsselungstechniken. Was soll eine Handvoll hilflos operierender "Cyber-Polizisten" im globalen Datennetzen ausrichten?

* Alle Bemühungen von Justiz, Polizei und Politik nützen nichts, wenn sich die Grenzen dessen, was man für erlaubt hält, allmählich ins Unendliche verschieben. Alles ist möglich, alles scheint erlaubt.

Der katholischen Kirche hat man vorgeworfen, mit ihrer Sexualmoral nur Neurosen zu produzieren. Die Enttabuisierung des menschlichen Zusammenlebens ging in der Folge aber weit über das Sexuelle hinaus. Heute kennt die moderne Gesellschaft keine Tabus mehr. Grassiert deshalb die völlige Blindheit für die Qualen anderer? Stirbt der Sinn für die menschliche Würde ab?