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"Er liebte die Boheme"

Zum 100. Geburtstag des deutschen Schriftstellers Wolfgang Koeppen.

Die Zeitläufte kamen Wolfgang Koeppen in die Quere, so wie er ihnen quer kam - stets. Seine beiden ersten Bücher (Eine unglückliche Liebe und Die Mauer schwankt) konnte er erst im Jahre 2 und 3 des "Tausendjährigen Reiches" veröffentlichten. Weitere Publikationen mussten unterbleiben, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg als "junger vierzigjähriger Autor" galt. Die zu Beginn der fünfziger Jahre vorgelegten drei Romane - er verdichtete die restaurative Atmosphäre der bundesrepublikanischen Gründerjahre, indem er für Plot und Gestalten auf das zeitgenössische Angebot an politischen Ereignissen und Personen zurückgriff - trugen ihm den Ruf des linken Zeitkritikers und pornographischen Schlüsselromanschreibers ein. Deshalb hielt er es für angebracht, Tauben im Gras (1951), einem Puzzle aus genau 103 Splittern von einem Februartag in München 1951, bei der Taschenbuchausgabe die Bemerkung voranzustellen, hier spiegelten sich keine wirklichen Menschen, auch wenn gleich mehrere Anspruch erhoben hätten, real existierendes Vorbild für dieselbe Person zu sein.

Aufgrund dieser Erfahrung versah Koeppen zwei Jahre später Das Treibhaus mit dem Warnschild, die politischen Ereignisse dienten nur als "Katalysator" für die "Imagination des Verfassers". Das verhinderte nicht das Vorhersehbare: Die Montage aus Beschreibung der (realen) politischen Signatur der Zeit (Westintegration und Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im März 1953) und der (fiktiven) beiden letzten Tage im Leben des oppositionellen Melancholikers und Bundestagsabgeordneten Felix Kettenheuve (ihm bleibt nur der Sprung von einer Rheinbrücke) wurde missverstanden, folglich begrüßt oder abgelehnt, als Kritik an der Bonner Republik. Das schraubte immerhin die Auflage auf die Höhe von 12.000 Exemplaren.

Nach dem dritten Buch, Tod in Rom, 1954, das man zu Unrecht mit den beiden vorangegangenen einer Trilogie zurechnet, ließ sich Koeppen von Rundfunkanstalten in die Welt schicken und verschaffte dem Genre der Reiseliteratur Anerkennung - als einziger im deutschsprachigen Raum. Innerhalb von zehn Jahren hatte er, der wünschte, sich eine Sekretärin allein aus dem Grund leisten zu können, weil er dann die ihm so ferne Disziplin aufbringen müsse, während deren Arbeitszeit seinerseits am Schreibtisch vor der Maschine auszuharren, also sechs Bücher geschrieben. Doch kaum war 1961 der letzte Band aus der Reihe der literarischen Ländererkundungen erschienen (Reisen nach Frankreich), wurde am Autor ein "Fall" statuiert: Die restaurative Bundesrepublik habe seinen Romanen die Anerkennung verweigert und ihrem Autor allein die "Sackgasse" der Reiseliteratur offengelassen. Der Autor seinerseits habe sich damit auf eine Entwicklung eingelassen, die ihn und sein Werk grundlegend beschädigt habe: "Was wird folgen?" fragte Reich-Ranicki.

Es folgten die Fragen an Koeppen nach dem, was folgt. Da zunächst kein Buch folgte, Koeppens Erklärungen hierzu mehr oder weniger gekonnten Camouflagen glichen, suchten Presse und Wissenschaft nach Erklärungen für das Ausbleiben eines neuen Buchs, ohne jemals überzeugende Antworten bieten zu können. Nachdem er seinem Verleger Siegfried Unseld gegenüber etwa 30 Romane angekündigt und nicht vollendet hatte (der in diesem Jahr veröffentlichte Briefwechsel zwischen den beiden bietet in Koeppens Briefen einen weiteren "Grund" für das Nicht-Schreiben, die Krankheit der viel jüngeren Frau des Schriftstellers), ließ er sich 1976 die Erzählung Jugend abringen.

Das heißt nicht, dass Koeppen ein Schriftstellerdasein als Schreibverweigerer führte. Er war ständig an der Arbeit - an seinem Leben wie an seinen Manuskripten. Doch das Kriterium für das geglückte Leben eines Bohemiens, eines Mitglieds jener Gruppe, die, so er selbst, "überall totgesagt ist und wieder auferstehen wird, als eine soziale Notwendigkeit", besteht ausschließlich in der Kontinuation dieser Existenzform. Erst diese spätestens seit 1933 anti-synchrone Haltung, die Koeppen mit einer modernistischen Poetik kombiniert, kann das Rätsel seines Lebens und seiner Schreibweise einer Lösung näherbringen. Ohne eine solche Perspektive wird er immer weiter unter der Phrase begraben, er sei "einer der wichtigsten Autoren der Nachkriegsliteratur".

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