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Feuilleton

Erinnern bedeutet etwas ganz Besonderes

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Für Danielle Spera soll das Jüdische Museum Wien ein lebendiger Ort der Begegnung zwischen Kulturen, Traditionen und verschiedenen Religionen sein. Ein Gespräch über Erinnerungskultur, die Vielschichtigkeit des Judentums und die Karrieren von jüdischen Künstlerinnen.

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Für Danielle Spera soll das Jüdische Museum Wien ein lebendiger Ort der Begegnung zwischen Kulturen, Traditionen und verschiedenen Religionen sein. Ein Gespräch über Erinnerungskultur, die Vielschichtigkeit des Judentums und die Karrieren von jüdischen Künstlerinnen.

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Journalistin Danielle Spera leitet seit 2010 das Jüdische Museum Wien. Im FURCHE-Gespräch geht sie auf das Spezifische jüdischer Erinnerungskultur und den Beitrag des Jüdischen Museums Wien zu dieser ein.

DIE FURCHE: In unserer Interviewreihe anlässlich des Weltkriegs-Jubiläums standen immer wieder markante Ereignisse im Mittelpunkt. 2017 jähren sich unter anderem der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg sowie die Russische Oktoberrevolution zum 100. Mal. Worin liegt das Bedürfnis nach öffentlicher Erinnerung?

Danielle Spera: Im Judentum bedeutet Erinnern etwas ganz Besonderes; jeder jüdische Feiertag erinnert an ein wichtiges Ereignis. Dann gibt es noch die persönlichen Erinnerungstage, an verstorbene Verwandte, die auch jährlich eingehalten werden. Öffentliche Erinnerung ist essenziell, um die Ereignisse im kollektiven Bewusstsein bestehen zu lassen. Wesentliche Begebenheiten in der Geschichte werden oft im Unterricht nicht mehr vermittelt. Daher haben die öffentliche Erinnerungskultur, aber auch die Geschichtsvermittlung in Museen einen wichtigen Stellenwert. Das Shoah-Mahnmal auf dem Wiener Judenplatz zum Beispiel ist ein wesentlicher Ort öffentlicher Erinnerung in zweierlei Hinsicht. Es erinnert an die jüdischen Opfer der Shoah aus Wien, unter dem Mahnmal befinden sich die Fundamente der mittelalterlichen Synagoge, deren Gemeinde 1421 ermordet und vertrieben wurde. Ein Ereignis, dass eine erste dramatische Zäsur in der Wiener jüdischen Geschichte darstellte und das durch die Ausgrabung nicht mehr in Vergessenheit geraten kann.

DIE FURCHE: Weist jüdische Gedenkkultur Spezifika auf, die sie von anderen unterscheidet? Worin liegen diese begründet?

Spera: Jude sein bedeutet, sich ständig zu erinnern. An wichtige Ereignisse in der jüdischen Geschichte, aber auch an Menschen, die nicht mehr unter uns sind. Im Jüdischen Museum vermitteln wir auch die jüngere Geschichte. Der Holocaust sollte allerdings auch unbedingt in anderen Museen thematisiert werden, bisher findet das kaum statt. Das Gedenken an die Shoah nimmt einen wichtigen Stellenwert ein. In Israel steht am Yom HaShoah, am Holocaust-Gedenktag, tatsächlich alles still. In den pulsierenden Metropolen kehrt Stille ein, auf den Straßen bleiben Autos und Fußgänger stehen. Man hält inne im Gedenken an die durch die Nazis und deren Schergen ermordeten Jüdinnen und Juden.

DIE FURCHE: 2010 wechselten Sie als beliebte Fernsehmoderatorin an die Spitze des Jüdischen Museums Wien. Was reizt Sie an dieser Funktion und welche Funktion kann bzw. soll ein spezifisch jüdisches Museum erfüllen?

Spera: Es war mir ein Anliegen, das Jüdische Museum Wien auf den kulturellen Stadtplan unserer Stadt zu setzen. Während in Berlin das Jüdische Museum immer ein Anziehungspunkt war, führte das Wiener Museum ein Schattendasein. Das wollte ich ändern. Heute ist das Jüdische Museum Wien mit seinen beiden Standorten nicht nur ein Ort, an dem die jüdische Geschichte (inklusive der österreichischen Nachkriegsgeschichte), der jüdische Beitrag zur Entwicklung unseres Landes vermittelt wird, sondern ein lebendiger Ort der Begegnung zwischen Kulturen, Traditionen und verschiedenen Religionen. Wir begrüßen täglich Schulklassen, von der ersten Klasse Volksschule bis zur Matura, mit denen wir auch über die vielen Gemeinsamkeiten sprechen. Seit einigen Monaten gestalten wir Programme mit Flüchtlingen aus dem Irak, Afghanistan oder Syrien. Das sind besonders spannende Begegnungen, die vermitteln, dass jede jüdische Geschichte auch eine Geschichte der Migration, des schmerzhaften Verlustes und des Neuanfangs ist. Für die meisten dieser neuen Gäste ist das Thema Judentum gleichbedeutend mit Israel. Sie kennen es ausschließlich aus diesem limitierten Blickwinkel. Bei uns erkennen sie, dass es ein enorm vielschichtiges Thema ist.

DIE FURCHE: Es gibt nur wenige europäische Metropolen, deren Stadtgeschichte so eng mit der jüdischen Bevölkerung verbunden ist wie Wien - um 1900 und vor der Shoah die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas. In welchen Bereichen hat die jüdische Bevölkerungsgruppe diese Stadt besonders geprägt?

Spera: Eigentlich in jedem Bereich. Von der Wissenschaft, Medizin über Kunst und Kultur bis hin zur Infrastruktur. Denken wir an die Ringstraße oder die Eisenbahn oder wesentliche Bereiche der Industrie. Viele zentrale Beiträge zur Entwicklung unseres Landes sind nur durch die Leistungen von Juden entstanden. Das ist heute zum größten Teil in Vergessenheit geraten. Darauf machen wir im Jüdischen Museum aufmerksam. Oder nehmen wir die Tatsache, dass wesentliche Wiener Sehenswürdigkeiten nicht gebaut hätten werden können, wenn Juden sie nicht finanziert hätten, etwa Schloss Schönbrunn oder die Karlskirche. Maria Theresia, die stark antisemitisch eingestellt war, fand in Moses Lopez Pereira einen jüdischen Financier, der ihr half, Schönbrunn auszubauen. Die Hofjuden Marcus und Hirschl Mayr waren die Hauptfinanciers der Karlskirche. Das erfährt man an Ort und Stelle nicht, es ist allerdings ein Teil unserer Geschichte.

DIE FURCHE: Eine aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum beschäftigt sich mit der weiblichen Komponente des Wiener Kunstlebens um 1900. Worin liegt die Bedeutung dieser Epoche der Moderne für das heutige Wien? Welche Kontinuitäten und Diskontinuitäten gibt es?

Spera: Die Wiener Jüdinnen und Juden um diese Zeit stammten in zweiter oder dritter Generation aus dem Shtetl. Sie hatten meist ihre Tradition abgelegt, sich den neuen Gegebenheiten in der Metropole Wien angepasst und zeigten sich daher offen für alle neuen Strömungen. Sie waren am Aufbruch in die Moderne maßgeblich beteiligt. Durch das Potenzial dieser Künstlerinnen wurde die weibliche Avantgarde erst ermöglicht. Ihre Lebenswege wurden durch die Shoah gebrochen. Flucht und Vertreibung beendeten die Karrieren dieser Frauen jäh. Jene, die flüchten konnten, mussten alles hinter sich lassen und rangen im Exil um ihre Existenz, ganz zu schweigen von einem Neuanfang in der Kunstwelt. Vielen der Künstlerinnen gelang die Flucht allerdings nicht. Sie wurden deportiert und ermordet, wie Friedl Dicker-Brandeis und viele andere, wodurch auch die Erinnerungen an so manche dieser Künstlerinnen verloren gingen. Wir rücken sie im Jüdischen Museum wieder ins öffentliche Bewusstsein.

DIE FURCHE: Auch nach dem Zerfall des Habsburgerreiches waren es oft Juden, die in der nationalistisch aufgeladenen Atmosphäre der Zwischenkriegszeit den kulturellen Austausch in Mitteleuropa ermöglichten. Können wir heute -gerade in einer Phase, in der Nationalismen wieder erstarken und supranationale Projekte wie die europäische Integration immer skeptischer gesehen werden - davon lernen?

Spera: Das geht weit über den kulturellen Austausch hinaus. Jüdinnen und Juden wurden immer wieder vertrieben, sie mussten sich gezwungenermaßen unentwegt neu erfinden, neu anfangen und waren so auch in der Lage, sich am Austausch leichter zu beteiligen als andere.

DIE FURCHE: Zum Abschluss eine allgemeine Frage an die Museumsdirektorin: Droht durch die Musealisierung von Geschichte die Gefahr, Geschichte ein für alle Mal festzuschreiben, sozusagen unseren heutigen Kenntnis- und Interpretationsstand zum Maß aller Dinge zu machen?

Spera: Es ist schon heute essenziell, Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Wenn wir zum Beispiel an die Türkenkriege denken, so wird vermutlich nur im Jüdischen Museum vermittelt, wer entscheidend daran beteiligt war, die Türkenbelagerung vor Wien abzuwehren und schließlich abzuwenden: Samuel Oppenheimer, der der größte Kreditgeber Österreichs wurde. Nach dessen Tod wurde seine Familie übrigens für bankrott erklärt und des Landes verwiesen.