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Erinnerung an die Zukunft

Mehr Wirklichkeit, weniger Kunst: Die Festwochen 2008 überzeugten.

Zu Beginn der heurigen Festwochen hat Christoph Marthaler in seiner Inszenierung "Platzmangel" eine frühe Prognose für das Festival gegeben und recht behalten. Die Rede ist von Ueli Jäggi, der mit seinen Worten von den "Wiener Fettwochen" den Erfolg schon antizipierte. Und tatsächlich bot das Theaterfestival thematisch gehaltvolles, spannendes und bisweilen auch ästhetisch innovatives Theater.

Dabei fiel angenehm auf, dass sich die neue Schauspieldirektorin Stefanie Carp nicht zwanghaft der ästhetischen Neuerfindung des Theaters verschrieben hat, sondern ihr offenbar die Vergrößerung des gegenwärtigen menschlichen Daseins mit den Mitteln des Theaters wichtiger war. Im Zweifelsfall entschied sie sich für mehr Wirklichkeit und weniger Kunst. Und bekanntlich ist es große Kunst, das Leben in der Kunst kenntlich zu machen.

Trotz vieler Experimente und des Auftritts unbekannter Gruppen gab es eine Auslastung von über 90 Prozent bei 43 Produktionen und 144 Vorstellungen in nur sechs Wochen.

Themen statt Stars

Von dem bislang bei den Festwochen üblichen Star-Aufkommen war heuer erfrischend wenig spürbar. Statt bekannter Namen standen thematische Fragestellungen und zeitgemäße ästhetische Positionen im Vordergrund. Einzig die Arbeiten von Intendant Luc Bondy, dessen Vertragsverlängerung bis 2013 in der Begeisterung um die Mnouchkine-Premiere in der medialen Diskussion zur Nebensächlichkeit wurde, standen als konventionelles literarisches Schauspiel quer. Bondy hat zwar mehr oder weniger den Schirm über die Festwochen gehalten, die Handschrift des Schauspielprogramms stammt jedoch von Stefanie Carp.

Nicht zufällig gilt sie als Star-Dramaturgin im deutschsprachigen Raum, die in den letzten Jahrzehnten bewiesen hat, dass ihr Theaterverständnis von einem gesamtstrukturellen Denken ausgeht. Auch Carps Festwochen-Programm entspricht klaren konzeptionellen Planungen, die eine extrem glückliche Komposition zeigen.

Fulminant setzte sie den Start mit der Grande Dame des europäischen Theaters, Ariane Mnouchkine (nach zwölf Jahren endlich wieder in Wien zu sehen), die mit dem Epos "Les Éphémères" eine europäische Geschichte im 20. Jahrhundert anhand verschiedener persönlicher Geschichten erzählt, quasi nach dem Canettischen Motto: "Feig ist, wer sich vor Erinnerung fürchtet." Die Summe der Biografien ergibt das Kaleidoskop einer Gesellschaft, ein Netz, in dem die Fäden zusammenlaufen. Es sind die Nebensächlichkeiten, die das Schicksal der Menschen bestimmen, wie die Festwochen selbst am Ende ein zusammenhängendes Bild unserer Gesellschaft ergeben und den Blick schärfen.

Mit dem Auftakt von Mnouchkines siebenstündiger Inszenierung wurde aber auch die Kraft des Theaters neu bewiesen und gestärkt.

Dass Menschen Produkte der Geschichte und ihrer Erinnerung sind und daraus Zukunftsphantasien abgeleitet werden, zieht sich als roter Faden durch das Festival. Alvis Hermanis etwa bringt in "Väter" drei Männeridentitäten zusammen: Den deutschen Oliver Stokowski, den Russen Juris Baratinskis und den Letten Gundars ¯Aboli¸nš. In Hermanis' Hyperrealismus weiß man nie, ob es sich hier tatsächlich um echte Geschichten handelt. Unabhängig von ihrer jeweiligen nationalen Herkunft haben alle drei eines gemeinsam: ihre Identität ist stark von der Beziehung zum Vater geprägt.

Dass Familie nicht unbedingt Ort der Idylle ist, zeigt Barbara Weber, die Shakespeares "Lear" aus der Perspektive der Töchter erzählt. Die Geburtstagsparty für den Vater wird zum Event, aktuelle Codes der Pop-Kultur sind Diskursmaterial für die 32-jährige Schweizer Regisseurin. Die politische Weltbühne wird hier von Stofftieren moderiert, die Berichterstattung über den Weltuntergang zugunsten eines Sektbuffets verschoben.

Neben van Hoves sechsstündigem "Konferenztheater" von Shakespeares "Römischen Tragödien" hat das Duo Rimini-Protokoll mit seinem Wirklichkeits-Theater ein Geflecht globaler Nachrichten entwickelt. In "Breaking-News" wird Wirklichkeit und ihre manipulierte Darstellung über verschiedene Nachrichtensender vermittelt. Wie viele "Auslandsnachrichten" bekommen die Iraker im Vergleich zu anderen, welche Bilder werden gesendet und wie werden diese geschnitten? Rimini-Protokoll tut nur so-als-ob und dreht die Uhren zurück, um die realen 20-Uhr-Nachrichten neu zu senden. Vor der Folie von Aischylos' "Persern" zieht sich eine wesentliche Frage durch die Geschichte aller Nationalitäten: Wieviel Wirklichkeit kann Berichterstattung liefern?

Nationale Realitäten

In Carps Konzeption darf auch die Frage nicht fehlen, was nationale und kulturelle Identitäten ausmacht. Mpumelelo Paul Grootboom etwa verbindet in "Interracial" konkretes Material mit Fiktion und liefert eine beunruhigende Diagnose der südafrikanischen Realität der Apartheidspolitik. Auch der Beiruter Theatermacher Rabih Mroué oder der Grieche Dimitris Dimitriadis verhandeln nationale Realitäten: Mroué den Albtraum des Bürgerkriegs, Dimitriadis das heutige Verständnis Griechenlands aus seiner mythologisch besetzten Geschichte.

Der iranische Dramatiker Amir Reza Koohestani geht in "Quartet: A Journey to the North" von vier tatsächlichen Morden aus, die im Iran für Aufsehen gesorgt haben. Zwei Männer und zwei muslimische Frauen erzählen aus einer isolierten Position ihre Geschichte.

Die Berliner Truppe "andcompany&Co" hat in ihrer Performance "little red: herstory" den zeitlichen Spannungsbogen bis ins 3. Jahrtausend gezogen und politische Utopien angeboten. History wird zur "herstory", der Geschichte der Figur der Little Red, die aus der "interstellaren Perspektive" den Blick zurück auf die Linke im 20. Jahrhundert bzw. die DDR wirft. Damit konstruiert die Truppe ein neues Format, ein witzig-poetisches Doku-Märchen über untergegangene Zukunftsperspektiven des Kommunismus.

Ein viel zu wenig beachteter Höhepunkt in Carps gekonnter Festwochen-Architektur war die französische Produktion von Vivarium Studio um Phillipe Quesnes "La Mélancolie des Dragons", die nichts weniger als die Melancholie darstellen wollte und dafür eine Form gefunden hat, die nicht nur dem Anspruch gerecht wird, sondern nebenbei auch ganz große Kunst ist.

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