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Feuilleton

Erinnerungen an die Sommerfrische

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Ausstellung "Willkommen in Österreich“ spannt einen Bogen über sieben Jahrzehnte Fremdenverkehrswerbung. Beginnend mit der Jahrhundertwende zeigt sie ein Panoptikum an Selbst-Bildern, die auch zu Versatzstücken der Identität des Landes geworden sind.

Menschen in Trachtenkleidung, fidele Musikanten, Kirchtürme, Alpenblumen und vor allem die alpine Bergwelt: So präsentierte sich Österreich über viele Jahrzehnte potenziellen Urlaubern. Die Ausstellung "Willkommen in Österreich“ zeigt im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek Plakate aus der Zeit von zirka 1900 bis in die 1970er-Jahre, mit denen für das Reiseland Österreich geworben wurde. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit des Ständestaats und den Nachkriegsjahren bis 1960, die "goldene Zeit“ des österreichischen Tourismusplakats. Es ist ein Fundus nationaler und regionaler Selbstbilder, die viel über das Selbstverständnis des Landes verraten.

Das Moderne und das Städtische kommt auf den gezeigten Plakaten nur selten vor - sogar auf jenen, die für Wien warben. Schon die Plakate der Österreichischen Staatsbahnen in der Monarchie rückten die schöne Landschaft ins Blickfeld und nicht die Eisenbahn. Zu den wenigen Ausnahmen zählt ein Plakat, auf dem das mondäne Strandleben am Millstätter See in Kärnten zu sehen ist, und eines, das die baulichen Errungenschaften des "Roten Wien“ herausstreicht. Fast immer trugen die als Blickfang eingesetzten Damen Dirndl. Die Frau im Badeanzug, die sich für das Mühlviertel in der Wiese räkelt und die als Motiv des Ausstellungsplakats dient, ist eine Ausnahme.

Die Schau beginnt mit Bildern aus einst zur Donaumonarchie gehörigen Ferienorten wie Grado und Ragusa (heute: Dubrovnik). Nachdem mit dem Untergang des Kaiserreichs die wichtigsten Fremdenverkehrsregionen plötzlich außerhalb Österreichs lagen, wurden die Alpen zum mit Abstand beliebtesten Motiv. In den 1920er Jahren wurde Österreich zu einem der beliebtesten Destinationen für europäische Touristen - als Billigtourismusland. Massiv beworben wurde Österreich jedoch erst im Ständestaat, nachdem die deutschen Touristen aufgrund der von Hitlerdeutschland verhängten 1000-Mark-Sperre ausblieben.

Zäsur durch Marketing & Billigreisen

Das damals kreierte Selbstbild hielt sich bis weit in die Zweite Republik hinein. Auch während der NS-Herrschaft unterschieden sich die Motive, mit denen für die nunmehrigen Gaue im Süden des Deutschen Reiches geworben wurde, kaum von jenen der ständestaatlichen Diktatur. Das vorherrschende Österreich-Bild ist jedoch keinesfalls mit Faschismus gleichzusetzen: Einige der Plakate, die jetzt in der Nationalbibliothek gezeigt werden, hingen zum Beispiel im Büro des Österreichischen Comités in Buenos Aires, einer antifaschistischen Exilorganisation.

Die vorletzten grafisch gestalteten Plakate der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung wurden 1959 aufgelegt, einen allerletzten Versuch gab es 1972. Doch da war die Zeit der grafisch gestalteten Plakate vorbei. Längst waren die Grafiken durch Fotos abgelöst worden. Ab Mitte der Siebzigerjahre wurden Agenturen mit der Tourismuswerbung beauftragt, die Plakate wurden Teil umfassender Marketingkonzepte. Eine andere Zäsur freilich wog schwerer: Pauschal- und Charterflugangebote machten Reisen in ferne Länder möglich, und die Zahl der deutschen Touristen, die seit jeher den Löwenanteil gestellt hatten, sank rapide. Von 1972 auf 1973 ging die Anzahl der deutschen Touristen um ein Viertel zurück. (Dieser Rückgang ist freilich längst durch Reisende, die ihrerseits aus Übersee anfliegen, mehr als kompensiert.)

Der schöne Katalog, in dem noch mehr Plakate zu sehen sind als in der Ausstellung selbst, verweist auf einen zusätzlichen interessanten Aspekt: dass nämlich die österreichische Literatur bis auf ganz wenige Ausnahmen den Tourismus verdammt. Von Rosegger über Waggerl bis Jelinek - welch bemerkenswerte Entwicklungslinie - wird die vermeintlich zerstörerische Wirkung des Fremdenverkehrs literarisch angeprangert. Wieder einmal zeigt sich die tiefe Kluft zwischen dem offiziellen Österreich sowie seinen Künstlern und Intellektuellen.

Willkommen in Österreich

Eine sommerliche Reise in Bildern

Österreichische Nationalbibliothek, 1010 Wien

bis 28. Oktober, Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr

Die Ausstellung "Willkommen in Österreich“ spannt einen Bogen über sieben Jahrzehnte Fremdenverkehrswerbung. Beginnend mit der Jahrhundertwende zeigt sie ein Panoptikum an Selbst-Bildern, die auch zu Versatzstücken der Identität des Landes geworden sind.

Menschen in Trachtenkleidung, fidele Musikanten, Kirchtürme, Alpenblumen und vor allem die alpine Bergwelt: So präsentierte sich Österreich über viele Jahrzehnte potenziellen Urlaubern. Die Ausstellung "Willkommen in Österreich“ zeigt im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek Plakate aus der Zeit von zirka 1900 bis in die 1970er-Jahre, mit denen für das Reiseland Österreich geworben wurde. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit des Ständestaats und den Nachkriegsjahren bis 1960, die "goldene Zeit“ des österreichischen Tourismusplakats. Es ist ein Fundus nationaler und regionaler Selbstbilder, die viel über das Selbstverständnis des Landes verraten.

Das Moderne und das Städtische kommt auf den gezeigten Plakaten nur selten vor - sogar auf jenen, die für Wien warben. Schon die Plakate der Österreichischen Staatsbahnen in der Monarchie rückten die schöne Landschaft ins Blickfeld und nicht die Eisenbahn. Zu den wenigen Ausnahmen zählt ein Plakat, auf dem das mondäne Strandleben am Millstätter See in Kärnten zu sehen ist, und eines, das die baulichen Errungenschaften des "Roten Wien“ herausstreicht. Fast immer trugen die als Blickfang eingesetzten Damen Dirndl. Die Frau im Badeanzug, die sich für das Mühlviertel in der Wiese räkelt und die als Motiv des Ausstellungsplakats dient, ist eine Ausnahme.

Die Schau beginnt mit Bildern aus einst zur Donaumonarchie gehörigen Ferienorten wie Grado und Ragusa (heute: Dubrovnik). Nachdem mit dem Untergang des Kaiserreichs die wichtigsten Fremdenverkehrsregionen plötzlich außerhalb Österreichs lagen, wurden die Alpen zum mit Abstand beliebtesten Motiv. In den 1920er Jahren wurde Österreich zu einem der beliebtesten Destinationen für europäische Touristen - als Billigtourismusland. Massiv beworben wurde Österreich jedoch erst im Ständestaat, nachdem die deutschen Touristen aufgrund der von Hitlerdeutschland verhängten 1000-Mark-Sperre ausblieben.

Zäsur durch Marketing & Billigreisen

Das damals kreierte Selbstbild hielt sich bis weit in die Zweite Republik hinein. Auch während der NS-Herrschaft unterschieden sich die Motive, mit denen für die nunmehrigen Gaue im Süden des Deutschen Reiches geworben wurde, kaum von jenen der ständestaatlichen Diktatur. Das vorherrschende Österreich-Bild ist jedoch keinesfalls mit Faschismus gleichzusetzen: Einige der Plakate, die jetzt in der Nationalbibliothek gezeigt werden, hingen zum Beispiel im Büro des Österreichischen Comités in Buenos Aires, einer antifaschistischen Exilorganisation.

Die vorletzten grafisch gestalteten Plakate der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung wurden 1959 aufgelegt, einen allerletzten Versuch gab es 1972. Doch da war die Zeit der grafisch gestalteten Plakate vorbei. Längst waren die Grafiken durch Fotos abgelöst worden. Ab Mitte der Siebzigerjahre wurden Agenturen mit der Tourismuswerbung beauftragt, die Plakate wurden Teil umfassender Marketingkonzepte. Eine andere Zäsur freilich wog schwerer: Pauschal- und Charterflugangebote machten Reisen in ferne Länder möglich, und die Zahl der deutschen Touristen, die seit jeher den Löwenanteil gestellt hatten, sank rapide. Von 1972 auf 1973 ging die Anzahl der deutschen Touristen um ein Viertel zurück. (Dieser Rückgang ist freilich längst durch Reisende, die ihrerseits aus Übersee anfliegen, mehr als kompensiert.)

Der schöne Katalog, in dem noch mehr Plakate zu sehen sind als in der Ausstellung selbst, verweist auf einen zusätzlichen interessanten Aspekt: dass nämlich die österreichische Literatur bis auf ganz wenige Ausnahmen den Tourismus verdammt. Von Rosegger über Waggerl bis Jelinek - welch bemerkenswerte Entwicklungslinie - wird die vermeintlich zerstörerische Wirkung des Fremdenverkehrs literarisch angeprangert. Wieder einmal zeigt sich die tiefe Kluft zwischen dem offiziellen Österreich sowie seinen Künstlern und Intellektuellen.

Willkommen in Österreich

Eine sommerliche Reise in Bildern

Österreichische Nationalbibliothek, 1010 Wien

bis 28. Oktober, Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr