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Feuilleton

Erinnerungen des Schreckens

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 75. Jahrestag des "Anschlusses" zeichnet die Österreichische Nationalbibliothek in der Ausstellung "Nacht über Österreich" eine Chronologie der Ereignisse. Gezeigt werden eindrückliche Fotos, persönliche Erinnerungen und literarische Reaktionen.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 75. Jahrestag des "Anschlusses" zeichnet die Österreichische Nationalbibliothek in der Ausstellung "Nacht über Österreich" eine Chronologie der Ereignisse. Gezeigt werden eindrückliche Fotos, persönliche Erinnerungen und literarische Reaktionen.

"Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, hasserfülltem Triumph." Mit diesen packenden Worten beschreibt der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer in seiner Autobiographie den Beginn der Naziherrschaft in Österreich am 12. März 1938.

Der "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich, der sich diese Woche zum 75. Mal jährt, war eines der dunkelsten Kapitel der österreichischen Geschichte.

Die Tage vor und nach dem "Anschluss"

Aus diesem Anlass widmet die Österreichische Nationalbibliothek der Annexion - die freilich von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung stürmisch begrüßt wurde - und deren Folgen eine große Ausstellung: "Nacht über Österreich". Gezeigt werden Fotos, Dokumente, persönliche Erinnerungen sowie literarische Reaktionen von Österreichern, die den "Anschluss" miterleben mussten.

Als "zentrale nationale Gedächtnisinstitution"(Direktorin Johanna Rachinger) verfügt die Nationalbibliothek über einen reichen Schatz an Fotografien, auf denen die Ereignisse festgehalten sind; darunter auch jenes von Albert Hilscher aufgenommene, ikonisch gewordene Bild, auf dem ein Bub unter Aufsicht eines streng dreinblickenden SA-Mannes das Wort "Jud" an eine Hauswand malt. Hilscher und sein Kollege Lothar Rübelt haben mit ihren Fotoapparaten die Tage vor und nach dem "Anschluss" dokumentiert: die letzten propagandistischen Zuckungen des Schuschnigg-Regimes, die einmarschierenden Soldaten, die Begeisterung, die antisemitischen Ausschreitungen, die Propaganda für die von den Nazis inszenierte Volksabstimmung. Der Öffentlichkeit unbekannt hingegen sind jene Fotografien, die Hitlers berühmt-berüchtigte "Anschluss"-Rede am Heldenplatz aus der Sicht des Fans zeigen. Herbert Glöckler fotografierte direkt aus den jubelnden Massen heraus, die zum Hitlergruß ausgestreckten Arme direkt vor seinem Objektiv.

Furchtbare Angst

Der Kern der Ausstellung sind jedoch zweifelsohne die dokumentierten Schicksale von Verfolgten. "Kalt wurde es mir, und ich bekam eine furchtbare Angst", erinnerte sich die damals elfjährige Susanne Schüller, als Hitler in seinem offenen Auto unter dem Fenster der elterlichen Wohnung in der Operngasse in Richtung Heldenplatz vorbeifuhr. Dem Mädchen, das später unter dem Künstlernamen Soshana als Malerin Bekanntheit erlangte, glückte gemeinsam mit der Familie die Flucht nach England. Andere hatten weniger Glück: Der jüdische Jazzmusiker und Schlagerkomponist Dol Dauber überlebte die Kriegsjahre in Prag -vermutlich aufgrund seiner außerordentlichen Beliebtheit bei den sudetendeutschen Nationalsozialisten -, doch sein Sohn Robert wurde in das Ghetto Theresienstadt deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet.

Seine Chuzpe rettete dem Schriftsteller Albert Drach das Leben. Er war nach Frankreich geflohen, dort zunächst als feindlicher Ausländer interniert worden und drohte nun als Jude in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Eines seiner Papiere, die er bei sich hatte, war der von der Gemeinde Wien ausgestellte Heimatschein, auf dem das Kürzel "I.K.G." zu lesen war, für "Israelitische Kultusgemeinde". Drach jedoch redete den französischen Behörden ein, "I.K.G." bedeute "im katholischen Glauben" - woraufhin er das lebensrettende Zertifikat erhielt, das ihm die Nicht-Zugehörigkeit zur "jüdischen Rasse" bescheinigte.

Eine wichtige Ausstellung, die wieder einmal vor Augen führt, dass die Vertreibung und Ermordung Zigtausender vor allem jüdischer Bürger für Österreichs Kulturleben einen Verlust bedeutete, von dem es sich nie wieder ganz erholen konnte.

Nacht über Österreich

Der Anschluss 1938 - Flucht und Vertreibung

Prunksaal der Nationalbibliothek, Josefsplatz 1,1010 Wien bis 28. April, Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr

"Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, hasserfülltem Triumph." Mit diesen packenden Worten beschreibt der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer in seiner Autobiographie den Beginn der Naziherrschaft in Österreich am 12. März 1938.

Der "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich, der sich diese Woche zum 75. Mal jährt, war eines der dunkelsten Kapitel der österreichischen Geschichte.

Die Tage vor und nach dem "Anschluss"

Aus diesem Anlass widmet die Österreichische Nationalbibliothek der Annexion - die freilich von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung stürmisch begrüßt wurde - und deren Folgen eine große Ausstellung: "Nacht über Österreich". Gezeigt werden Fotos, Dokumente, persönliche Erinnerungen sowie literarische Reaktionen von Österreichern, die den "Anschluss" miterleben mussten.

Als "zentrale nationale Gedächtnisinstitution"(Direktorin Johanna Rachinger) verfügt die Nationalbibliothek über einen reichen Schatz an Fotografien, auf denen die Ereignisse festgehalten sind; darunter auch jenes von Albert Hilscher aufgenommene, ikonisch gewordene Bild, auf dem ein Bub unter Aufsicht eines streng dreinblickenden SA-Mannes das Wort "Jud" an eine Hauswand malt. Hilscher und sein Kollege Lothar Rübelt haben mit ihren Fotoapparaten die Tage vor und nach dem "Anschluss" dokumentiert: die letzten propagandistischen Zuckungen des Schuschnigg-Regimes, die einmarschierenden Soldaten, die Begeisterung, die antisemitischen Ausschreitungen, die Propaganda für die von den Nazis inszenierte Volksabstimmung. Der Öffentlichkeit unbekannt hingegen sind jene Fotografien, die Hitlers berühmt-berüchtigte "Anschluss"-Rede am Heldenplatz aus der Sicht des Fans zeigen. Herbert Glöckler fotografierte direkt aus den jubelnden Massen heraus, die zum Hitlergruß ausgestreckten Arme direkt vor seinem Objektiv.

Furchtbare Angst

Der Kern der Ausstellung sind jedoch zweifelsohne die dokumentierten Schicksale von Verfolgten. "Kalt wurde es mir, und ich bekam eine furchtbare Angst", erinnerte sich die damals elfjährige Susanne Schüller, als Hitler in seinem offenen Auto unter dem Fenster der elterlichen Wohnung in der Operngasse in Richtung Heldenplatz vorbeifuhr. Dem Mädchen, das später unter dem Künstlernamen Soshana als Malerin Bekanntheit erlangte, glückte gemeinsam mit der Familie die Flucht nach England. Andere hatten weniger Glück: Der jüdische Jazzmusiker und Schlagerkomponist Dol Dauber überlebte die Kriegsjahre in Prag -vermutlich aufgrund seiner außerordentlichen Beliebtheit bei den sudetendeutschen Nationalsozialisten -, doch sein Sohn Robert wurde in das Ghetto Theresienstadt deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet.

Seine Chuzpe rettete dem Schriftsteller Albert Drach das Leben. Er war nach Frankreich geflohen, dort zunächst als feindlicher Ausländer interniert worden und drohte nun als Jude in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Eines seiner Papiere, die er bei sich hatte, war der von der Gemeinde Wien ausgestellte Heimatschein, auf dem das Kürzel "I.K.G." zu lesen war, für "Israelitische Kultusgemeinde". Drach jedoch redete den französischen Behörden ein, "I.K.G." bedeute "im katholischen Glauben" - woraufhin er das lebensrettende Zertifikat erhielt, das ihm die Nicht-Zugehörigkeit zur "jüdischen Rasse" bescheinigte.

Eine wichtige Ausstellung, die wieder einmal vor Augen führt, dass die Vertreibung und Ermordung Zigtausender vor allem jüdischer Bürger für Österreichs Kulturleben einen Verlust bedeutete, von dem es sich nie wieder ganz erholen konnte.

Nacht über Österreich

Der Anschluss 1938 - Flucht und Vertreibung

Prunksaal der Nationalbibliothek, Josefsplatz 1,1010 Wien bis 28. April, Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr