Feuilleton

Ernst Tugendhat: Die wahre Achtung des anderen

1945 1960 1980 2000 2020

Das Begründen von Ethik steht im Zentrum seines Denkens. Unbeirrt hält er auch am Konzept des freien Willens fest. Zum 80. Geburtstag des Philosophen Ernst Tugendhat am 8. März.

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Das Begründen von Ethik steht im Zentrum seines Denkens. Unbeirrt hält er auch am Konzept des freien Willens fest. Zum 80. Geburtstag des Philosophen Ernst Tugendhat am 8. März.

Die Reflexion über ethische Grundsätze steht im Mittelpunkt der philosophischen Arbeit von Ernst Tugendhat, der neben Jürgen Habermas als Verkörperung eines emanzipatorischen Denkens in Deutschland angesehen wird. Er befasst sich seit rund 15 Jahren fast ausschließlich mit ethischen Problemen; in den letzten Jahren hat er sich der Anthropologie, der Religion und der Mystik zugewandt. Ethik ist dabei für Tugendhat keineswegs ein Katalog von Normen, der jegliches, menschliches Verhalten reguliert, sondern „ein Gewebe von Gründen und Motiven, das einer ständigen Revision bedarf“. „Nachdenken über Ethik“ bedeutet auch nicht die Entfaltung eines selbstgerechten Moralsystems, das von einer weltfremden, abstrakten Instanz ausgeht; vielmehr versteht Tugendhat darunter ein aktives Sich-Einmischen in Diskussionen, die aktuelle gesellschaftliche Konflikte betreffen.

Geboren wurde Ernst Tugendhat als Sohn einer angesehenen jüdischen Familie am 8. März 1930 in Brünn. Im frühesten Kindesalter wurde er bereits mit der harten Realität der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie konfrontiert. Seine Familie emigrierte vorerst in die Schweiz, später nach Venezuela und in die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Wintersemester 1949/50 begann Tugendhat ein Studium in Freiburg, wo er auch Vorlesungen und Seminare von Martin Heidegger besuchte; im Verlauf des Studiums irritierte ihn jedoch der Hang des Meisterdenkers zum dunklen, mystifizierenden Geraune immer stärker. „Ein natürliches Bedürfnis nach Klarheit“ – so Tugendhat – „bewog mich dazu, mich mit der analytischen Philosophie zu befassen.“ Nach seiner Habilitation erhielt er eine Professur in Heidelberg, wo er auch die bewegten Jahre der Studentenrevolte von 1968 erlebte. Danach arbeitete er auf Einladung von Jürgen Habermas bis 1980 am Max-Planck-Institut zur Erforschung der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg und folgte dann einem Ruf an die Freie Universität in Westberlin, wo er bis 1992 lehrte. In den folgenden Jahren unternahm Tugendhat zahlreiche Reisen, die ihn nach Venezuela, Chile und Israel führten. Heute lebt der Emeritus in Tübingen.

Im Schattenreich des „Noch nicht“

In seinen Büchern „Ethik und Politik“ und „Vorlesungen über Ethik“ dokumentiert Tugendhat die Ergebnisse seiner Überlegungen zur Ethik, die er immer wieder überarbeitet, revidiert, ergänzt oder verwirft. „Mit jedem weiteren Versuch knüpfte ich dort an“, schreibt Tugendhat, „wo der vorige in eine Sackgasse geraten war.“ „Nachdenken über Ethik“ heißt, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Vorschläge, ethische Wertmaßstäbe zu entwickeln, nur Rahmenbedingungen für ein wahrhaft humanes Verhalten schaffen, das heute bestenfalls im Schattenreich des „Noch nicht“ verharrt.

Der Ausgangspunkt dabei ist der kategorische Imperativ, wie er von Immanuel Kant in der sogenannten zweiten Formel ausgedrückt wurde: „Handle so“, heißt es da, „dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person jedes anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Für Tugendhat ist dies eine Ethik der universalen Achtung, die er mit einem Begründungskonzept verbindet. Er ist davon überzeugt, dass sich nur in der Begründung eines ethischen Verhaltens die wahre Achtung vor dem anderen zeigt. Begründungen helfen, ein vermeintliches Unrecht zu relativieren, wie es das Beispiel einer Torte verteilenden Mutter verdeutlicht, das Tugendhat gerne anführt: Indem die Mutter ihren Kindern erklärt, warum sie ihnen – gemäß ihren Altersstufen – unterschiedlich große Tortenstücke zuweist, kommt ihre rationale Begründung eventuellen Beschwerden zuvor, dass die Verteilung der Torte nicht gerecht, also in gleich großen Anteilen erfolgt sei.

Möglichkeit der Wunschverneinung

In der philosophischen Konzeption Tugendhats spielt das Problem der Willensfreiheit eine wichtige Rolle; sie zeichnet sich durch das Moment des Rationalen aus. Der Mensch als animal rationale im aristotelischen Sinn hat die Möglichkeit, mit Gründen und Argumenten seine Entscheidungen zu begründen. Der freie menschliche Wille beginnt dann, wenn der Mensch die Möglichkeit hat, seine Wünsche zu verneinen, „sie zu suspendieren“. Diese Fähigkeit ist ein wesentliches Kriterium für die Selbstkontrolle; darauf hat bereits der englische Philosoph John Locke verwiesen. Wenn nun der Mensch den linearen Verlauf seiner Wunschproduktion bewusst aufhält, dann greift er in die Kausalkette von Ursachen und Wirkungen ein.

Tugendhat vergleicht den Kausalzusammenhang mit einem Bindfaden und die willentlich erfolgte Suspension der intendierten Handlungsmotive mit einem Knoten im Bindfaden. Der Knoten stellt offensichtlich eine Unterbrechung des Bindfadens dar; gleichzeitig besteht der Knoten aus dem Bindfaden, den er unterbricht. Er ist den gleichen Gesetzen unterworfen wie das ihn umgebende Material. Jedoch müsse auch die Möglichkeit offengelassen werden, dass das Geschehen innerhalb des Knotens nicht dem kausalen Fluss unterliegt. Mit diesem Beispiel macht Tugendhat klar, dass die Frage nach der Determiniertheit der menschlichen Willensfreiheit nicht gänzlich aufgelöst werden kann. Sicher ist, „dass der Mensch nur in einem bestimmten Ausmaß die Möglichkeit hat, seine Wünsche aus Gründen der Vernunft zu verneinen“.

Liebe und Mitleid für alle Wesen

Vor diesem Hintergrund attackiert Tugendhat Hirnforscher wie Gerhard Roth oder Wolf Singer, die dem Menschen die Willensfreiheit generell absprechen, da sie davon ausgehen, dass alle mentalen Aktivitäten zwingend an neuronale Mechanismen gebunden seien. Tugendhat erhebt den Vorwurf der „Vollmundigkeit“. Anstatt ihre Forschungsergebnisse, „die teilweise noch im Dunklen tappen“, bescheiden zu präsentieren, erklärten sich Roth und Singer zu Apologeten einer Denkströmung, die dem Menschen die Willensfreiheit abspricht.

In den letzten Jahren befasste sich Tugendhat zunehmend mit der Anthropologie, der Religion und der Mystik. Die überraschende Auseinandersetzung mit der Mystik, die sich rationalen Positionierungen entzieht, begründet er damit, dass sie die Ichbezogenheit des Menschen relativiere und transzendiere. In dem Buch „Egozentrizität und Mystik“ diskutiert Tugendhat verschiedene Entwürfe von Mystikern wie Meister Eckhart, Lao-Tse oder Buddha. Er sympathisiert dabei besonders mit der Verbindung von Mystik und allseitiger Liebe, die er im Mahayana-Buddhismus („das erstaunlichste Ereignis in der Geschichte der Mystik“) findet. Das Bodhisattva-Ideal, in dem der Erleuchtung Suchende nicht nur seine Seelenruhe anstrebt, sondern Liebe und Mitleid für alle Wesen empfindet, ist für Tugendhat „die letztlich einzig konsistente Form der mystischen Haltung, die die Egozentrizität des Menschen überwindet“.

Literaturtipps:

Anthropologie statt Metaphysik

C. H. Beck 2010, 240 S., kart., Euro 20,50

Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie

C. H. Beck 2006, 170 S. kart., Euro 12,30

Vorlesungen über Ethik

suhrkamp taschenbuch wissenschaft,

Band 1100, 1993, 400 S., kart., Euro 15,50

Philosophische Aufsätze

suhrkamp taschenbuch wissenschaft,

Band 1017, 1992, 470 S., kart., Euro 15,50