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Feuilleton

Ernste Angriffe auf die Persönlichkeit

1945 1960 1980 2000 2020

In seinem erst im Vorjahr erschienenen Buch "Die Welt im Rücken" erzählte Thomas Melle seine Erfahrungen als "Bipolarer". Jan Bosse brachte nun im Wiener Akademietheater den Text und die Abgründe, von denen er erzählt, auf die Bühne.

1945 1960 1980 2000 2020

In seinem erst im Vorjahr erschienenen Buch "Die Welt im Rücken" erzählte Thomas Melle seine Erfahrungen als "Bipolarer". Jan Bosse brachte nun im Wiener Akademietheater den Text und die Abgründe, von denen er erzählt, auf die Bühne.

Das Leben ein Spiel, die manische Phase ein Tischtennisspiel. Während die Zuschauer noch ihre Garderobe abgeben, die Plätze suchen, Programmhefte kaufen oder Prosecco trinken, fängt der vor allem für den einzigen Schauspieler anstrengende Theaterabend bereits an. Joachim Meyerhoff schleppt einen Tischtennistisch auf die Bühne und beginnt mit Herren aus der ersten Reihe zu spielen.

Die kleinen Bälle kugeln, trippeln und rasen dann auch durch die folgende Theaterstunde, immer mehr Bälle gräbt Meyerhoff aus seinem Sack heraus, wirft sie auf Tisch und Bühne, wird sie anschneiden, beißen, zerbrechen, während er zunächst vor allem über "Bipolarität" referiert. "Letztendlich passt der alte Begriff 'manisch-depressiv' aber, jedenfalls in meinem Fall, viel besser. Erst bin ich manisch, dann depressiv: ganz einfach. Das Wort ist billig, der Sachverhalt aber erschütternd. Hier die Normalen, selbst von Neurosen, Phobien und echten Verrücktheiten durchzogen, aber alle liebenswert, alle mit einem Augenzwinkern integrierbar, während dort die Verrückten mit ihren Unverständlichkeiten hadern, schlichtweg nicht mehr einzuordnen sind, nicht zu ironisieren oder durch Humor kommensurabel zu machen. Das Fatum der Irren: ihre Unvergleichbarkeit, der Verlust jeglichen Bezugs zum Rest der Gesellschaft." Was Thomas Melle in seinem im Vorjahr erschienenen Buch "Die Welt im Rücken" großartig beschrieben hat, nämlich seine eigene Krankheit, wird in Jan Bosses Bühnenversion zunächst mehr referiert, denn gespielt - Smileys auf Tischtennisschlägern sind da eine etwas schlichte Illustrationsidee und ein noch so hartes Tennisspiel vermag das Elend auch der manischen Phase nicht zu verdeutlichen, was zu einigen Längen am Beginn dieses Theaterabends führt.

Umso überzeugender dann aber das Kippen in die Depression, da gewinnt die Aufführung an Dynamik: mit der Einweisung in die Charité, dem Verlorengehen im Netz, zu dem sich der Schicksalsfaden spinnt. Fulminant der rasante Weg zu einer Party, eine Schnitzeljagd, bei der alles zu Zeichen werden kann, aber nichts mehr Sinn ergibt, der weiterhilft. Am Ende bleiben Toben, Schreien, Blut und Elend.

Nahe am Text

Jan Bosse hält seine Inszenierung nahe am Text, er versucht passende Bilder für den Wahn zu finden und führt dabei auch ins Archaische. Und er betont auffällig komische Facetten des Buches, die Meyerhoff hervorragend zu spielen weiß, etwa auch, wenn er das Publikum involviert, indem er es provoziert. Dieses zeigte sich überaus begeistert, der tosende Applaus galt wohl vor allem der Leistung des Schauspielers, der in drei Stunden Totaleinsatz auf der Bühne alleine die von der Krankheit angegriffene Persönlichkeit zu spielen hatte, kurz assistiert nur von Bühnenarbeitern.

Kritische Stimmen waren danach - unter all der Begeisterung - eher bei jenen zu hören, die auch Melles Buch gelesen hatten, in dem der Humor zwar auch eine Rolle spielt, vor allem aber die Tragik des Manischen, der Depression und des Wechsels zwischen beidem, den man selbst nicht in der Hand hat. Der Angriff auf die Persönlichkeit, aus der dann einmal dies, dann wieder das wird, das zu erzählen gelang dem Autor Thomas Melle, der am Premierenabend im Publikum saß und im Anschluss auch auf die Bühne kam. Aggression, Zerstörungswut, Paranoia, Verlust von Freunden, Ruhigstellung durch Medikamente, Zwangseinweisung, Einsamkeit - Joachim Meyerhoff arbeitete sich grandios an der Heimtücke dieser Krankheit ab, die kein Ende kennt - wie der am Ende auf die leere Bühne fallende Tischtennisball zeigte.

Die Welt im Rücken

Akademietheater

20., 25. März, 1., 13., 19., 22. April

Das Leben ein Spiel, die manische Phase ein Tischtennisspiel. Während die Zuschauer noch ihre Garderobe abgeben, die Plätze suchen, Programmhefte kaufen oder Prosecco trinken, fängt der vor allem für den einzigen Schauspieler anstrengende Theaterabend bereits an. Joachim Meyerhoff schleppt einen Tischtennistisch auf die Bühne und beginnt mit Herren aus der ersten Reihe zu spielen.

Die kleinen Bälle kugeln, trippeln und rasen dann auch durch die folgende Theaterstunde, immer mehr Bälle gräbt Meyerhoff aus seinem Sack heraus, wirft sie auf Tisch und Bühne, wird sie anschneiden, beißen, zerbrechen, während er zunächst vor allem über "Bipolarität" referiert. "Letztendlich passt der alte Begriff 'manisch-depressiv' aber, jedenfalls in meinem Fall, viel besser. Erst bin ich manisch, dann depressiv: ganz einfach. Das Wort ist billig, der Sachverhalt aber erschütternd. Hier die Normalen, selbst von Neurosen, Phobien und echten Verrücktheiten durchzogen, aber alle liebenswert, alle mit einem Augenzwinkern integrierbar, während dort die Verrückten mit ihren Unverständlichkeiten hadern, schlichtweg nicht mehr einzuordnen sind, nicht zu ironisieren oder durch Humor kommensurabel zu machen. Das Fatum der Irren: ihre Unvergleichbarkeit, der Verlust jeglichen Bezugs zum Rest der Gesellschaft." Was Thomas Melle in seinem im Vorjahr erschienenen Buch "Die Welt im Rücken" großartig beschrieben hat, nämlich seine eigene Krankheit, wird in Jan Bosses Bühnenversion zunächst mehr referiert, denn gespielt - Smileys auf Tischtennisschlägern sind da eine etwas schlichte Illustrationsidee und ein noch so hartes Tennisspiel vermag das Elend auch der manischen Phase nicht zu verdeutlichen, was zu einigen Längen am Beginn dieses Theaterabends führt.

Umso überzeugender dann aber das Kippen in die Depression, da gewinnt die Aufführung an Dynamik: mit der Einweisung in die Charité, dem Verlorengehen im Netz, zu dem sich der Schicksalsfaden spinnt. Fulminant der rasante Weg zu einer Party, eine Schnitzeljagd, bei der alles zu Zeichen werden kann, aber nichts mehr Sinn ergibt, der weiterhilft. Am Ende bleiben Toben, Schreien, Blut und Elend.

Nahe am Text

Jan Bosse hält seine Inszenierung nahe am Text, er versucht passende Bilder für den Wahn zu finden und führt dabei auch ins Archaische. Und er betont auffällig komische Facetten des Buches, die Meyerhoff hervorragend zu spielen weiß, etwa auch, wenn er das Publikum involviert, indem er es provoziert. Dieses zeigte sich überaus begeistert, der tosende Applaus galt wohl vor allem der Leistung des Schauspielers, der in drei Stunden Totaleinsatz auf der Bühne alleine die von der Krankheit angegriffene Persönlichkeit zu spielen hatte, kurz assistiert nur von Bühnenarbeitern.

Kritische Stimmen waren danach - unter all der Begeisterung - eher bei jenen zu hören, die auch Melles Buch gelesen hatten, in dem der Humor zwar auch eine Rolle spielt, vor allem aber die Tragik des Manischen, der Depression und des Wechsels zwischen beidem, den man selbst nicht in der Hand hat. Der Angriff auf die Persönlichkeit, aus der dann einmal dies, dann wieder das wird, das zu erzählen gelang dem Autor Thomas Melle, der am Premierenabend im Publikum saß und im Anschluss auch auf die Bühne kam. Aggression, Zerstörungswut, Paranoia, Verlust von Freunden, Ruhigstellung durch Medikamente, Zwangseinweisung, Einsamkeit - Joachim Meyerhoff arbeitete sich grandios an der Heimtücke dieser Krankheit ab, die kein Ende kennt - wie der am Ende auf die leere Bühne fallende Tischtennisball zeigte.

Die Welt im Rücken

Akademietheater

20., 25. März, 1., 13., 19., 22. April