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Eroberer im wilden Osten

In nur 100 Jahren machtete sich Russland Sibirien vom Ural bis zum Nordpazifik untertan - und hat es bis heute nicht endgültig erschlossen.

Die Gefahr kam seit Menschengedenken aus dem Osten. Kleinwüchsige, mit Pfeil und Bogen bewaffnete wilde Krieger ritten auf kleinen struppigen Pferden und überschwemmten Europa in mehreren Wellen. An Sibirien hatten sie wenig Interesse, sie nutzten es bei ihrem ungestümen Vordrängen hauptsächlich als Korridor. Ab dem siebten vorchristlichen Jahrhundert waren es die Skythen, die den östlichen Rand der damals bekannten Welt beunruhigten, angeblich haben sie die Kavallerie erfunden. Als nächste drängten mit ungeheurer Gewalt die Hunnen unter Attila gen Westen, und konnten erst durch eine gemeinsame Anstrengung der spätantiken Welt mit der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern gestoppt werden.

Ein großes Moskau ...

Nach den Awaren, deren Imperium bis an die Elbe reichte, errichteten die Mongolen unter Dschingis Khan im dreizehnten Jahrhundert ein Großreich, das Europa in seinen Grundfesten erschütterte. Sie beherrschten rund dreihundert Jahre lang unter anderen das russische Volk, das seine Beherrscher wiederum Tataren nannte. Von den russischen Fürstentümern nahm in dieser Zeit vor allem Moskau einen rasanten Aufschwung und begann, die "russische Erde zu sammeln" und unter sich zu vereinigen. Großfürst Iwan III. der Große (1462-1505) vollendete diese Politik und befreite Russland mit seiner Weigerung, weiterhin Tribut zu zahlen, vom Tatarenjoch. Politisch gab es aber weder unter Iwan III. noch unter seinem Nachfolger Wassilij III. Bestrebungen, nach Osten zu expandieren. Lediglich Kaufleute und andere Unternehmer unternahmen erste Vorstöße über den Ural, um vom Reichtum des "schlafenden Landes" Sibirien zu profitieren.

... zog gen Osten ...

Das sollte sich erst ändern, als am 16. Januar 1547 der sechzehnjährige Iwan IV., genannt der Schreckliche, gekrönt wurde. Iwan, der als erster Herrscher Russlands den Titel Zar beanspruchte, erkannte rasch, dass er, um die Ostgrenzen seines Reiches zu befrieden, die letzten Reste mongolisch-tatarischer Besatzung beseitigen musste. Nach zwei erfolglosen Versuchen gelang 1552 die Eroberung Kasans, 1556 fiel das Khanat Astrachan an der Wolgamündung.

Die eroberten Gebiete zwischen Wolga und Ural wurden zügig erschlossen und wieder war man in Moskau mit einer unsicheren Ostgrenze konfrontiert. Die Nowgoroder Kaufmannsdynastie Stroganow hatte, mit umfangreichen Privilegien ausgestattet, große Gebiete im Ural bei Perm kolonisiert. Nachdem sie anfänglich ihren Geschäften ungestört nachgehen konnten, kam es immer mehr zu Überfällen von Reiterhorden aus dem Khanat Sibir, wo mit Kutschum Khan ein deklarierter Feind Moskaus herrschte. Mit Erlaubnis von Iwan IV. warben die Stroganows den Kosakenataman Jermak Timofejew, der 1582 mit einer Kriegerschar nach Osten ging, den Tataren entgegen. In nur drei Jahren eroberten sie Sibir und nahmen Westsibirien für den Zaren in Besitz und belegten die unterworfenen Völker mit Jassak - Pelztribut. Auch wenn die Kosaken noch einmal zurückgeworfen wurden - der Weg nach Sibirien war für immer frei.

... den Tataren entgegen ...

1586 wurde Tjumen und 1587 Tobolsk gegründet, und mit der Krönung Michail Romanows 1613 mischten auch die zwischenzeitlich in Ungnade gefallenen Stroganows wieder bei der Erschließung Sibiriens mit und stiegen zu einer der reichsten Familien Russlands auf.

Das "schlafende Land" hatte schier unermessliche Reichtümer zu bieten. Neben hunderttausenden Pelzen von Zobel, Silberfuchs und Hermelin, dem "weichen Gold", gab es Mammut- und Walrosselfenbein in rauen Mengen. Das alles lockte Scharen beutegieriger Abenteurer an, die mal im Auftrag des Zaren, mal auf eigene Faust, in atemberaubendem Tempo immer weiter nach Osten vorstießen. Bereits 1632 wurde Jakutsk, über 4.000 Kilometer östlich des Ural, gegründet. 1652 entstand in der Nähe des Baikalsees Irkutsk zunächst als Winterlager, wurde 1661 zur Festung ausgebaut und erhielt 1686 das Stadtrecht. Da waren die Vorhuten der Kosaken schon im Amurgebiet in Konflikt mit dem chinesischen Kaiserreich geraten, das die Entwicklung an seiner Nordgrenze besorgt beobachtete. Andere Häuflein setzten zum Sprung über das Ochotskische Meer zur Eroberung Kamtschatkas an.

In gut hundert Jahren war man am Nordpazifik angelangt und weiter ging es nach Amerika. Das "weiche Gold" kam jetzt von Blaufüchsen, Pelzrobben und Seeottern, und nur 80 Kilometer nördlich von San Francisco gründeten die Russen 1812 Fort Ross und sahen sich plötzlich als Nachbarn erst der Spanier, und später der usa, denen sie Russisch-Amerika (heute Alaska) 1867 für 7,2 Millionen Dollar verkauften.

... bis nach Amerika ...

Das so entstandene Riesenreich erwies sich allerdings als nahezu unadministrierbar. Ein Kurier brauchte von St. Petersburg etwa nach Jakutsk und retour vier Jahre, zwei hin, zwei zurück. Nach der ersten Welle von Eroberern, die nur auf das schnelle Geld aus waren, kamen andere, die versuchten, das unendliche Land nachhaltig zu bewirtschaften. Rohstoffe wurden abgebaut und zum Teil vor Ort verarbeitet. Außerdem versuchte man sich in Landwirtschaft. Nicht immer erfolgreich. Viel später, im Zwanzigsten Jahrhundert erwarb sich etwa Nikita Chruschtschow den spöttischen Spitznamen "Kukurusow", als er versuchen ließ, in Sibirien Mais anzubauen - ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war.

Das Leben in Sibirien war und ist hart und entbehrungsreich. Immer wieder war das Land auf Versorgung von außen angewiesen. Für den Nachschub an Menschen hatten bereits die Zaren das Modell "Verbannung" entdeckt, das die Kommunisten später nur zu gerne aufgriffen. Für den Nachschub an Lebensmitteln und anderen Waren war ebenfalls der Westen zuständig.

... quer durch Sibirien

1891 begann man mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn, die sich bald zur Lebensader des Landes entwickelte. Bis heute ist sie das wichtigste Verkehrsmittel Sibiriens, sie verbindet die größeren Städte im Süden, die wirtschaftliche Hauptentwicklungsachse liegt an der Eisenbahn. Vielleicht hatte das Zar Nikolaus II. bereits vorausgesehen, als er sich als Zarewitsch 1891 als erster seiner Familie nach Sibirien vorwagte und in Wladiwostok einen kaiserlichen Ukas verlas, der den Bau der Bahn verfügte. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass er auch in Sibirien sein Ende fand. Die Kommunisten erschossen den letzten Zaren und seine Familie 1918 in Jekaterinburg, damals Swerdlowsk. Die Gefahr war für ihn aus dem Westen gekommen.

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