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"Erwachsen auf Probe": Eine kalkulierte Aufregung?

Das Format Reality-TV setzt auf Exzentrik, Entrüstung ist Teil des Konzepts. So die nüchterne Analyse eines Medienwissenschafters. Grenzen müssen aber erst definiert werden.

Der Plot ist schnell erzählt: Vier Teenager-Paare mit Kinderwunsch leben für einen Monat in einer sorgsam idyllisierten Umgebung und proben Familie mit allem, was eben dazugehört, vor allem Kinder. Zuerst sind es Babys, dann Kleinkinder, dann Schüler und schlussendlich Jugendliche, mit denen die Teenager Eltern spielen

Keine der üblichen alltäglichen Herausforderungen wird dabei ausgespart, alles wird durchgespielt und erprobt, weil der Prozess der Aufgabe und Verantwortung wegen, die die Teenager übernehmen, sich selbst dynamisiert: Der moralische Stress lastet nicht nur auf der Beziehung der Probeeltern, sondern irritiert auch die Gefühlswelt in der Beziehung, die sie zu den Kindern aufbauen. Das Szenario sucht Echtheit. Eltern stellen ihre Kinder "zur Verfügung", so dass ein realitätsnahes Ambiente entsteht, in dem alles passiert, was in einer Familie eben passieren kann. Der mitgefühlte Stress macht dann auch vermutlich die Spannung für das Publikum aus. Auch diese ist programmiert.

Zu dem Format gehört auch, dass die wahren Eltern der für das Projekt engagierten Kinder den gesamten Vorgang per Video überwachen und jederzeit eingreifen können. Es steht auch eine Expertin zur Verfügung, die nicht nur mit den Spielern deren Erfahrungen reflektiert und analysiert, sondern auch eingreift, wenn es notwendig zu sein scheint. Den Mechanismus kennt man schon aus ähnlichen Formaten: Spiel, Spielbeobachtung und die etwas therapeutisch ansetzende Beobachtung (Nachbetrachtung) der Beobachtung ergeben eine Darstellung, in der ein scheinbarer Echtheitsfaktor für Spieler und Zuschauer entsteht, der das Szenario spannend macht.

Scheinbarer Echtheitsfaktor

Ein moralischer Aufschrei geht nun durch das Land: Man kann doch nicht Babys und Kleinkinder einfach in fremde Hände geben, nur damit diese am Objekt üben können. Das Stressrisiko ist für Babys und Kinder mindestens so groß wie das für die Probeeltern, die aufgrund der Erfahrung, die sie machen, möglicherweise Entscheidungen treffen, zum Beispiel für oder gegen Kinder, die so weittragend aus einem solchen Experiment nicht gemacht werden sollten. Die Aufregung ist einkalkuliert und je öffentlicher und lauter sie wird, desto mehr Aufmerksamkeit erregt sie, was die Werbebranche wieder freut, weil sie die Quote hebt.

Man kann darüber spekulieren, ob und inwieweit dies Babys und Kleinkinder über Gebühr stressen mag, in fremden Händen zu sein. Man kann aber auch diese Unterscheidung der eigenen und der fremden Hände für eine problematische Unterscheidung halten. In einer Welt der zunehmenden Möglichkeiten der Beziehungen ist Identitätskompetenz aber die Fähigkeit, in verschiedenen Beziehungen sich treu zu bleiben, ein Übungsprogramm, das man nicht früh genug beginnen kann.

Eine Grenze für das Format gibt es allerdings: Wenn Eltern entscheiden, dass sie dies tun, dann eröffnen sie ein öffentlich wahrnehmbares Modell der persönlichen Verantwortung in diesem Spiel, dass sie die Beziehung zu ihren Kindern nicht über Gebühr aufs Spiel setzen. Darüber hinaus ist noch unklar, wie Grenzen für diese TV-Formate zu ziehen sind. Es soll aber keine Verbotsgrenze sein, sondern eine durch Dialog konstruierte Brücke zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten der kulturellen Interpretation des Lebens und der Welt.

Man könnte es dabei bewenden lassen: So funktioniere eben Fernsehen, das ja nicht mehr Fernsehen ist, sondern ein Geschäft mit Fernsehen. Nun ist da aber doch eine Anmerkung zu machen, um das Phänomen, das ja nach all den Formaten, die man schon kennt, so neu nicht ist, adäquat einzuordnen: Was zunehmend mit den an Exzentrik sich steigernden Formaten als Konnotation wie auch als Argumentation der Programmproduzenten gegenüber den Entrüsteten auftaucht, ist eine Beruhigungsgeste der - wie oft empfunden - etwas medienarroganten Art: das Programm reklamiert für sich eine Art von öffentlichem Mehrwert, der in den traditionellen privaten Institutionen des Lebens verloren zu gehen scheint: die pädagogisch gemeinte Einübung in das Leben. Fernsehen ersetzt Familien, Peers und familiäre Milieus und tut dies unter den Rahmenbedingungen, in denen das Fernsehen eben funktioniert: als Maschinerie der Aufmerksamkeit.

Sieht man ab von dem legitimatorischen Gewicht, das man mit diesem pädagogischen Gestus in die Waagschale wirft, muss man aus der Perspektive der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Beobachtung doch schlicht und einfach konstatieren: Ja, so ist es. Wir leben (unser Leben) in einer Welt der Medienlogik. Aber nicht, weil "die Medien" das so tun, sondern weil wir alle das Prinzip der Medialität dessen, was wir heute wissen oder als Wissen gebrauchen, nicht umgehen können. In der Mediengesellschaft versteht die Welt, wer die Medien versteht. In einer organisierten Gesellschaft, deren Ziel es ist, sich frei zu machen von unliebsamer Überraschungen, werden intuitive Prozesse des sozialen Lebens standardisiert, weil nur die Standardisierung ermöglicht, dass wir alle den Wünschen nachlaufen können, denen wir nachlaufen zu müssen meinen: Rolle, Status, Prestige. In einer Next-to-next-Gesellschaft, in der wir jeweils gegenseitig einräumen, dass jeder das Recht hat, das Gleiche zu erreichen wie der Nächste, muss man auch die Strategien und Wege einander verähnlichen. Keine Institution kann dies besser als Medien, weil sie die Referenz dafür sind, dass man selbst auch weiß oder wissen muss, was man anderen unterstellt zu wissen oder wissen zu müssen.

Wer die Medien versteht, versteht die Welt

So wird Politik zu Medienpolitik, Bildung zu Medienbildung, Kultur zu Medienkultur, Religion zu Medienreligion und der ganz normale Alltag zum Medienalltag. Medienkommunikation ist ein gesellschaftlicher Verhandlungsprozess, der alle Ebenen gesellschaftlicher Organisation zueinander verbindet und vermischt: Bildung, Wirtschaft, Politik, Alltagsleben.

Das gesellschaftliche Arrangement ist zweiseitig: In diesem Prozess sind es nicht "die Medien", die den sozialen Wandel (aus-)machen oder zu verantworten haben. Ebenso ist es die soziale Praxis in Alltag, Wirtschaft, Politik und Bildung, die den Mediengebrauch bestimmen und gesellschaftlich steuern. Die RTL-Show ist - einrechnend der ökonomischen Charakteristik, die natürlich viel verzerrt - ein Experiment, um die Welt ein Stück mehr mediendefiniert zu machen: inhaltlich, ökonomisch, gesellschaftspolitisch. Dies ist der Spiegel, den Medien der Gesellschaft vorhalten. RTL reizt diese Dimension bis an jene Grenze, von der wir noch nicht wissen, wie sie zu definieren ist.

* Der Autor ist Professor am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und vertritt dort den Schwerpunkt Medienkultur und Medienpädagogik

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