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Erzählte Lesebissen

Bücher über Bücher: im besten Fall schmecken sie - nach mehr.

Beschriebene Musik sei, spottete einst Franz Grillparzer, wie erzähltes Mittagessen. Umgemünzt auf die holde Kunst des Lesens könnte man formulieren, auch erzählte Lektüre sei wie beschriebene Mahlzeit. Ja und nein. Ja: wie beim Beschreiben eines mehrgängigen Menüs könnte einem im besten Fall wenigstens das Wasser im Mund zusammenlaufen, während man liest, was andere gelesen haben. Aber man geht dennoch nicht unbedingt hungrig fort. Deshalb auch nein: erzählte Lektüre kann nämlich auch die Speise selbst sein. Erzählte Lektüre kann man lesen, schmecken, kosten, essen.

Vorausgesetzt, der Koch sprich Autor versteht sein Handwerk, nämlich das Lesen und das Erzählen, und weiß von Querverbindungen, die dem Leser vielleicht verborgen bleiben. Wenn der Autor in den Büchern, von denen er erzählt, die er beschreibt, auf Spurensuche gegangen ist und dem Leser ge- oder erfundene Verbindungen von Lektüren zu anderen Lektüren zeigt und von den Büchern in die Welt hinein und wieder zurück weisen kann: dann werden Bücher über Bücher spannend. Derartige Lesetagebücher sind wie Reisetagebücher: Erkundungsausflüge in fremde Welten. Sie wissen die besprochenen Lektüren (zumindest fürs erste) zu ersetzen, machen aber gerade dadurch den Mund wässrig und Gusto auf die Originaltexte. So sollte es sein.

Bücher verändern sich

Alberto Manguel etwa nahm sich für sein "Tagebuch eines Lesers" vor, alte Lieblingsbücher wieder zu lesen. Und er setzte sie in Bezug zu seiner Gegenwart, zum Zeitgeschehen, zu dem auch der 11. September 2001 gehörte, und staunte darüber, wie sehr sich die Bücher verändert hatten - ein Phänomen, das jedem Leser bekannt ist, der schon einmal ein Buch Jahre nach der Erstlektüre erneut gelesen hat. Jeden Monat steht ein Buch im Mittelpunkt des Interesses, alle sind im deutschen Sprachraum nicht übermäßig bekannt - für Entdeckungsreisen ist also gesorgt.

Neugier auf Assoziationen

Leser dieses "Tagebuchs" müssen Neugier mitbringen auf Bücher, aber auch auf die Assoziationen des Autors. Kritisch sich selbst befragend und sein Verhalten als Leser - "Bespiegle ich mich auch als Leser gern selbst?" - führt Manguel aber in seinen Betrachtungen weit über sein Ich (das für den Leser seiner Zeilen wohl weniger interessant wäre) hinaus. Er reflektiert vor allem die Themen der Texte, sei es das Doppelgängermotiv, sei es die Heimat, und zieht dabei nicht nur eigene Erfahrungen und Zeitgeschehnisse sondern weitere Bücher heran, zitierend und als spontan erstellte Listen. Ein Buch, das Zeit braucht, vielleicht sogar ein Jahr, und dem man mit zahlreichen Begleitlektüren zu Leibe rücken kann. Dass dann und wann die Überheblichkeit dessen durchklingt, der so viele (auch besondere) Bücher besitzt, verzeihen ihm Bücherfreunde, weil sie diesen Stolz kennen und die Probleme und Fragen, die solcher Besitz auslöst: "Wie wollen Sie verhindern, dass das Buch unter all den anderen verschwindet?"

Don Quijote

Cervantes "Don Quijote" stellt eines der von Manguel ausgewählten Bücher dar. Das ist kein Zufall, zählt er doch zu den ersten und wichtigsten Romanen. Deshalb greift auch Milan Kundera in seinem Buch "Der Vorhang" "Don Quijote" auf und in seinem Gefolge "Tom Jones" von Henry Fielding, um die Theorie des Romans ebenso zu erörtern wie den Zusammenhang von Roman und gesellschaftlichen Entwicklungen, von Wahrnehmung und Wirklichkeit, nationaler und europäischer Literatur. Während Manguel den Leser einlädt, ihn auf seiner Suche zu begleiten, indem er lesend eine Fülle von Zitaten aufklaubt und dem jeweiligen Thema nachdenkend weitere Bücher auflistet, die ihm einfallen, hat Kundera seine Erkenntnisse schon parat: "Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu verstehen. Das ist die Raison d'être der Kunst des Romans." Manguels Auseinandersetzung mit Roman und Scheitern liest sich hingegen so: "Für Juan José Saer ist Don Quijote ein epischer Held, weil ihm egal ist, ob seine gerechte Mission glückt oder scheitert: Das ist der wesentliche Punkt, den man festhalten muss', sagte Saer, dass die klare oder verschleierte Unvermeidlichkeit des Scheiterns allen menschlichen Handelns etwas ist, das grundsätzlich gegen die Moral des Epischen verstößt.' Vergleiche Stevensons Notiz: Unsere Lebensaufgabe ist nicht der Erfolg, sondern das fortwährende Scheitern bei bester Gesinnung.'"

Lesen und Leben

Nun, jeder Leser hat seine Vorlieben und soll selbst entscheiden, welche Vorgangsweise ihm lieber ist und ihn mehr zum Nachdenken über Lesen und Wesen von Romanen anregt. Kundera weist auf den Zusammenhang des Romans mit der Entdeckung von Geschichte hin, aber auch mit der Existenz des Menschen: "Ein armer Landedelmann namens Alonso Quijano hat die Geschichte der Kunst des Romans mit drei Fragen zur Existenz eröffnet: was ist die Identität eines Individuums? was ist Wahrheit? was ist Liebe?" Nicht umsonst endet Kunderas Buch mit Alejo Carpentier und der Frage: "Warum mußten wir geboren werden?"

Bücher über Bücher geben viel zu denken auf: warum wir eigentlich lesen, was Lesen mit unserem Leben zu tun und welche Rolle Literatur im gesellschaftlichen Leben hat. Diesem Thema geht Jan Philipp Reemtsma nach in seinen Reden über Literatur und Kunst, veröffentlicht im Buch "Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit". Der Literaturwissenschaftler plädiert dafür, Kunst und Literatur nicht als Instrument zu verwenden, denn: "Dort, wo Literatur instrumentell tauglich wird, verliert sie ihre deutende Kraft." Wo Kunst auf Kommunikation reduziert wird, verliert sie ihre Symbolisierungsfähigkeit. Deise aber bedeutet, "etwas sehen zu können, was man nicht sieht - soll heißen: die Fähigkeit zu haben, sich beim Beobachten zu beobachten. {...} Ich erfahre so etwas über die Welt und deren Beobachter, die Wahrnehmung wird komplexer - nicht nur bekomme ich mehr Informationen, sondern auch Informationen anderer Art."

Ersatz für die Lektüre?

Dass Rezensenten nur für andere Rezensenten schreiben - diese Kritik Reemtsmas gegen den Kulturbetrieb möchte die Literaturkritikerin lieber als pointierte und bewusst überzogene Aussage verstehen, die von Büchern wie denen von Hubert Winkels (mit Besprechungen, nicht über deutsche, wie der Titel sagt, sondern über die deutschsprachige Literatur, hauptsächlich aus der zeit), Daniel Kehlmann oder Janko Ferk (Rezensionen aus Furche und Presse) widerlegt wird. Rezensionen sind offensichtlich auch außerhalb des Feuilletons und für Nichtrezensenten lesenswert. Als Orientierung, Appetizer - vielleicht auch als Lektüreersatz?

Jan Philipp Reemtsma macht sich nämlich keine Illusionen: auch beim so genannten Bildungsbürgertum stellt die Bildung mehr Mythos als Realität dar. Auch wo die literarische Bildung hoch im Kurs steht, muss sie nicht vorhanden sein. Tatsächliche Unbildung und elitäre Hochschätzung der Bildung können durchaus zusammengehen, so die realistische Einschätzung des Literaturwissenschaftlers.

Dienen also Bücher über Bücher als Lektüreersatz, weil man keine Zeit zum Lesen hat (oder sich nehmen will)?

Geschmack des Lesens

Um den Schein zu wahren, gebildet zu sein und sich auszukennen, und um im Kulturdiskurs mitreden zu können, dafür ist weder die Lektüre von Manguels "Tagebuch eines Lesers" noch die von Kunderas "Der Vorhang" geeignet. Dazu setzen die Autoren zuviel voraus.

Aber Voraussetzungen gibt es auch für die Sammelbände von Rezensionen: Erzähltes Mittagessen kann eben nur schmecken, das Wasser wird im Mund nur zusammenlaufen, wenn man den Geschmack des Lesens schon kennt. Wo keine Erfahrung, da keine Erinnerung, die geweckt werden könnte mit beschreibenden, erzählenden Worten.

Literatur

Tagebuch eines Lesers

Von Alberto Manguel

Aus dem Engl. von Chris Hirte

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2005

231 Seiten, geb., e 18,40

Der Vorhang

Von Milan Kundera

Aus dem Franz. von Uli Aumüller

Hanser Verlag, München 2005

223 Seiten, geb., e 20,50

Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit

Sechs Reden über Literatur und Kunst

Von Jan Philipp Reemtsma

C. H. Beck Verlag, München 2005

170 Seiten, geb., e 20,50

Gute Zeichen

Deutsche Literatur 1995-2005

Von Hubert Winkels

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005

398 Seiten, geb., e 25,60

Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher

Von Daniel Kehlmann, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005

152 Seiten, brosch., e 12,40

Kafka und andere verdammt gute Schriftsteller

Aufsätze von Janko Ferk

Hermagoras Verlag / Mohorjeva zaloÇzba Klagenfurt Celovec 2005

85 Seiten, brosch., e 12,50

(dazu: Radio-Tipp, Seite 11 dieser furche)

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