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Es bleibt ein Rest SEHNSUCHT

1945 1960 1980 2000 2020

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe über Literatur in "postfaktischen" Zeiten, menschliche Wunschkraft und Diskretion beim Schreiben.

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Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe über Literatur in "postfaktischen" Zeiten, menschliche Wunschkraft und Diskretion beim Schreiben.

Für ihr in der deutschsprachigen Literatur einzigartiges Werk wurde Felicitas Hoppe 2012 der Georg-Büchner-Preis zugesprochen. Am 16. Jänner wird die dezidierte Liebhaberin von Märchen in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien über ihre Werke sprechen und aus ihnen lesen. Die FURCHE sprach vorab mit ihr.

DIE FURCHE: Wir leben in postfaktischen Zeiten, sagt man. Einer Ihrer Sätze, der Ihre Poetik recht gut umreißt, lautet: "Ich war nicht dabei, aber ich weiß es genau." Ist das nicht auch ziemlich postfaktisch?

Felicitas Hoppe: Das klingt tatsächlich postfaktisch -aber dieser Satz ist natürlich ironisch. Er verweist auf die Eigenkraft der Literatur, auf die Möglichkeit der Einbildungskraft, darauf, dass es eine Instanz gibt, die sich intuitiv in etwas hineinimaginieren kann und damit womöglich einen höheren Wahrheitsgehalt erreicht als das Faktum, das Faktische. Das ist allerdings ein Privileg des literarischen Verfahrens und sollte nicht mit Journalismus verwechselt werden. Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff des Postfaktischen, weil er die Grenze zwischen Kunst und Literatur und dem sogenannten "wirklichen Leben" abschaffen will; das birgt durchaus Gefahren. Wenn Sie mich ernsthaft nach meiner historischen Auffassung fragen, sage ich: Es gibt überhaupt keine postfaktischen Zeiten, das ist ein Modewort wie viele andere. Sollten wir wirklich in einem postfaktischen Zeitalter leben, wäre das ja zugleich eigentlich auch das Ende der Kunst. Und das fühlt sich nicht so richtig gut an für jemanden, der ein Künstler ist. Die Kunst bewirtschaftet aus meiner Sicht einen Sonderbereich, der mit Politik, mit Informationspflicht, mit Berichterstattung (mit den Fakten) nichts zu tun hat. Es ist ein genuin anderer Raum, eine andere Art der Wahrnehmung, was nicht heißt, dass sie mit der Wirklichkeit keine Schnittmengen bildet.

DIE FURCHE: An welchen Unterschieden müsste die Literatur als Kunst festhalten?

Hoppe: Bei der Literatur spielt Zeitverschiebung eine große Rolle. Das zeichnet sie als Kunst aus. Die Literatur ist nicht zeitgleich. Sie kommt später, immer danach, und nur deshalb hat sie das Potenzial einer eigenen Wahrheit; und die ist nicht lügnerisch, sondern einfach anders. Wenn ich versuche, alles zeitgleich zu kommentieren - und dazu ist die Presse ja da -, dann erreiche ich zwar einen Informations-, aber nicht unbedingt einen Erkenntniswert. Die Literatur lebt aus der Erkenntnis des Nichtzeitgleichen, des Zeitverschobenen. Darauf beharre ich: Kunst braucht Zeit. Und wenn wir etwas nicht haben in dieser Zeit, ist es Zeit. Es ist wie ein Tabubruch, sich Zeit zu lassen. Aber erst dann kann Kunst überhaupt entstehen.

Es ist auch mehr als ein Spiel, eher eine Provokation, wenn ich behaupte, die Kunst verschwinde in postfaktischen Zeiten. Ich gebe ein simples Beispiel, die Märchen. Wenn man bedenkt, dass alles, was in den Märchen vorweggenommen wird, mittlerweile so gut wie wahr, also potenziell real geworden ist, dann - könnte man behaupten -hätte das Erzählen seinen Zweck ja bereits erfüllt. Alles, was in Märchen gewünscht wird, ist heute technologische Realität. Die Zeitverschiebung ist aufgehoben, Zeit und Raum sind überwunden, wir haben das "Tischlein deck dich", den "fliegenden Teppich". Alles, was dort formuliert wird und was in diesem Erzählen so wunderbar und so fantastisch erscheint, ist heute technologisch machbar.

DIE FURCHE: Fakt ist aber ebenso, dass wir auch das Gegenteil erfahren: Wir erleben, dass wir Ziele, die wir uns setzen, nicht erreichen, dass geliebte Menschen sterben, trotz aller medizinischen Möglichkeiten, dass Menschen wirtschaftlich scheitern, obwohl sie viel arbeiten usw. Diese Realitäten bleiben. Deswegen müsste eigentlich auch die Notwendigkeit von Erzählen und von Märchen bleiben, oder?

Hoppe: Ja, faktisch sind die Wünsche an ihr Ende gekommen, vom Potenzial her. Alles ist möglich -fragt sich bloß: für wen? Wir leben in einer Welt, die in jeder Hinsicht ungerecht ist. Es stimmt natürlich nicht, dass für alle Menschen alle Wünsche erfüllt sind, sie sind nur potenziell erfüllbar -das ist das Eine. Und das Andere -und dafür ist dann die Literatur vielleicht im besten Fall zuständig -: Es bleibt ein Sehnsuchtsrest. Ein unerfüllbarer Rest. Es reicht eben nicht, den fliegenden Teppich zu haben, und es reicht nicht, dass man jederzeit überall hinkommt.

Irgendetwas im Menschen ist und bleibt eben einfach ungesättigt. Es ist offensichtlich, dass dieser Hunger nicht gestillt werden kann. Und darüber wird immer wieder erzählt.

DIE FURCHE: Kann Literatur dann sogar eine Art Gegengift zur derzeitigen Verunsicherung sein?

Hoppe: Davon bin ich absolut überzeugt; allerdings nur dann, wenn sie sich auf das besinnt, was sie kann: Auch das hat mit Zeitverschiebung zu tun, mit Ruhe. Es hat auch damit zu tun, nicht konform sein zu müssen. Wenn Literatur mutig genug ist, muss sie keine spezifischen Formate bedienen. Natürlich immer mit dem Risiko, nicht so wahrgenommen zu werden, wie sie sich das vielleicht wünscht, denn eine "ruhige Literatur" braucht auch einen ruhigen Leser, und der ist nicht leicht zu haben. Ich beobachte übrigens, dass vieles in der Literatur sehr stromlinienförmig ist. Wir leben in einer Zeit, die so verängstigt wie politisch überkorrekt ist. Davon sollte Literatur Abstand nehmen. Wenn sie das schafft, dann ist sie wirklich ein Gegengift. Es ist ja kein Zufall, dass bestimmte literarische Formen so angegriffen werden: weil man ihrer eben nicht habhaft wird. Wenn jemand in eigener Sache unterwegs ist und auf einen eigenen Ort, eine eigene Sichtweise beharrt, dann ist das nicht selten irritierend.

DIE FURCHE: Als Sie den Georg-Büchner-Preis verliehen bekamen, konnte man eine gewisse Ratlosigkeit von Seiten mancher Experten wahrnehmen; auch als Ihr jüngster Roman "Hoppe" erschien: Er kommt daher wie eine Autobiografie, er ist aber keine. Sie erzählen darin Ihr Leben anders, als es "tatsächlich" verlaufen ist: Da geht es doch auch um die womöglich viel wirklichere Wirklichkeit der Möglichkeit?

Hoppe: Absolut! Es geht ja darum zu zeigen, dass das gewünschte Leben, unser nicht gelebtes Leben, das Leben, das wir uns "nur" vorstellen, immer komplementärer Bestandteil des eigenen Lebens ist. Das kann man nicht abtrennen. Ich kann nicht sagen: Ich habe ein echtes Leben, und ich habe ein Wunschleben. Mein Wunschleben ist Teil meines echten Lebens. Wünsche sind ja auch Fakten. Das hat nichts damit zu tun, dass ich das eine vom anderen nicht unterscheiden kann. Ich weiß schon, was real und was gewünscht ist. Ich glaube aber, dass diese Wunschkraft elementar und entscheidend ist für das menschliche Leben. Ich glaube, dass ein Leben aufhört, ein vitales Leben zu sein, wenn man sich nichts mehr wünscht. Und in der Literatur kann sich diese Wunschkraft besonders gut ausbreiten -im Journalismus hingegen hat sie nichts verloren.

DIE FURCHE: Da möchte ich nun aber widersprechen, denn ich denke, die Wunschkraft hat doch auch etwas im Journalismus verloren, wenngleich selbstverständlich nicht im Sinn einer Erfindung von falschen Fakten ...Hoppe: Ja, da gebe ich Ihnen völlig recht. Ein Journalist beschreibt ja nicht nur, sondern auch er kommentiert die Welt auf seine Weise, stellt also Forderungen, macht Vorschläge, aber er sollte den Wunsch nicht als Faktum darstellen, das wäre gefährlich. Doch, ja, wenn ich's jetzt recht bedenke, hat vielleicht die Wunschkraft im Journalismus sogar noch viel mehr verloren als in der Literatur!

DIE FURCHE: Wobei das ein heikles Terrain ist, eine große Herausforderung: darauf achtzugeben und zu unterscheiden, wie man sich selbst eine Welt vorstellt und wie man sie - und die eigenen Vorstellungen - dann als Journalistin vermittelt ...

Hoppe: Das ist immer eine Gratwanderung. Für mich steht guter Journalismus unglaublich weit oben in der Skala meiner Wertschätzung. Es ist kein Zufall, dass ich Schriftstellerin geworden bin und keine Journalistin, weil ich selbst diese Grenze nicht gut markieren kann. Ich habe das hin und wieder versucht, aber nie hinbekommen. Im Journalismus muss man etwas können, was viele Schriftsteller nicht können, weil sie viel zu sehr in ihrer eigenen Welt leben. Größten Respekt vor diesem Handwerk! Für mich gibt's jedenfalls keine Hierarchien; ich denke, viele Missverständnisse entstehen dadurch, dass man glaubt, das eine sei besser als das andere oder näher an der Wirklichkeit dran. Das ist Unsinn. Jeder betrachtet die Wirklichkeit mit seinen eigenen Mitteln und kann diese Mittel gut oder schlecht einsetzen. Aber man kann nicht sagen, die Literatur sei näher dran an dem Wahren oder Echten als etwa die Theologie, der Journalismus oder die Naturwissenschaften -das sind einfach unterschiedliche Zugänge.

DIE FURCHE: Ist in der Literatur jede Erfindung erlaubt oder gibt es aus Ihrer Sicht Grenzen?

Hoppe: Für mich gibt es immer Grenzen. Ich kann mich natürlich mit meinen Spinnereien ausleben in der Literatur, das ist ein weites Feld, das ich da beackern kann. Aber es gibt Formen von Diskretion, von Anstand, moralische Haltungen, an denen ich mich auch in der Literatur orientiere, im Umgang mit meinen Figuren und der Welt. Es gibt bestimmte Dinge, über die würde ich nicht schreiben, weil ich sie nicht berühren möchte. Das hat vielleicht mit dem Grundrespekt vor anderen Menschen zu tun. Wenn man meine Bücher liest, wird man merken, dass es wenig Boshaftigkeit in diesen Büchern gibt. Offensichtlich hat die Autorin kein Vergnügen daran, Leute an den Pranger zu stellen, sie bloßzustellen. Es sterben auch selten Leute bei mir. Vielleicht ist das meine Art, gegen die Vergänglichkeit, gegen das Grausame und gegen den Tod aufzubegehren: dass ich meine Figuren nicht sterben lasse, sie gelegentlich sogar wiederauferstehen lasse; was natürlich auch vermessen ist. Im übrigen habe ich manchmal das Gefühl, dass ich deshalb so einen ungeheuren fantastischen Aufwand betreibe, um die Dinge möglichst stark zu verfremden. Ich glaube, das, was man als Hoppe-Verfahren wahrnimmt, all meine fantastischen Verkleidungen und Kulissen, sind nicht meinem mangelnden Realismus, sondern meiner Diskretion geschuldet, vielleicht sogar einer inneren Not.

DIE FURCHE: Das erzählt aber womöglich mehr als ein Versuch, etwas realistisch "abzubilden". Um auf Ihren Roman "Hoppe" zurückzukommen: Indem Sie über das mögliche Leben schreiben, decken Sie womöglich mehr von sich auf, als wenn Sie über das "wirkliche" Leben geschrieben hätten.

Hoppe: Das ist vollkommen richtig -und da kommt etwas anderes ins Spiel, das wichtig ist: die Klugheit des Lesers, der Leserin. Wenn ich einen klugen, intelligenten, zugewandten, begabten Leser habe, dann wird der Zugewinn ein großer sein. Dann entsteht gerade durch die Kulissen und die scheinbare Verstellung ein Zugewinn an Wahrheit, ein Mehrwert. Als das "Hoppe"-Buch fertig war, bin ich an bestimmten Stellen richtig erschrocken. Ich dachte: Meine Güte, wollte ich das eigentlich über mich sagen? Wer mir bis dahin folgt, wird dann eine Hoppe sehen, die klarer ist, als wenn ich eine Reportage über mich schriebe.

DIE FURCHE: Und was ist nun größer: die Sorge, es könnte Ihnen jemand auf die Schliche kommen, oder die Freude und der Spaß, wenn Ihnen jemand auf die Schliche kommt?

Hoppe: Eher letzteres. Ich möchte aber betonen: Ich sehe mich nicht als Versteckspielerin. Es ist keine Verbergungsstrategie, es ist eher eine Verwandlungsstrategie. Und Verwandlung ist etwas anderes als Verstecken oder Verbergen. Es ist sicher auch die Freude daran, diese Kostüme auszuprobieren. Und wenn mir jemand folgt und darin etwas entdeckt und mir vielleicht sogar etwas über mich sagt, das ich selbst noch nicht wusste, aus seiner Sicht der Lektüre, dann ist das großartig!

WERK.GÄNGE: Felicitas Hoppe im Gespräch mit Brigitte Schwens-Harrant Österreichische Gesellschaft für Literatur, Wien 16. Jänner 2017, 19 Uhr www.ogl.at

"Und schrieb in den Sand..." Über Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Religion und Literatur. Vortrag von Felicitas Hoppe 17. Jänner 2017, 18.30 Uhr Uni Wien, HS 47 www.univie.ac.at

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