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"Es geht um die Freiheit"

Sie stehen zwischen zwei Welten: die Kinder türkischer Einwanderer, die in Wien aufgewachsen sind. Ihren Ehepartner suchen in der Regel die Eltern für sie aus - innerhalb der türkischen Community. Die belgische Filmemacherin Nathalie Borgers hat darüber eine Dokumentation gedreht und mit der furche über ihre Arbeit gesprochen.

Die Furche: Wie viele der jungen Türken und Türkinnen, die in Österreich aufgewachsen sind, können ihren Ehepartner selber auswählen?

Nathalie Borgers: Das ist nicht so einfach zu sagen. Wirklich ganz frei wählen nur wenige. Aber es gibt es auch die, die wissen, dass der Ehepartner aus einem breiteren Freundeskreis ausgesucht werden muss. Die sagen dann vielleicht nein zum ersten Vorschlag, aber ja zum nächsten oder übernächsten. Manche haben kein Problem damit. Schwieriger ist es oft, wenn es jemand aus dem Dorf sein soll, den man nicht oder kaum kennt. Was etwa in der Hälfte der Fälle zutrifft. Die sich wirklich dagegen wehren und sich von ihrer Familie lossagen, machen vielleicht fünf bis zehn Prozent aus. Aber ich habe viele Frauen getroffen, die haben erzählt, sie haben das Gefühl, dass sie keine andere Wahl haben, weil ihre Eltern sie sonst umbringen würden. Ich habe dann gesagt, dass sie das aber nicht tun werden.

Die Furche: Aber gerade in den vergangenen Monaten haben doch Morde an Frauen innerhalb der Berliner türkischen Community Schlagzeilen gemacht...

Borgers: Das sind wirklich Extremfälle. Aber die Angst funktioniert zumindest als Druckmittel.

Die Furche: Glauben Sie, dass solche extremen Tendenzen in der letzten Zeit stärker geworden sind?

Borgers: Im Gegenteil. Ich glaube, die Verhältnisse werden freier, aber diese Extremfälle sind stärker in den Medien. Die Dinge entwickeln sich, aber das dauert eben Generationen. Ich habe eine Türkin getroffen, die ist relativ frei in Wien aufgewachsen. Als sie 16 war, hat der Vater verlangt, dass sie ein Kopftuch tragen und jemand aus dem Dorf heiraten soll. Sie hat sich gebeugt, aber kurz nach der Hochzeit ist sie aus der Türkei geflüchtet. Anfangs war sie die Schande der Familie, aber mit der Zeit haben alle Verwandten gesagt: "Du hattest recht."

Die Furche: Sind Zwangsehen in Österreich nicht eigentlich verboten?

Borgers: Wenn eine Frau sich nicht wehrt und nicht zur Polizei geht, gilt das nicht als Zwangsehe. Zwangsehen sind auch in der Türkei verboten und strafbar, ebenso wie die Verheiratung von Minderjährigen. Vom Gesetz her sind in der Türkei die Rechte der Frauen sehr groß. Atatürk hat die Frauen den Männern gleichgestellt. Das Problem ist, dass in ländlichen Gegenden Bräuche mehr gelten als das Gesetz. Die Leute arrangieren sich dort auch mit der Polizei. So wie bei Serap aus meinem Film, die zur Polizei geflüchtet ist und auf die Botschaft - aber immer wieder zu ihrem gewalttätigen Mann zurückgebracht wird. Ich bin auch gefragt worden: "Warum zeigst du nicht eine arrangierte Ehe, die gut läuft?" Aber darum geht es nicht. Arrangierte Ehen funktionieren wahrscheinlich genauso gut oder besser als Liebesehen, zumindest bleibt man länger zusammen. Aber es geht um die Freiheit der Entscheidung.

Die Furche: Hat das Ganze einen religiösen Hintergrund?

Borgers: Nein. Mit Religion oder dem Koran hat das überhaupt nichts zu tun. Das ist eine Tradition, die es auch in anderen Gesellschaften gibt. Eine Türkin, die im Dorf aufgewachsen ist und die Möglichkeit gehabt hat, sich verschiedene Männer anzuschauen, auch wenn sie nicht viel Kontakt zu ihnen hatte, die empfindet das auch nicht so sehr als arrangierte Ehe. Wichtig ist, dass die Familien der Ehepartner sich gut verstehen, denn eine Heirat bedeutet den Zusammenschluss zweier Familien. Dass die Frau bei der Hochzeit Jungfrau sein muss, ist wieder eine andere Tradition.

Die Furche: War es schwierig für Sie, die Protagonisten für Ihre Dokumentation zu finden?

Borgers: Diejenigen, die sich wirklich von ihrer Familie entfernt haben, waren leicht zu finden. Aber die anderen wollten sich entweder nicht mit einer Ausländerin über dieses Thema unterhalten, oder sie wollten dann nicht im Film vorkommen. Da hieß es, ich weiß nicht, ob mein Vater oder mein Mann oder meine Familie das will. Ich habe immer in den Jugend- und Frauenvereinen gesucht. Im Nachhinein habe ich gedacht, ich hätte zu den Männern gehen sollen, denn das sind diejenigen, die einem die Erlaubnis dafür geben, dass man Zutritt zu einer Familie erhält. Die türkische Gemeinde ist oft sehr zu - aber die österreichische auch! Da haben sich wirklich zwei gefunden. Beide Kulturen sind irgendwie sehr konservativ. In Österreich gibt es eine starke Trennung zwischen der konservativen Schicht in der Gesellschaft und der liberaleren. Und die türkische Gemeinde hat wenig Zugang zu einer österreichischen Alternativkultur. Sie ist konfrontiert mit dem konservativsten Teil Österreichs.

Die Furche: Apropos Integration: Sie leben in Paris - wie stehen Sie zum Kopftuchverbot in Frankreich?

Borgers: Ich war am Anfang gegen dieses Kopftuchverbot, vor allem weil die muslimische Welt zu dem Zeitpunkt - zwei Jahre nach dem 11. September 2001 - ohnehin schon sehr unter Druck war. Aber dann habe ich mich gefragt, wie vielen Frauen dieses Gesetz zu mehr Freiheit verhilft. Ich finde es richtig, dass der Staat dieses Zeichen der Gleichberechtigung setzt. Es geht auch darum, ob sich ein europäischer Islam entwickeln kann. Im Moment gibt es in der Türkei eine islamische Regierung, aber vorher, seit 1923, war das Kopftuch auch in der Türkei in öffentlichen Räumen verboten. Nur hat sich das Verbot im ländlichen Raum nicht wirklich durchgesetzt. Allerdings war das Kopftuch dort kein religiöses Zeichen, sondern einfach ein Kleidungsstück für Frauen, die am Land gearbeitet haben. Die Religion instrumentalisiert das Kopftuch natürlich. Und darüber sollte man diskutieren - wie das Kopftuch instrumentalisiert wird, von den Islamisten auf der einen und den Europäern auf der anderen Seite.

Die Furche: Wie erleben Sie die französische Diskussion über einen eu-Beitritt der Türkei?

Borgers: Auch das ist eine instrumentalisierte Diskussion für Politiker, die sich profilieren wollen. Die Türkei steht doch schon seit 20 Jahren vor der Tür. Es war immer klar, dass sich dort beispielsweise bei den Menschenrechten noch einiges ändern muss, aber die Türkei setzt genug Zeichen in diese Richtung. Wenn die Türkei in die eu will, muss sie sich der europäischen Verfassung anpassen. Andererseits gibt es auch innerhalb der eu Länder, in denen manches nicht in Ordnung ist.

Das Gespräch führte Birgit Lehner.

Von österreichischen Verhältnissen

Wie Hans Dichand und der hbp Klestil selig beim Gugelhupf in der Hofburg Politik machen - das hatte man so zuvor noch nie gesehen: Mit ihrer Dokumentation "Kronen Zeitung. Tag für Tag ein Boulevardstück" (2002) gelang der belgischen Filmemacherin Nathalie Borgers ein Coup, der einen atemberaubend offenherzigen Einblick in österreichische Verhältnisse gibt. Auch ihr aktueller Film über die türkische Tradition arrangierter Ehen in Wien beleuchtet Verhältnisse, die Österreichern sonst weitgehend verborgen bleiben. "Das Arrangement" - der Titel passt eigentlich zu beiden Filmen - porträtiert vier junge Menschen aus türkischen Familien in ihrem Zwiespalt zwischen westlichen Werten und ihrem konservativen Elternhaus. (Arte sendet die Auftragsarbeit, die bei der heurigen "Diagonale" in Graz uraufgeführt worden ist, im Rahmen eines Themenabends über die Zweite Generation im Oktober.) Die 1964 in Brüssel Geborene betreibt seit 2001 in Paris ihre eigene Produktionsfirma "Les Films de la Greluche". Sie hat unter anderem Filme über die öffentliche amerikanische Meinung zum Golfkrieg ("Piece of Mind", 1991) gedreht, über dissidierende Journalisten in den Kriegen Ex-Jugoslawiens ("Truth Under Siege", 1994), über homosexuelle Paare in San Francisco ("We Are Family", 1997) und Menschen mit Depressionen ("When the Self Hurts", 2000). In ihrem neuesten Projekt beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis von Frauen und politischer Macht.

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