Digital In Arbeit

Es geht um Kreativität

1945 1960 1980 2000 2020

Die besten Schüler haben oft künstlerische und sportliche Interessen. Auch deshalb gehören diesbezügliche Neigungen geweckt und gefördert.

1945 1960 1980 2000 2020

Die besten Schüler haben oft künstlerische und sportliche Interessen. Auch deshalb gehören diesbezügliche Neigungen geweckt und gefördert.

Warum musischer Unterricht in der Schule? Elisabeth Safer, Volksschuldirektorin an der Neulandschule am Laaerberg in Wien, sagt es in einem Satz: "Kreativität ist genauso wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen."

Wie gut schon Sechs- bis Zehnjährige Eindrücke aufnehmen, verarbeiten und umsetzen können, beweisen die jährlichen "Finissagen": Die Kinder sehen in der Schule eine Ausstellung und malen sie nach. "Sie sollen nichts kopieren, sondern sich mit den Werken auseinandersetzen und ihre eigenen Eindrücke zu Papier bringen", so Elisabeth Safer. Was dabei herauskommt, wird als krönender Abschluß der Ausstellung - eben als Finissage - den Eltern präsentiert.

Nicht nur die "Schwerpunktklasse" für bildnerische Erziehung, sondern alle Kinder sind in diese Projekte eingebunden, der Musikunterricht wird ähnlich gestaltet. "Wir haben mehr Möglichkeiten als andere Schulen, weil die Kinder auch nachmittags hier sind", räumt die Direktorin ein. Auf die klare Trennung von Schule und Nachmittagsbetreuung werde aber viel Wert gelegt: "Die Kinder sollen auch abschalten können und ihre Schulprobleme nicht den ganzen Tag mit sich herumschleppen."

Auch an den Neulandschulen in Grinzing wird Kreativität großgeschrieben. Die Schulgalerie im Stiegenhaus wird professionell betreut, mit monatlichem Austausch der Schülerarbeiten. Die unverbindliche Übung "Kreatives Gestalten" umfaßt neben Schauspiel auch das Zeichnen und Malen der Bühnenbilder.

Sport kommt an den Neulandschulen ebenfalls nicht zu kurz. Das Besondere des Neuland-Gymnasiums am Wiener Laaerberg: ein großes Freigelände, über das sich vor allem die Tagesheim-Schüler freuen. Daß die Unterstufe hier nur als Halbinternat geführt wird, empfindet kaum jemand als Zwang: "Wir würden gar nicht genug Schüler für eine externe Klasse zusammenbringen", erklärt Direktor Viktor Schmetterer. Die Nachfrage nach einer "christlichen Schule mit intensiver persönlicher Nachmittagsbetreuung", die noch dazu Freizeitsport auf eigenem Gelände anbieten kann, ist groß genug.

Den Boden bereiten Intensive und individuelle Förderung der Schüler: Gerade darin sehen katholische Privatschulen ihre Stärke. "Wir wollen eine gewisse Geborgenheit vermitteln", so Oskar Mayer, Direktor im Wiener Gymnasium Sacre Coeur. "Aber nicht, indem wir unsere Schüler von der ,bösen Welt' abschotten. Sondern indem wir ihnen das Gefühl geben, daß wir niemanden untergehen lassen."

Dazu gehört auch, daß jede persönliche Leistung anerkannt wird: "Wir freuen uns, wenn Hochbegabte einen Schülerwettbewerb gewinnen - aber genauso, wenn jemand mit viel Mühe und Fleiß den Schulabschluß schafft."

Projektarbeiten - immer fächerübergreifend unter Einbindung des Künstlerischen, Kreativen - eignen sich besonders gut, um Leistungen sichtbar zu machen. Die abschließende Präsentation dient nicht nur der Kontrolle. Der Aspekt der Freude am Ergebnis ist genauso wichtig. Das, was erarbeitet wird, sollen alle sehen, hören, angreifen können.

Sogar im Sport lassen sich Ansätze für fächerübergreifendes Arbeiten finden: etwa beim Orientierungslauf. "Ein guter Läufer zu sein, genügt dafür nicht, auch andere Fähigkeiten werden angesprochen", so Oskar Mayer. "Die besten Orientierungsläufer sind meist auch sehr leistungsfähige Schüler." Und sie können sogar gegen Vereinsläufer bestehen: "Unsere 11- bis 12jährigen haben die Wiener Meisterschaften gewonnen."

Möglich ist das, weil ein Turnlehrer der Schule diesen Sport wettkampfmäßig betreibt. Auch sonst hängt vieles von besonderen Gegebenheiten ab: Im Sacre Coeur drückt gerade eine angehende Regisseurin die Schulbank. Sie stellte im Vorjahr eine tolle Inszenierung der "Zwölf Geschworenen" auf die Beine, ohne jede Mithilfe der Lehrer. Reiner Zufall? Das auch nicht. Der Boden ist hier eben entsprechend aufbereitet.

Gemeinschaft bilden Zum Stichwort "besondere Glücksfälle": Am Gymnasium der Diözese Eisenstadt gibt es einen Gitarrelehrer, der zugleich Komponist ist und für die Schule ein Musical schrieb. "Als wir wegen des Sparpakets die Freigegenstände streichen mußten, fiel auch die Instrumentalmusik weg. Ich habe darum gekämpft, wenigstens die zwölf Gitarrestunden zu erhalten", erzählt Schulleiter Gerald Tarnai.

Der Gitarrelehrer blieb, das Musical "Moses" wurde ein voller Erfolg. Ein anderer Lehrer schrieb den Text, im Zeichenunterricht entstand das Bühnenbild. Alle Rollen bis zu den Statisten wurden mit Schülern und ehemaligen Schülern besetzt. "Es war auch ein finanzielles Abenteuer", gibt Direktor Tarnai heute zu. Doch alle Vorstellungen waren ausverkauft. Nicht nur das Publikum, auch die Mitwirkenden waren begeistert: "Die Kinder haben sich für jede Statistenrolle reihenweise gemeldet. Und ein paar haben geweint, als es vorbei war." Das meiste wurde in der Freizeit erarbeitet. Der Normalunterricht kam in dieser Zeit ein bißchen zu kurz, doch für 1999 ist die nächste Produktion geplant. Weil - so Tarnai - "der Wert so groß ist. Für die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler und für die schulische Gemeinschaft."

Instrumentalunterricht an der Schule gilt eher als Zusatzangebot. Am Marianum in Wien muß jedes Kind mindestens ein Instrument erlernen - mit Prüfungen und Noten wie in jedem anderen Pflichtgegenstand. Das Ziel ist nicht die Ausbildung zum Berufsmusiker. Ein Instrument zu beherrschen, wird als Teil der Allgemeinbildung verstanden.

Was aber nicht zu falschem Ehrgeiz verleiten soll. Zwang bringt nichts - hier noch weniger als in den "Lerngegenständen". Die Erfahrungen an sind eindeutig: "Wenn nur die Eltern den Instrumentalunterricht wollen und das Kind selbst sich gar nicht dafür interessiert, ist die Mühe sinnlos", sagt eine Mitarbeiterin.

In der Wiener Hauptschule Kenyongasse gibt es einen speziellen Pflichtgegenstand: Musisch-kreativ-soziales Lernen. In der ersten Klasse können die Kinder bei Tanz, Chorgesang oder musikalischer Gestaltung ihre Vorlieben herausfinden. Der "Ernst" des Unterrichts beginnt ab der zweiten Klasse. Das soziale Element wird betont, wenn die Kinder in andere Schulen oder in Seniorenheime gehen und dort vorsingen und vortanzen. Oder wenn sie für ein "Jahresprojekt" arbeiten: Der Erlös wird karitativen Organisationen gespendet.

Ein weiterer Aspekt von künstlerischer Arbeit und Freizeitsport in der Schule: "Quer durch die Klassen entstehen Freundschaften, verschiedene Altersgruppen kommen zusammen und helfen einander", so Maria Gamillscheg, Administratorin des Gymnasiums in der Kenyongasse.

Ob Schauspiel, rhythmischer Tanz, Schülerchor, Schulband oder musikalisch-literarische Projekten, auch am Gymnasium wird viel Kreatives geboten. "Wichtig ist, rechtzeitig damit zu beginnen, solange noch keine Hemmungen beim Tanzen, Singen und Spielen vor Publikum vorhanden sind", betont Maria Gamillscheg.

Haben sich die Mitwirkenden erst an den Applaus gewöhnt, ist für Hemmungen kein Platz mehr. Und besonders groß ist die Begeisterung, wenn man zum Beispiel bei einer Unter-16-Fußball-EM die Showeinlagen bestreiten darf wie die "rhythmischen Tänzer" aus der Kenyongasse.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau