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Es knarzt im Gebälk DER WELT

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Die Theater-Produktionen bei den Wiener Festwochen stellten heuer vor allem essenzielle Fragen des Lebens in den Mittelpunkt des Festivals.

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Die Theater-Produktionen bei den Wiener Festwochen stellten heuer vor allem essenzielle Fragen des Lebens in den Mittelpunkt des Festivals.

Das erstmals von Stefan Schmidtke verantwortete Schauspielprogramm der zu Ende gegangenen Wiener Festwochen hat in qualitativer Hinsicht weitgehend überzeugen können. Und es ist Schmidtke hoch anzurechnen, dass er auf die ureigene Rolle von Theater gesetzt hat, nämlich den Zustand der Welt zu reflektieren. So beschäftigte das Festival vor allem die Frage, wie es um unsere Gegenwart bestellt ist.

Wollte man die Festwochen als dramaturgisch stringente Komposition betrachten, wäre Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" als Prolog für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Mensch-Sein, genauer mit dem Zusammenleben, noch genauer mit der Unmöglichkeit der Begegnung von Menschen zu verstehen. In Handkes Stück ohne Worte ziehen "irgendwo auf einem Platz in Europa" Paare/Passanten/Gruppen aneinander vorüber. Jede Person hat ihre eigene, individuelle Geschichte, die sich in der Beobachtung des Zusehers als Teil einer umfassenden Geschichte, einer Geschichte der Menschheit, der aktuellen politischen Konflikte sowie der Macht-und Glaubenskämpfe lesen lässt.

Sehnsucht nach wirklicher Begegnung

Für Mitteleuropa ist der Fall der Mauer jene entscheidende Wende, die Raum für neue Möglichkeiten schafft, was Charles Taylor den "galoppierenden Pluralismus" nannte. Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionen treffen aufeinander und verfehlen sich. Flüchtlinge, Europäer treten auf, Verrückte und Normale, sie lieben und trennen sich, lachen, weinen, haben Sex, tauschen Kleider, ihre sozialen Rollen und vor allem konstruieren sie Identität: politische, nationale, religiöse. Gemeinsam ist den Vertretern des Zeitalters eines expressiven Individualismus die Sehnsucht nach 'wirklicher' Begegnung, die allerdings nicht gelingt, gelingen kann. Als ironische Pointe dieser auf europäische Verhältnisse hin orientierten Version tritt am Ende eine Gruppe Chinesen als choreographierte Herde auf. Sie marschieren gleichsam gleichgeschaltet in eine Richtung. wochen-Gastspiele um den Menschen, der einen kurzen Auftritt feiert und schnell wieder verschwindet, kaum dass man ihn erkannt hat. Es berühren die Augenblicke der Begegnung, die in ihrer Unbeständigkeit allerdings mehr einem Verfehlen gleichen. Erzählt werden zumeist kleine alltägliche Geschichten, flüchtige Momente in der Welt der Jedermänner, wie etwa die Protagonisten in "Common People". Hier verfügt jede Person über ein eigenes Skript, eine Geschichte, die das Gegenüber nicht kennt. Im MuseumsQuartier begegnen sie einander das erste Mal und entwickeln für ein paar Augenblicke eine gemeinsame Geschichte. Dem belgischen Regisseur Jan Martens geht es um die Unzulänglichkeiten des Menschen und seiner nicht nachlassenden Sehnsucht nach Gemeinsamkeiten, Grenzüberschreitung und authentischem Leben.

Das bequeme Leben

In diesem Sinne kann Joël Pommerats "La Réunification des deux Corées" als thematische Musterinszenierung der Festwochen 2015 gelesen werden: Im Titel wird das große Politische aufgerufen, verhandelt wird aber Privates, die Fragilität von Liebe sowie die Unmöglichkeit wirklicher Freundschaft und Beziehung in einer entzauberten Welt. Wenn in einer der über 20 Szenen ein Mann zu seiner dementen Frau sagt, dass ihre Umarmung für ihn eine solche Wiedervereinigung bedeutet, dann benennt er damit den schmalen Grat, wo die Menschen -jeder vereinzelt für sich und in sich selbst -gefangen bleiben und Vereinigung unmöglich ist.

In einer anderen Szene sagt eine Frau zu ihrer Scheidungsanwältin, dass ihr Mann ein guter Ehegatte und Vater sei, aber die wirkliche Liebe fehle. Dann wieder reicht die Liebe einer jungen Frau für eine gemeinsame Zukunft nicht aus. Sie verlässt ihren Geliebten, für sie braucht es ein Mehr. In diesem Anspruch nach der wahrhaftigen Liebe verbirgt sich der Wunsch des westlichen Wohlstandsgesellschaftsmenschen nach etwas Höherem, Innerem oder Jenseitigem. Das bequeme Leben reicht nicht aus, die Sehnsucht nach dem Transzendenten treibt sie und ihr Handeln, um vielleicht den verlorengegangenen Sinn wettzumachen.

Vielleicht ist dieser Wunsch nach dem Transzendenten am ehesten bei Castelluccis verstörendem Theater gegenwärtig: Der italienische Regisseur zeigt in "Go down Moses" keine Geschichte, die sich einfach nacherzählen lässt. Sein hyperrealistisches Theater bezieht die Wirkmächtigkeit in der Uneindeutigkeit. Bei ihm hat Theater fast etwas Religiöses. Es ermöglicht Begegnung, Kontakt und es stellt mit dem Betrachter etwas an, das über Worte hinausgeht.

Das Bild des Labyrinths am Cover des Festwochen-Katalogs steht für diese Suche nach dem 'richtigen', wahren Glück, dessen Verfehlen im Leben möglicherweise eine unausweichliche Realität darstellt. Dementsprechend haben sich die Festwochen heuer als ausgesprochen risikobereit gezeigt und auf große Namen ebenso verzichtet wie auf Produktionen, denen es um die ästhetische Selbstbespiegelung, um das Notieren innovativer theatraler Entwicklungen geht.

Innovatives Theater und Zuversicht

Das heißt nicht, dass es innovatives Theater nicht gab: So begeisterte der subversive Zugang des Regisseurs Herbert Fritsch, von dem erstmals in Wien eine Inszenierung gezeigt wurde. In seinem Unsinns-Theater, das sich nur vordergründig mit der bürgerlichsten der Theaterformen, der Oper, beschäftigt, werden Kunstfiguren in akrobatischer Präzision zu Menschen mit Schwächen, Fehlern und peinlichen Fauxpas. Seine Figuren sind allesamt verängstigte Vertreter einer Gesellschaft, für die es trotz des grassierenden Irrsinns immer weitergehen muss. Das übergroße Sofa ist nicht nur das Prunkstück des bürgerlichen Wohnzimmers, sondern Zeichen dafür, dass hier eine ganze Gesellschaft auf der Couch liegt, obwohl - das legt Fritschs Nummernprinzips nahe -, auch hier jeder ein Einzelkämpfer ist.

Erfrischenden Kontrapunkt bot das junge theater basel mit "NOISE" am Ende des Festivals: Hier kämpfen Heranwachsende gemeinsam für ein selbstbestimmtes Leben. Lauthals erobern sie die Theater-Halle, begehren den öffentlichen Raum, protestieren gegen Kapitalismus, Überwachung und Kontrolle. Sie fordern Orte für echte, analoge Begegnungen jenseits des Internets. Mit enormer Energie und der Erfahrung des Regisseurs Sebastian Nübling behaupten sie etwa ihre Identität als 'echte' Frauen, deren Körper fern der marktorientierten Hochganzbilder stehen, die zurecht retuschiert sind. Sie fordern eine Identität als übergewichtige, schwarze oder transgender-Personen, jenseits heteronormativer Definitionen.

Ähnlich wie Fritschs Kunstfiguren unterlaufen ihnen 'Fehler', die eben passieren, wenn der Mensch in Bewegung ist und nicht still steht. Es ist die Kehrseite des Erhabenen, der Protest am Zustand einer Normen etablierenden Welt des Kapitalismus. In ihrem Thesen-und Parolentheater appellieren sie mit jugendlichem Elan und beinahe naiver Zuversicht Mitspracherecht und glauben an die Möglichkeit der Veränderung der Welt, die ihre Welt ist. Und wir, die Zuschauer, die wir uns zu dem turbulenten Geschehen permanent verhalten müssen, möchten ihnen ja so gerne beipflichten.

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