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"Es stimmt, ich habe abgeschrieben"

Georg Friedrich Händel im großen FURCHE-Gespräch zum Jubiläumsjahr: Wie er sein gewaltiges Arbeitspensum bewältigte, über die "Wiederverwertung" von musikalischen Ideen anderer Komponisten, den Hang der heutigen Zeit zum Theoretisieren, fehlende Unbefangenheit und die Defizite vieler Sänger und Interpreten unserer Tage.

Im Umfeld des sich heuer zum 250. Mal jährenden Todestages von Georg Friedrich Händel hatte Fra Bernardo die Ehre, exklusiv für die FURCHE mit dem "Caro Sassone", dem "geliebten Sachsen", wie Händel genannt wurde, das folgende Gespräch zu führen.

DIE FURCHE: Überblickt man Ihr äußerst umfangreiches Werk, so stellt sich allein schon die Frage, wie es für Sie rein physisch möglich war, derartig viele Seiten mit Noten zu beschreiben.

Georg Friedrich Händel: Obwohl ich - wie Sie wissen - einige Male schwer erkrankte, bin ich im Grunde ein Morgen- und Abendmensch. Ich hab' mein Schlafpensum auf etwa vier Stunden reduziert. Musik hat mich von Kindheit an interessiert. Es war immer auch meine Passion, nicht nur zu komponieren, sondern auch Piècen anderer Komponisten zu lesen. So finden Sie mich bekanntlich auch auf der Subskribentenliste zu Telemanns "Musique de Table". Ich hab' jede Minute ausgenützt, um zu schreiben.

DIE FURCHE: Wie die Wissenschafter herausgefunden haben, haben Sie dabei auch kräftig von anderen abgeschrieben.

Händel: Kurios, dass gerade dies herausgefunden wurde. Aber es stimmt. But: who cares? Nehmen Sie zum Beispiel meinen "Jephta" anno 1751. Etwa ein Dutzend Nummern daraus stammen ursprünglich aus Messen des Tschechen Frantisek Václav Habermann. Die Musik hat mir auf Anhieb gefallen, drückt das aus, was ich wollte. Ich hab' den Eindruck, dass in Ihrer Zeit viel zu viel herumtheoretisiert wird. Wieso sollte ich gelungene musikalische Umsetzungen von Emotionen nicht wiederverwerten? Ich seh' darin kein Problem. Heute hätte man freilich Probleme mit den Urheberrechten, aber die relativieren sich durch die verschiedenen Tauschbörsen im Internet sowieso immer mehr.

DIE FURCHE: In jüngster Zeit erfreuen sich Ihre Opern im internationalen Musikbetrieb immer größerer Beliebtheit. Wie erklären Sie sich das bzw. was bedeutet das für Sie als ehemaligen Operndirektor?

Händel: Im Gegensatz zu meinem Kollegen Bach und vielen anderen ist die Aufführungstradition meiner Werke quasi nie abgebrochen. Denken Sie etwa an die Pasticcio-Oratorien, die unmittelbar nach meinem irdischen Tod in London aus meinen Werken zusammengestellt wurden oder die Bearbeitungen von Mozart, Mendelssohn oder Moscheles. Was das Musiktheater anbelangt, sind die von mir vertonten Libretti zeitlos. Das Publikum lechzt heute freilich immer mehr nach neuen Opern, weil man die Monotonie des Standardrepertoires nur mehr durch schräge Inszenierungen aufpeppen kann. Das ist auch ein grundlegender Unterschied zu meiner Zeit. Über Inszenierungen, über Regie wurde bei uns kaum diskutiert, heute ist es in erster Linie die Inszenierung, die kritikwürdig erscheint. Da fällt mir auch etwas ein, das ich - bitte, seien Sie mir jetzt nicht böse - loswerden möchte: Ich ärgere mich oft über die heutigen Produktionen meiner Opern, weil hier total gegen meine Intention gearbeitet und das Pferd quasi von hinten aufgezäumt wird. Meine Situation war etwa die: Ich wusste, welche Sänger für eine Produktion zur Verfügung standen und hab' ihnen die Musik auf den Leib geschrieben. Heute sucht man oft krampfhaft nach "Leibern", zu denen meine Musik passt. Ich war da ganz rigoros. Wenn eine Oper wiederaufgenommen wurde und sich die Besetzung änderte, hab' ich ganze Arien umgeschrieben, transponiert etc., um sie den Vokalisten anzupassen. Hier ist man heute noch viel zu philologisch und wagt nicht, zugunsten der Musik (und natürlich auch des Solisten) zum Beispiel eine Arie einen Ton höher oder tiefer singen zu lassen.

DIE FURCHE: Wie würden Sie das soziale Gefüge bei Ihren Musikern beschreiben? Gab es so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis?

Händel: Sie haben ja keine Ahnung, welchen Spaß wir beim Musizieren hatten. Ich denk' da etwa an die Sinfonia zum "Giulio Cesare" mit den sich ständig wiederholenden Wellensymbolen im Bass, an "Happy we" aus meinem "Acis", den Jealousy-Chor aus dem "Hercules" oder die "Water Music". Ich hab' einzelne meiner Musiker zum Essen eingeladen. Wir haben dabei oft diskutiert, über verschiedene politische Dinge, Bücher wie Defoes "Robinson Crusoe" oder die Besuche in Isaac Newtons Haus, das sogar mit einem kleinen Observatorium ausgestattet war. Ich fühlte mich zwar immer nur als "primus inter pares", war aber nahezu einem absolutistischen Herrscher vergleichbar, und ich fürchte, dass ich manchmal ziemlich ekelig zu meinen Leuten - vor allem den Sängern - war.

DIE FURCHE: Apropos ekelig: Sie kennen sicher einige der Interpretationen Ihrer Musik unserer Zeit. Gibt es da etwas zu kritisieren?

Händel: Noch einmal, Interpretationen sind immer im Zusammenhang mit der Zeit, in der sie entstanden sind oder entstehen, zu betrachten. Meine Hauptkritik trifft - wie könnt' es anders sein - die Sänger. Ich fürchte, ich übertreibe nicht, wenn ich meine, da oft nur eine unartikulierte Abfolge von Vokalen zu hören. Heute haben nur wenige Sänger das Sensorium dafür, dass sich allein schon durch die Deklamation des Textes eine Art von Rhythmus ergibt. Sprache ist doch allein schon eine Art von Musik. Wem dies fremd ist, der wird zum Beispiel ein Recitativ nie dramatisch gestalten können. Oder bekommen Sie oft Gänsehaut bei den Recitativen, die Sie in der Oper hören? Generell wird mir in Ihrer Zeit viel zu wenig Augenmerk auf die Gestaltung des Basses gegeben. Allein in Wien gibt es eine Gruppe mit einem Maestro (gemeint sind vermutlich der Concentus Musicus Wien und sein Leiter Nikolaus Harnoncourt; Anm.), der sich des Basses Grundgewalt, seiner die Musik weitertreibenden Kraft bewusst ist. Wenn die Phrasierung, die Kontur im Bass fehlt, fehlt auch der - Sie würden heute vielleicht sagen - "drive". Oft wird Musik heute viel zu emotionslos runtergefiedelt.

DIE FURCHE: Heute denken wir viel darüber nach, diskutieren, ob man, um Musik erleben zu können …

Händel: Nein, entschieden nein. Ich weiß, was Sie fragen wollen. Um die Macht der Musik zu spüren, müssen Sie nicht Noten lesen können, musikalisch gebildet sein, oder biografische Details über die Entstehung des Werkes oder die Befindlichkeit des Komponisten wissen. Hätte ich mich nur an musikalisch Intellektuelle gewandt, hätte ich meiner Nichte nicht eine beachtliche Summe Pfund vererben können. Musik ist etwas Transzendentales, sie lässt sich nicht erklären. In diesem Sinne ist es auch völlig belanglos, wie viel aus dem "Jephta" wirklich von mir stammt. Wichtig sind doch die Emotionen, wichtig ist, dass Musik berührt. Es sind doch die Gefühle, die im menschlichen Sein wesentlich sind. Zumindest ist es für mich so.

DIE FURCHE: Musik ist für Sie also auch Sprache, Ihre Gefühle auszudrücken. Ist Liebe für Sie wichtig? Wir wissen heute eigentlich nichts über Ihr Privatleben.

Händel: Sie werden jetzt vielleicht an meinem Verstand zweifeln, weil ich behaupte, dass eine Antwort darauf für Sie und die geneigten Leser vollkommen irrelevant ist. Gefühle lassen sich ja nur erleben, wenn man selbst gleiche oder ähnliche Gefühle hat oder einst hatte. Das heißt, wenn heute im Kino bei einer sentimentalen Stelle das Publikum weint, dann nur, weil es nachfühlen kann. Dazu muss man dann logischerweise etwas durchlebt haben … Mit anderen Worten: Ob ich geliebt habe oder wurde, ist heut' nicht interessant. Ich möchte daher die Antwort Ihrer Phantasie überlassen. Nur so viel: Ohne Liebe, ohne geliebt zu haben, begehrt worden zu sein, hätte ich nie die Arien "Lascia ch'io pianga" oder "Fermati, non fuggir!" komponieren können hätt' ich wohl nicht leben können.

* Bernhard Trebuch ist "Alte Musik"-Spezialist bei Ö1

CD-TIPP Georg Friderich Händels Lebensbeschreibung

übersetzet vom Legations-Rath Mattheson, Hamburg 1761, bearbeitet aufs Jahr 2009 von Bernhard Trebuch

ORF-Edition Alte Musik, 4 CD

oe1neu.orf.at/shop e 28,90

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