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Es wird ernst

1945 1960 1980 2000 2020

Es gibt nur ein Ereignis für 37 (!) Milliarden Zuschauer: die Fußball-Weltmeisterschaft.

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Es gibt nur ein Ereignis für 37 (!) Milliarden Zuschauer: die Fußball-Weltmeisterschaft.

Die Fußball-WM in Frankreich, habe ich in einer der zahllosen tiefsinnigen Vorbetrachtungen (in dem Fall "Fußball und Wahrheit" von Claus Stumpfer) gelesen, werden voraussichtlich 37 Milliarden Menschen an den Fernsehschirmen verfolgen. Das heißt also, extra für die WM werden zusätzlich 31 Milliarden Menschen erschaffen. Die Macht von König Fußball ist größer als die aller Könige, Kaiser, Führer dieser Welt. Einer der neuen Menschen ist übrigens meine kleine Tochter, die ursprünglich erst für den Finaltag am 12. Juli avisiert war, aber unbedingt schon beim Eröffnungsspiel Schottland:Brasilien dabeisein wollte und mittels heftiger Tritte in die Plazenta auf Kaiserschnitt und Frühgeburt bestanden hat. So werde ich also gleich Gelegenheit haben, ihr die Welt zu erklären, Abseits, Rückpaßregel und kontrollierte Offensive.

Gerüstet bin ich: Der letzte ernstzunehmende Test gegen Liechtenstein hat wertvolle Erkenntnisse geliefert: 1) Meine drei Fernsehapparate (Wohnzimmer: Regenschlachten; Terrasse: Hitzeschlachten; Keller: Nachtspiele) funktionieren. 2) Zwei Bratwürste, zwei Flaschen Bier, fünf Zigaretten sind pro Halbzeit zu schaffen, wenn die Einstellung stimmt und man 100 Prozent gibt, in der Pause wird gewickelt. 3) Österreich tut sich gegen schwache Gegner schwer. Zum Glück spielen wir gegen Kamerun, Chile, Italien. Wir: Vier Wochen lang werde ich dieses dubiose Wort jetzt hemmungslos verwenden, danach vier Jahre nicht mehr.

Gerüstet bin ich: Ich kann die Nationalhymne von Paraguay. Ich weiß, daß man den rumänischen Torhüter Stelea nicht provozieren darf, sonst zeigt er Mittelfinger und Hinterteil her. Ich werde mich hüten. Ich weiß, daß Fußball vor 4000 Jahren in China erfunden wurde und "Ts'uh-küh" hieß. Ich weiß, daß die Hauptstadt von Frankreich Paris heißt. Das Wahrzeichen ist der Eiffelturm, der anläßlich der Weltausstellung 1889 erbaut worden ist und ursprünglich wieder abgerissen werden sollte. Ich weiß, daß das elliptische Stadiondach von St. Denis von 18 Stahlträgern getragen wird, das Stadion 80.000 Zuseher faßt, 46 Meter hoch ist und die oberen Tribünenbereiche über 120 Lifte erreichbar sind.

Ich habe alle unsere Gegner studiert: Kamerun nennt seine Spieler selbst "unbezwingbare Löwen". Es ist immer unangenehm, gegen Löwen Fußball zu spielen, auch wenn Löwen im Defensivverhalten und im taktisch-disziplinären Bereich traditionell Defizite haben. Die Chilenen darf man auch nicht unterschätzen: Chile hat 1930 3:0 gegen Mexiko gewonnen, und die Mexikaner haben sich bis heute nicht restlos davon erholt. Chile ist darüber hinaus einer der länglichsten Staaten der Erde. Darauf wird man sich einstellen müssen. Die italienischen Vorzüge schließlich sind hinlänglich bekannt: Beton, Beton, Beton. Österreich hat mit Italien aber nie besondere Schwierigkeiten gehabt und stets das Idealresultat von 0:1 erreicht.

Zuallererst wird meine Tochter aber freilich Österreich präsentiert bekommen wollen. Alors: Michael Konsel: Der schönste Torhüter der Welt. Ivica Vastic: Der schönste Mittelfeldspieler der Welt (da muß sogar ich auf meine Frau aufpassen!) Anton Pfeffer: Der schönste Austria-Wien Verteidiger der Welt. Wolfgang Feiersinger: Begeisterter Tauchsportler. Aber ob das was bringen wird? Roman Mählich: Stopft Löcher. Gut, jedem das seine. Peter Schöttel: Die Personifizierung der Phrase "in Ehrfurcht erstarren". Wie kein zweiter erstarrt Schöttel bei der Nationalhymne - gleich welcher - in Ehrfurcht und verharrt in dieser Haltung dann 90 Minuten lang. Der Unterschied zwischen ihm und einem Denkmal ist, daß er nicht in einem Park steht und in seinen Bauch keine Jahreszahlen eingraviert sind. Verständlicherweise von allen Gegnern sehr geschätzt.

Peter Stöger: Die österreichische Antwort auf Romario. Blöde Fragen haben bekanntlich blöde Antworten zur Folge. Andreas Heraf: Berühmt-berüchtigt für seine exzellenten Interviews in italienischer und türkischer Sprache. Da werden die Chilenen aufpassen müssen. Andreas Herzog: Kann einen Gegner auf einer Briefmarke überspielen; der beste Spieler der Welt, wenn er topfit ist. Er ist aber nie topfit und hat nie Briefmarken dabei. Wie erst Gerhard Berger ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt hat, was an einem Auto alles kaputtgehen kann, ist Herzog ein eindringliches Mahnmal für die Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit des menschlichen Körpers an sich: Ein mit Vanitasgedanken durchsetzter Pumuckl. Steht schon aus Sorge um seine Sommersprossen immer viel zu weit vom Gegner weg. Heimo Pfeifenberger: Trachtengroßhändler.

Martin Amerhauser. Er hat die Aufgabe, die österreichischen Abseitsfallen aufzuheben. In seiner Freizeit Stammkunde bei Pfeifenberger. Dietmar Kühbauer: Der einzige von allen, der seine Memoiren noch nicht geschrieben hat. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere will er sein restliches Leben aber der Orthographie widmen. Anton Polster: Ein Mensch, der in aller Öffentlichkeit grundlos singt. Fußballerisch ebenso unberechenbar wie musikalisch: Steht oft 90 Minuten lang herum und schießt dann ein Tor. Oder er steht 90 Minuten herum und schießt dann kein Tor.

Zeugwart Legenstein: Hat für das Nationalteam eine eigene Schuhpasta erfunden. Wenn's bei der WM nicht klappt, wird ganz Österreich seinen Kopf fordern. Herbert Prohaska: Sein Lebensziel ist es, einmal Co-Kommentator bei einer WM wie der Analytiker Dr. Krankl oder der Ägyptologe Dr. Hickersberger zu werden, muß sich aber erst durch ein WM-Debakel dafür qualifizieren. Hat viel Humor, also z. B. Schöttel & Pfeffer.

Die Furche-Leser aus Kamerun, Chile und Italien werden die Geheimnisse, die ich hier schändlicherweise ausplaudere, dankbar an ihre Delegationen weiterleiten. So werden unsere Leiden nach drei Spielen ein Ende haben, Österreich wird ausgeschieden sein, und wir können uns endlich erstens kosmopolitisch den Bratwürsten, zweitens den wirklich wichtigen Fragen zuwenden: Wird Paul Gascoigne auch heuer wieder als Lady Di gehen? Wird Peter Elstner während Argentinien:Frankreich verraten, wie er selbst seinerzeit beim Megaschlager ORF-Kantine: ORF-Garderobe einmal beim Outeinwurf in den Morast geplumpst ist? Wie geht es den Söhnen von Robert Seeger beim Studium? Was unternimmt Hans Huber gegen seinen chinesischen Akzent? Wie lange wird er noch jedes dreisilbige Wort wie "Mao Tse Tung" aussprechen? Verliert Berti Vogts doch einmal sein Toupet?

In welcher Form wird sich Helmut Zilk einbringen? Darf die Frau Möller zum Herrn Möller auf ein Schäferstündchen ins Quartier, darf er zu diesem Behuf sein Nasenpflaster abnehmen, oder muß sie sich mit einer Computeranimation ihres Gatten begnügen? Werden nach den Metro-Schaffnern und den Air-France-Piloten auch noch die Terroristen und Fundamentalisten streiken? Fragen über Fragen. Welche Experten, Fachleute, Wissenschaftler werden mit ihren Expertisen rechtbehalten, welche irren? Zum Abschluß hier die gewagtesten Prophezeiungen vor dem ultimativen event des Jahrtausends: * Savicevic gehört noch nicht zum alten Eisen.

* Saudi-Arabien ist schwer auszurechnen.

* Die Schotten werden es wieder mit der Brechstange versuchen.

* Südafrika ist eine Überraschung zuzutrauen.

* Bei Japan:Jamaica treffen zwei Fußballphilosophien aufeinander.

* Norwegen hat abgebrühte Legionäre.

* An guten Tagen kann Paraguay jeden fordern.

* USA gegen Iran wird eine Schlacht.

Na dann: Auf geht's. Es wird ernst.

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