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Eskalation im Kosovo

Niemand wird sagen können, es habe sich nicht vorhersehen lassen. Die dramatische Eskalation im Kosovo war nur eine Frage der Zeit, in den letzten Tagen wurde die Lage - nein, nicht unerwartet! - zusehends bedrohlicher. Jedem Beobachter war seit Jahren klar, daß das Amselfeld (Kosovo polje) eine glosende Brandstätte mit gewaltigem Entfachungspotential darstellt.

Die Gemäßigten rund um den Intellektuellen Ibrahim Rugova sind im Prinzip in einer verzweifelten Lage. Ihre Warnungen und Mahnungen verhallten jahrelang ungehört, nun, in aufgeheizter Atmosphäre, verlieren sie an Rückhalt in der Bevölkerung: In Zeiten der Krisenzuspitzung und Polarisierung findet die Stimme der Vernunft noch schwerer Gehör.

Die Protagonisten sind großteils aus der Bosnien-Tragödie bekannt: Da ist nach wie vor Slobodan Milosevic', mittlerweile vom serbischen zum jugoslawischen Präsidenten mutiert - und unberechenbar wie eh und je. Wie er auf seine (indirekte) Niederlage bei den montenegrinischen Parlamentswahlen reagieren wird, ist schwer abschätzbar. Und da ist US-Präsident Bill Clinton mitsamt dem Wunderwuzzi der US-Diplomatie, Richard Holbrooke. Die USA setzten zuletzt auf eine Mischung von Druck auf Milosevic' und Festhalten am Dialog-Prinzip. Wie lange sich das durchhalten läßt, ist angesichts der Entwicklung im Krisengebiet fraglich.

Immerhin war aber auch schon von einer Entsendung von NATO-Truppen in den Kosovo die Rede. Der Einsatz der Allianz brachte im Bosnien-Krieg die Wende - keinen Frieden (wer hätte das vermocht!), aber ein Ende des Mordens. Interventionen dieser Art zeichnen sich immer deutlicher als eine der künftigen Hauptaufgaben der NATO ab. Der Kosovo könnte die nächste Bewährungsprobe für das Bündnis werden. Die Frage ist, um wie viele Tote die Allianz diesmal zu spät kommt. Oder: Muß zuerst in Pristina ähnliches passieren, wie im August 1995 auf dem Marktplatz von Sarajevo, als durch eine Bombe 37 Zivilisten starben?

Niemand wird sagen können, es war nicht vorhersehbar...

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