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Etwas Disziplin sind wir den Kindern schuldig

Die Grazer Kinderärztin, Psychotherapeutin und achtfache Patchwork-Mutter Marguerite Dunitz-Scheer über das "Sozialprojekt“ Stieffamilie und den Egoismus der Eltern.

Marguerite Dunitz-Scheer ist mit dem Thema Patch- work täglich konfrontiert. Privat, weil sie sich vor 25 Jahren vom Vater ihrer drei ersten Kinder, dem Chemiker und heutigen Wissenschaftsfonds-Präsidenten Christoph Kratky, getrennt und mit ihrem zweiten Mann, dem zweifachen Vater, Kinderarzt und Psychotherapeuten Peter Scheer, drei weitere Kinder bekommen hat. Und beruflich, weil die heute 56-Jährige gemeinsam mit Scheer die Station für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätskinderklinik in Graz leitet. Die Erfahrungen mit ihren acht Kindern haben die beiden 2002 im Buch "meine, deine unsere. Leben in der Patchworkfamilie“ (Falter Verlag) publiziert.

Die Furche: Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat ein Buch veröffentlicht, in dem er Stiefeltern zu "Bonuseltern“ macht (siehe unten), was wiederum die Journalistin Melanie Mühl in ihrer Streitschrift "Die Patchwork-Lüge“ als Schönreden unserer Scheidungsgesellschaft kritisiert. Verklären wir tatsächlich ein Problem?

Marguerite Dunitz-Scheer: Das Wort "Patchwork“ ist genauso wenig eine diagnostische Entität wie das Wort "Familie“. Es gibt irrsinnig tolle Modelle, aber auch absolute Fehlschläge. Man kann das nicht verallgemeinern - wie die sogenannten intakte Familie auch nicht. Insofern könnte man genauso gut ein Buch über "Die Lüge der intakten Familie“ schreiben. Was die Kinderperspektive betrifft, so kann ich sowohl privat als auch in der Klinik sehen, dass es Kinder gibt, die enorm von Patchwork-Konstruktionen profitiert haben. Ihre Entwicklung hat so viel Entlastung bekommen gegenüber der früheren Situation, dass es für sie - trotz einer schmerzlichen Phase - letztlich ein Glück war. Es kann sich wie bei uns ein unglaubliches Netzwerk mit positiver Ressourcennutzung ergeben. Aber das funktioniert nicht immer.

Die Furche: Ist die Scheidung der Eltern nicht die größtmögliche Katastrophe im Leben eines Kindes?

Dunitz-Scheer: Es kommt darauf an, wie die Trennung der Eltern abläuft. Wenn das respektvoll geschieht und die Kommunikation der Eltern nicht verachtend wird, sondern um die Kinder bemüht bleibt, dann geht alles. Kindern kann man mehr zumuten, als man glaubt. Gottseidank gibt es auch immer mehr Eltern, die sich darüber Gedanken machen und uns bitten, ihre Trennung zu begleiten. Patchwork-Eltern sind eben Teil eines Sozialprojekts, das die Folge von etwas Unerfreulichem ist. Aber sie haben die Möglichkeit, dieses Projekt mitzugestalten.

Die Furche: Dennoch existieren Studien, wonach Scheidungskinder später fast doppelt so häufig geschieden würden, stärker zu Depressionen und Jugendkriminalität neigten und öfter von Alkohol und Drogen abhängig seien …

Dunitz-Scheer: Also wir haben auf unserer Station viel mehr Patienten mit schweren Störungen aus so genannten "intakten“ Familien, die nicht so intakt sind, wie man glaubt. Gerade Psychosomatosen, darunter Magersucht oder ständiges Kopfweh, kommen typischerweise in Familien vor, wo man problematische Beziehungen aufrechterhält. Die Spannung einer nicht-glücklichen Beziehung scheint ein Kind letztlich mehr zu belasten als die Herausforderung eines dramatischen Wechsels. Schwer ist allerdings die Situation für Kinder aus einer ersten Beziehung, die allein mit ihrer Mutter aufwachsen - bis diese einen neuen Partner findet und mit ihm weitere Kinder bekommt.

Die Furche: Was spielt sich hier ab?

Dunitz-Scheer: Die Kinder fühlen sich entthront und müssen eine neue Autoritätsperson akzeptieren, wobei sich die neuen Partner leider oft stärker verantwortlich fühlen, als sie es sind. Wenn man einem Zehnjährigen respektvoll sagt: "Ich bin nicht dein Vater, deshalb sollst du diese oder jene Sachen mit deinem Papa besprechen!“, wäre das eine gute Lösung. Aber die neuen Partner spielen sich oft als neue Väter auf - und dagegen revoltieren die Kinder verständlicherweise. Ich sehe durch meinen Beruf leider das Leid vieler Kinder - und den grenzenlosen Egoismus der Erwachsenen, die einfach ihre eigenen Bedürfnisse in einer Weise über das Bedürfnis des Kindes stellen, dass einem schlecht werden kann.

Die Furche: Gehört zu diesem Egoismus auch, dass man nicht mehr um seine Beziehung kämpft, wie es Melanie Mühl kritisiert?

Dunitz-Scheer: Das stimmt tatsächlich, was mich gerade als Psychotherapeutin wütend macht: Viele machen mit Anfang 30 auf ihrem Selbsterfahrungstrip irgendeinen Kurs, kommen heim mit dem Satz "Jetzt muss ich endlich einmal auf meine Gefühle schauen!“ - und werfen einfach alles weg. Das ist kein Plädoyer dafür, in schrecklichen Beziehungen auszuharren, aber ein Plädoyer dafür, nicht gleich bei einer Krise alles hinzuschmeißen. Viele Menschen wissen gar nicht, was sie eigentlich stört. Vielleicht ist da nur ein Unlustgefühl, ein Genervt-Sein. Doch statt eine Auszeit zu nehmen, zur Paartherapie zu gehen und dem anderen einfach zuzuhören, was ihn etwa zum Fremdgehen getrieben hat, sagt man heute gleich: "Das war’s!“ Ich finde, das ist nicht genug. Wir müssen schon ein bisschen Disziplin haben. Das sind wir unseren Kindern schuldig, die ja nicht jubelnd Mitglieder einer Patchwork-Familie geworden sind, sondern auch ihren Preis zahlen müssen.

Die Furche: Wenn es große Verletzungen gibt, fällt es aber offenbar schwer, diszipliniert zu bleiben …

Dunitz-Scheer: Ja, aber wenn ich ein Kind zu behandeln habe, ist mir die Kränkung der Erwachsenen egal. Darum bin ich auch so eine leidenschaftliche Verfechterin des gemeinsamen Sorgerechts. Ich kenne natürlich die Argumente vieler Familienrichter und sehe auch, dass das oft mühsamer ist. Aber wenn ein Elternteil den anderen einfach ausspannt oder die Kinder in Racheakte verwickelt werden, ist das unmenschlich - doch das wird durch unsere Pro-Mutter-Gesetze leider unterstützt! Jede Wegnahme eines Elternteils aus dem Leben eines Kindes ist hochtraumatisch, auch wenn das Kind sagt: "Diesen Trottel brauche ich gar nicht, der hat meine Mama so gekränkt!“ Aus kindertherapeutischer Sicht kann ich das nur bekämpfen - unabhängig davon, wie die Eltern miteinander umgehen.

* Das Gespräch führte Doris Helmberger |

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