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Euphorie, Ironie und Widerspruch

Die Nationalbibliothek erinnert an Richard Wagner und seine Beziehung zu Wien, die Gesellschaft der Musikfreunde zeigt Prunkstücke aus ihrem Archiv. Solcherart ist Musik - jeweils in unterschiedlicher Weise - als ein Stück spannende Zeitgeschichte zu erleben.

Schon als 19-Jähriger besuchte Richard Wagner Wien. Weder von diesem noch seinem zweiten Wien-Besuch, 1848, gibt es Dokumente. Diese finden sich erst ab der ersten Wiener Aufführung seines "Tann-häuser“, 1857, im nicht mehr bestehenden Thalia-Theater. Damit beginnt die anlässlich des kommenden 200. Geburtstags des Komponisten ausgerichtete Wagner-Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek. Schon der Titel "Geliebt, verlacht, vergöttert. Richard Wagner und die Wiener“ verrät ihren weiten inhaltlichen Bogen. Er zeigt sich auch in den beiden Skulpturen des Bühnenbildners Christof Cremer im Mitteloval des Prunksaales. Sie präsentieren Wagner, wie man ihn kennt - aber ebenso karikiert.

"Von der Meister-Singer holdseliger Kunst“

Eine Ambivalenz, die auch die vom Leiter der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Thomas Leibnitz, kuratierte Schau prägt. Sie konfrontiert mit Wagners Verhältnis zu Wien ebenso wie der Reaktion der Wiener auf ihn. Daher finden sich neben dem Particell von "Tannhäuser“ auch "Tannhäuser“-Parodien oder Carl Binders "Tannhäuser“-Quadrille. Ein Theaterzettel erinnert, dass Wagner am 15. Mai 1861 eine "Lohengrin“-Aufführung in der Hofoper besucht hat, ein Schreiben von dessen Dirigenten Heinrich Esser, dass die unter ihm geplante Uraufführung von "Tristan und Isolde“ dann doch nicht in Wien zustande gekommen ist.

Während seiner Wiener Jahre, 1862 bis 1864, die Wagner zuletzt in einer Luxusvilla in Penzing verbrachte, ehe ihn Schulden zur raschen Flucht zwangen, beschäftigte er sich - ein weiteres Highlight dieser Schau - mit Johann Christoph Wagenseils Buch "Von der Meister-Singer holdseliger Kunst“, was für seine "Meistersinger“ nicht ohne Folgen blieb. Das Verhältnis Wagner-Bruckner wird u. a. durch Scherenschnitte und das Autograpf von Bruckners, Wagner gewidmeter dritter Symphonie beleuchtet. Die unterschiedlichen Seiten der Wiener Wagner-Rezeption finden sich durch Fotos der scharfzüngigen Wagner-kritisch agierenden Rezensenten Hanslick und Kalbeck, eine Abschrift des "Lohengrin“-Textbuches des Wagner-begeisterten jungen Hugo Wolf, eine köstliche Zasche-Karikatur, die Mahlers Physiognomie beim Dirigieren fremder Werke aufs Korn nimmt, sowie den Hinweis, dass die "Walzer-Sträuße“ wie auch Carl Michael Ziehrer Wagner wiederholt in ihren Unterhaltungskonzerten aufführten, aufschlussreich dokumentiert.

Im Schauraum ihres Archivs lässt die Gesellschaft der Musikfreunde ihre wechselvolle 200-jährige Geschichte Revue passieren. Sie hat sich von Beginn an die "Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“ auf ihre Fahnen geheftet - und dies auch durch schwierige Phasen ihrer Geschichte, wie die Vereinsauflösung zwischen 1938 und 1945, durchgezogen.

Rettung vor dem Bankrott durch Czerny

Im Beethoven-Schüler Erzherzog Rudolf von Habsburg hatte man einen mächtigen Protektor. Beethovens ihm gewidmete "Les adieux“-Klaviersonate ist nur eines der zu sehenden Autografe, andere sind Beethovens "Eroica“, Haydns D-Dur-Hornkonzert oder Mozarts d-Moll-Klavierkonzert. Dessen große g-Moll-Symphonie gelangte aus dem Nachlass von Brahms an die Gesellschaft. Bruckner, Professor am einstigen Konservatorium der Gesellschaft, ist mit dem zweiten Adagio seiner Dritten präsent, der einstige Konservatoriumsschüler Gustav Mahler mit seiner Vierten. Von Carl Czerny, der durch die Überlassung eines Teiles seines Nachlasses die Gesellschaft vor dem Bankrott rettete, ist das Testament ausgestellt.

Breiten Raum nimmt die Baugeschichte des heutigen Hauses der Gesellschaft, des Musikvereins, ein. Briefdokumente aus dem Nachlass Gottfried von Einems, Konzertplakate sowie einige der in den letzten Jahrzehnten in Auftrag gegebenen Kompositionen ergänzen die Exposition. Das Begleitbuch von Otto Biba und Ingrid Fuchs fasst essayistisch große Geschichte und Gesehenes beredt zusammen.

Geliebt, verlacht, vergöttert

Richard Wagner und die Wiener

Österreichische Nationalbibliothek

bis 10. Februar 2013, Di-So, 10-18, Do bis 21 Uhr

Die Emporbringung der Musik

Höhepunkte aus der Geschichte und aus dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

bis 22. Dezember, Mo-Fr, 9-18, Sa bis 14 Uhr sowie jeweils eine halbe Stunde vor Beginn und in den Pausen der Gesellschaftskonzerte im Großen Musikvereinssaal

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