Digital In Arbeit

Europas Naturerbe großräumig schützen

1945 1960 1980 2000 2020

Österreich hat mit dem EU-Beitritt die Verpflichtung übernommen, für die Erhaltung des europäischen Naturerbes zu sorgen. Die Einrichtung eines Netzes von Schutzgebieten - "Natura 2000" - soll die wichtigsten Lebensräume erhalten.

1945 1960 1980 2000 2020

Österreich hat mit dem EU-Beitritt die Verpflichtung übernommen, für die Erhaltung des europäischen Naturerbes zu sorgen. Die Einrichtung eines Netzes von Schutzgebieten - "Natura 2000" - soll die wichtigsten Lebensräume erhalten.

Begonnen hat diese Entwicklung mit den sogenannten "Bird-Watchers" - den Vogelbeobachtern, die sich zum Schutz der Vögel bereits vor 40 Jahren auf der ganzen Welt in Vereinen und Organisationen zusammengeschlossen hatten. Vor 20 Jahren traten sie an die Europäische Gemeinschaft heran, um etwas zum Schutz der Vögel zu tun. 1979 trat die "Vogelschutzrichtlinie" in Kraft. 1992 beschloß die EU dann die "Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen" (Fauna-Flora-Habitat Richtlinie = FFH-Richtlinie).

Damit ist jeder Mitgliedstaat der EU verpflichtet, die biologische Vielfalt seines Landes zu erhalten. Beide Richtlinien sind unter dem Namen "Natura 2000" als Programm der EU zusammengefaßt. Ihr Ziel: Flora, Fauna und schützenswerte Lebensräume erhalten. Die FFH- Richtlinie bezeichnet 253 Lebensraumtypen, 200 Tierarten und 434 Pflanzenarten als bedroht, die Vogelschutzrichtlinie 182 Vogelarten. Ziel der Richtlinien ist es, ein europaweites Netzwerk besonders wertvoller Lebensräume und wildlebender Arten auszuweisen.

Natura 2000 ist auch für Österreich eine große Chance, denn trotz der geringen Größe weist Österreich eine außerordentliche landschaftliche und klimatische Vielfalt sowie eine besonders artenreiche Fauna und Flora auf. Bei den heimischen Tier- und Pflanzenarten ist Österreich im mitteleuropäischen Vergleich eines der artenreichsten Länder, bei den Blütenpflanzen und Farnen überhaupt das artenreichste. Unsere Landwirtschaft hat dafür Jahrhunderte lang entsprechende Vorleistungen erbracht.

Netz des Lebens Natura 2000 war vor drei Jahren der Anstoß dafür, ein Projekt des "World Wide Fund for Nature" (WWF) mit dem klingenden Titel "Netz des Lebens" zu schaffen. Dazu Christoph Walder, Leiter dieser WWF-Kampagne: "Wir haben bis heute auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien und in Zusammenarbeit mit Experten bereits 203 wertvolle österreichische Naturgebiete ausgewählt. Tiere und Pflanzen sind aber teilweise in ihrem Fortbestand bedroht, sei es durch landschaftszerstörende Eingriffe wie Straßen- oder Kraftwerksbau oder durch Entwässerung oder zu intensive Landnutzung. Damit das Netz des Lebens langfristig gesichert bleibt, ist die engagierte Umsetzung der europäischen Naturschutzrichtlinien wie sie Natura 2000 enthält, unbedingt erforderlich. Ich meine damit sowohl eine ausreichende Nominierung von geeigneten Gebieten, als auch die rechtliche Umsetzung der Richtlinien in die österreichischen Naturschutz-, Jagd-, Fischerei- und Flurverfassungsgesetze sowie natürlich auch die Bereitstellung der nötigen finanziellen Mittel."

Der WWF will in Österreich noch weitere 54 Gebiete in das Natura- 2000-Netzwerk einbringen und darüber wachen, daß keine weitere ökologische Verschlechterung in den Schutzgebieten eintritt.

Heute sind in Österreich 140 Gebiete nominiert (etwa 80 Prozent dieser Gebiete befinden sich bereits im Schutzstatus, weil sie - wie beispielsweise die Naturparks - automatisch integriert waren.

Was die Nominierung solcher Schutzgebiete betrifft, meint Walder: "Insgesamt überwiegen bei einer Nominierung die Vorteile für das betreffende Gebiet. Viele innovative Projekte die mit EU-Geldern durchgeführt wurden, konnten bereits realisiert werden. Besonders Niederösterreich hat sich hier einen sehr guten Namen gemacht. An die 400 Millionen Schilling (200 Millionen davon wurden von der EU bereitgestellt, den Rest hat das Land aufgebracht) konnten sich niederösterreichische Naturschutzgebiete holen.

Ein Beispiel: Ein hellsichtiger Landwirt aus dem Marchfeld prophezeite vor nicht allzu langer Zeit: ,In zehn Jahren wird sich jeder Bauer, der nicht in einem Natura 2000-Gebiet lebt, in den Hintern beißen.' Der Mann hat erkannt, welche Chancen dieses europaweite Netz von Schutzgebieten für seinen ohnehin geplagten Stand bietet. Während Bauern ihre artenreichen Wiesen heute aufforsten, weil die Mahd zu aufwendig ist und nichts einbringt, könnten sie in einem Natura-2000-Gebiet ihre traditionelle Bewirtschaftung weiterführen und dafür Naturschutzgelder erhalten."

Konkreter Fall: Im oberen Waldviertel wurde zur Freude der dort wirtschaftenden Bauern im Rahmen eines WWF-Projekts eine Mähmaschine angeschafft, mit der die schwierige Mahd feuchter Wiesen leichter zu bewältigen ist. Die Rechnung für das arbeitssparende Gerät bezahlte WWF-Projektsbetreuer Hannes Seehofer mit Geld aus dem LIFE-Topf, der von der EU, dem Land Niederösterreich und dem WWF gefüllt wird.

Informationsmangel Leider ist das Wissen über die Chancen von Natura 200 aber noch lange nicht Allgemeingut, viele Unsicherheiten in bezug auf die Umsetzung des Netzwerkes sind nach wie vor vorhanden. Walder sieht in dieser fehlenden Information ein großes Hindernis bei der Umsetzung der EU-Richtlinien. "Österreich ist seit 1995 in der EU. Die FFH-Richtlinie war aber schon seit 1992 in Kraft. Unsere Verhandler haben keine Übergangsfristen ausverhandelt. Daher standen sie unter großem Zeitdruck bei der Umsetzung. Und sie hatten auch nicht ausreichend Zeit, um die Bundesländer ausreichend zu informieren. Drei Jahre lassen sich eben nicht innerhalb von Tagen aufholen. Nun mußten die Bundesländer ihre Gebiete innerhalb kürzester Zeit nominieren und es blieb keine Zeit, die Betroffenen ausreichend über die Folgen dieser Nominierung zu informieren. Viele haben daher Widerstand geleistet: die Wirtschaftskammern, die Bauern, die Jäger. Niemand hatte sie von den Nominierungen in Kenntnis gesetzt. Es wurde leider eine sehr schlechte - bis gar keine - Informationspolitik betrieben."

Auch unsere Nachbarländer haben mit Problemen zu kämpfen. So hat Deutschland auf Grund seiner sehr intensiv genutzten Gebiete große Schwierigkeiten mit den Lobbys der Landwirtschaft und der Industrie. Frankreich hat sich lange gegen die Umsetzung der Richtlinien gesträubt und steht heute unter starkem Zeitdruck. Eine überraschend positive Bilanz kann man für Italien ziehen. Es hat ein beachtliches Netzwerk von Naturschutzgebieten vorgelegt: insgesamt bisher über 2.500 (teilweise sehr kleine) schützenswerte Gebiete! Portugal und Spanien nominierten bisher wenige, dafür aber sehr großflächige Gebiete. Vorbildlich ist das Engagement der skandinavischen Länder. Somit liegt Österreich, was die Umsetzung von Natura 2000 anbelangt, derzeit im Mittelfeld.

Europaweit müssen nach den Richtlinien der EU insgesamt 200 Lebensraumtypen, rund 200 Tierarten und mehr als 500 Pflanzenarten geschützt werden. Daher bleibt für viele Mitgliedstaaten noch einiges zu tun, auch für Österreich, das seinen Verpflichtungen noch nicht ausreichend nachgekommen ist. "Ohne die Einbeziehung der Gebiete der WWF-Schattenliste werden europaweit und sogar weltweit bedeutende Arten und Lebensräume vernachlässigt - ich erinnere nur an Gebirgsauwälder und Moore, an die Großtrappe und den Huchen", warnt Univ. Prof. Georg Grabherr, der im wissenschaftlichen Beirat der EU-Kommission für die Umsetzung der Natura 2000 in Österreich zuständig ist.

Tirol auf der Bremse Besonders schwerwiegend in diesem Zusammenhang ist die Weigerung der Tiroler Landesregierung, das Vogelgebiet Kaisergebirge-Schwemm als Natura-2000-Gebiet zu nennen. Gemeinsam mit dem Neusiedler See und den March-Thaya-Auen gehört es zu den drei wichtigsten Vogelgebieten Österreichs.

Fast vollständig fehlt auch noch die rechtliche Umsetzung der EU-Naturschutzrichtlinien. In diesem Bereich ist sogar mit einem Vertragsverletzungsverfahren zu rechnen. Weiters läßt die Koordination zwischen den Ländern noch viele Wünsche offen. Walder: "Wenn sich die Naturschutzlandesräte weiterhin nur einmal im Jahr treffen, sollte besser das Umweltministerium die Koordinierungsrolle übernehmen."

Trotz aller noch bestehender Defizite sieht der Kampagnenleiter von Netz des Lebens die Errichtung der Natura-2000-Gebiete äußerst positiv: "Die Einbettung in ein zusammenhängendes europäisches Netzwerk ist ein Riesenfortschritt im Gebietsschutz. Natura 2000 ist ja keine Käseglocke, sondern kann Impulse für eine nachhaltige ländliche Entwicklung geben. In vielen Gebieten ist für die Erreichung der Naturschutzziele die Fortführung der Bewirtschaftung erforderlich. Auflagen des Naturschutzes müssen deshalb vertraglich vereinbart und finanziell abgesichert werden. Bestehende Ängste und Vorurteile der Landnutzer will der WWF durch mehr Informationen abbauen."

Die Autorin ist freie Journalistin.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau