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Feuilleton

Experte fürs Mittelalter, Zeitgenosse

1945 1960 1980 2000 2020

Berühmt machte ihn sein Kriminalroman "Der name der Rose". In seinen "Gelegenheitsschriften" analysierte Umberto Eco die Gesellschaft der Gegenwart. Ein nachruf.

1945 1960 1980 2000 2020

Berühmt machte ihn sein Kriminalroman "Der name der Rose". In seinen "Gelegenheitsschriften" analysierte Umberto Eco die Gesellschaft der Gegenwart. Ein nachruf.

Einen Feind zu haben ist nicht nur wichtig, um die eigene Identität zu definieren, sondern auch, um sich ein Hindernis aufzubauen, an dem man das eigene Wertesystem demonstrieren und durch dessen Bekämpfung man den eigenen Wert beweisen kann. Deshalb muss man, wenn man keinen Feind hat, sich einen fabrizieren." Also sprach Umberto Eco 2008 auf einem Kongress über die Literatur der Klassiker an der Universität Bologna, nachzulesen im Band "Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften"(2011).

Den Prozess der Konstruktion, Fabrikation und Dämonisierung des Feindes fand Eco bereits im alten Rom belegt, etwa in den Flachreliefs, die die "Barbaren" als stumpfnasige Wesen zeigten - "und schon die Bezeichnung 'Barbaren' insinuiert ja bekanntlich einen Defekt in der Sprache und somit im Denken".

Andersartige als Feinde

Aber nicht nur jene, die angeblich direkt bedrohen, werden als Feinde aufgebaut, sondern auch jene, bei denen es ein Interesse gibt, "sie als bedrohlich hinzustellen, auch wenn sie uns nicht direkt bedrohen, mit der Folge, dass nicht so sehr ihre Bedrohlichkeit ihr Anderssein unterstreicht, sondern ihr Anderssein zum Zeichen ihrer Bedrohlichkeit wird." Tacitus etwa stellte die Juden als Fremde dar und unterstrich ihre Andersartigkeit noch durch Gerüchte von Bräuchen, die er hinzufügte. Plinius musste zwar zugeben, dass die Christen gute Taten vollbrachten, konnte ihr Anderssein aber mit dem Hinweis hervorheben, dass sie dem Kaiser nicht opferten. Der Blick in Geschichte und Gegenwart lehrte Eco: "Die Figur des Feindes kann nicht durch Prozesse der Zivilisierung abgeschafft werden. Das Bedürfnis danach ist auch dem sanften und friedlichen Menschen angeboren".

Die Konstruktion des Feindes war eines jener vielen Themen, denen Eco in den letzten Jahren nachging, als kritischer Zeitgenosse mindestens ebenso wie als enthusiastischer Mittelalterexperte, als Semiotiker ebenso wie als Schriftsteller. Womit er sich theoretisch auseinandersetzte, das fand dann auch Eingang in seine (literarisch oft nicht so überzeugenden) Romane.

Welche Mittel und Wege die Fabrikation des Feindes annehmen kann, zeigte Eco etwa in "Der Friedhof in Prag" (2010) anhand der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", die einen angeblichen jüdischen Welteroberungsplan behaupteten. Kaum wurde nachgewiesen, dass es sich bei den im zaristischen Russland erfundenen Protokolle um Fälschungen handelte -"aus recycelten Stoffen des populären Schauerromans" fabriziert -, fand sich wieder jemand, der sie als echt publizierte. Und wieder jemand, der diese Echtheit glaubte. Die unendliche Geschichte "geht immer noch weiter, heute im Internet. Es ist, als würde man nach Kopernikus, Galilei und Kepler immer noch Schulbücher drucken, in denen behauptet wird, daß die Sonne sich um die Erde dreht."

Wie kommt es, dass solche Fälschungen immer weiterleben, trotz aller Beweise weiterwirken, wie erklärt sich "der perverse Reiz, den dieses Machwerk weiterhin ausübt?", fragte Eco in seinem Essay "Das Komplott" und gab selbst die Antwort: Es sind nicht diese "Protokolle", die zu Antisemitismus führen, "sondern das tiefe Bedürfnis nach einem klar identifizierten Feindbild bringt die Menschen dazu, an die Protokolle zu glauben" (nachzulesen im Band "Im Krebsgang voran. Heiße Kriege und medialer Populismus", 2007).

Die Kraft des Falschen

Die Kraft des Falschen und Fälschungen, die den Gang der Weltgeschichte verändert haben -wie etwa die Konstantinische Schenkung oder aber auch der Brief des Priesters Johannes, der eine Rolle im Roman "Baudolino" spielte -, sowie Verschwörungstheorien und ihre Auswirkungen faszinierten den Thomas von Aquin-Kenner, prägten Ecos Reflexionen über das Zeitgeschehen ebenso wie seine Literatur.

"Aber warum zielen Sie gerade auf die Juden?", fragt Simonini (laut seinem Erfinder Eco die "zynischste und unsympathischste Figur der ganzen Literaturgeschichte") in "Der Friedhof in Prag" seinen zaristischen Auftraggeber, bevor er jene "Protokolle" erfindet, die dann die Massen empören sollen. "Wir brauchen einen Feind, um dem Volk eine Hoffnung zu geben", entgegnet ihm der Russe. "Wäre ich in der Türkei, würde ich auf die Armenier zielen."

Eco wusste, dass Geschichten wie jene der "Protokolle" noch nicht zu Ende sind. Daher trat er in seinen "Gelegenheitsschriften" (unzählige davon sind als Bücher erschienen), als Kolumnist und bei Vorträgen diesen Lügen und dem Hass entgegen. Seine Forschungen als Professor für Semiotik und als Mittelalterexperte, als recherchierender Autor ebenso wie als bibliophiler Leser (seine Bibliothek ist legendär) verbanden sich mit gesellschaftspolitischem Engagement.

Besonders Berlusconi, dessen Medienimperium und der mediale Populismus waren Umberto Eco Dornen im Auge, er thematisierte sie in seinem letztem Roman "Nullnummer", wenngleich seine Analysen dabei nicht explizit auf Berlusconi bezogen waren - es gibt noch andere Berlusconis. Eco wurde nicht müde darüber zu schreiben -und gründete vor Kurzem sogar einen eigenen Verlag, um das Feld nicht völlig Berlusconis Imperium zu überlassen.

Erst Mitarbeiter bei RAI, dann Sachbuchlektor im Verlag Bompiani, erhielt Eco 1975 seine Professur für Semiotik an der Universität Bologna. Viele seiner wissenschaftlichen Werke sind heute noch unumgänglich, etwa "Das offene Kunstwerk" (1962) und "Lector in fabula" (1979), wo er sich mit der Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten auseinandersetzte, deren Grenzen er wiederum in "Die Grenzen der Interpretation"(1990) aufzeigte.

Als Schriftsteller war er jung, damit kokettierte der Titel seiner 2008 in Atlanta gehaltenen Vorlesung: "Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers" (2011). Denn erst 1980 veröffentlichte Eco jenes Buch, in dem er die Intertextualität auf die Spitze treiben und das populäre Genre des Kriminalromans mit philosophischen Fragen verknüpfen sollte: "Der Name der Rose" wurde ein Weltbestseller. Ecos "Nachschrift der Rose" (1983) lieferte humorig Theoriebausteine nach: über Ironie und Postmoderne und über den Autor, der das Zeitliche segnen sollte, nachdem er sein Werk veröffentlicht hat. Was meint: Des Autors Intentionen sind irrelevant für die Interpretation.

Briefwechsel mit Kardinal Martini

Als Kind vom Faschismus geprägt, engagierte sich Eco in der Katholischen Jugend, distanzierte sich später von der Kirche, blieb aber immer mit einzelnen ihrer Vertreter im Gespräch. Aufmerksamkeit erregte sein Briefwechsel mit dem Kardinal von Mailand, Carlo Maria Martini -unter dem Titel "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" 1998 auf Deutsch erschienen.

"Selbst wenn Christus nur das Sujet einer großen Erzählung wäre", schreibt Umberto Eco darin, "die Tatsache, daß diese Erzählung von ungefiederten Zweibeinern, die nur wissen, daß sie nichts wissen, erdacht und gewollt werden konnte, wäre ebenso wunderbar (wunderbar geheimnisvoll), wie daß der Sohn eines wirklichen Gottes wahrhaftig Mensch geworden sein soll." Und: "Wenn ich ein Reisender aus einer fernen Galaxie wäre und vor einer Spezies stünde, die sich dieses Modell zu geben gewußt hat, würde ich überwältigt ihre enorme theogone Energie bewundern und würde diese jämmerliche und niederträchtige Spezies, die so viele Greuel begangen hat, allein dadurch als erlöst betrachten, daß sie es geschafft hat, sich zu wünschen und zu glauben, dies alles sei Wahrheit."

Am 19. Februar ist Eco 84-jährig gestorben. Seine wissbegierige und wortgewandte, enzyklopädische und europäische Stimme wird nicht nur in Italien fehlen.

Einen Feind zu haben ist nicht nur wichtig, um die eigene Identität zu definieren, sondern auch, um sich ein Hindernis aufzubauen, an dem man das eigene Wertesystem demonstrieren und durch dessen Bekämpfung man den eigenen Wert beweisen kann. Deshalb muss man, wenn man keinen Feind hat, sich einen fabrizieren." Also sprach Umberto Eco 2008 auf einem Kongress über die Literatur der Klassiker an der Universität Bologna, nachzulesen im Band "Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften"(2011).

Den Prozess der Konstruktion, Fabrikation und Dämonisierung des Feindes fand Eco bereits im alten Rom belegt, etwa in den Flachreliefs, die die "Barbaren" als stumpfnasige Wesen zeigten - "und schon die Bezeichnung 'Barbaren' insinuiert ja bekanntlich einen Defekt in der Sprache und somit im Denken".

Andersartige als Feinde

Aber nicht nur jene, die angeblich direkt bedrohen, werden als Feinde aufgebaut, sondern auch jene, bei denen es ein Interesse gibt, "sie als bedrohlich hinzustellen, auch wenn sie uns nicht direkt bedrohen, mit der Folge, dass nicht so sehr ihre Bedrohlichkeit ihr Anderssein unterstreicht, sondern ihr Anderssein zum Zeichen ihrer Bedrohlichkeit wird." Tacitus etwa stellte die Juden als Fremde dar und unterstrich ihre Andersartigkeit noch durch Gerüchte von Bräuchen, die er hinzufügte. Plinius musste zwar zugeben, dass die Christen gute Taten vollbrachten, konnte ihr Anderssein aber mit dem Hinweis hervorheben, dass sie dem Kaiser nicht opferten. Der Blick in Geschichte und Gegenwart lehrte Eco: "Die Figur des Feindes kann nicht durch Prozesse der Zivilisierung abgeschafft werden. Das Bedürfnis danach ist auch dem sanften und friedlichen Menschen angeboren".

Die Konstruktion des Feindes war eines jener vielen Themen, denen Eco in den letzten Jahren nachging, als kritischer Zeitgenosse mindestens ebenso wie als enthusiastischer Mittelalterexperte, als Semiotiker ebenso wie als Schriftsteller. Womit er sich theoretisch auseinandersetzte, das fand dann auch Eingang in seine (literarisch oft nicht so überzeugenden) Romane.

Welche Mittel und Wege die Fabrikation des Feindes annehmen kann, zeigte Eco etwa in "Der Friedhof in Prag" (2010) anhand der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", die einen angeblichen jüdischen Welteroberungsplan behaupteten. Kaum wurde nachgewiesen, dass es sich bei den im zaristischen Russland erfundenen Protokolle um Fälschungen handelte -"aus recycelten Stoffen des populären Schauerromans" fabriziert -, fand sich wieder jemand, der sie als echt publizierte. Und wieder jemand, der diese Echtheit glaubte. Die unendliche Geschichte "geht immer noch weiter, heute im Internet. Es ist, als würde man nach Kopernikus, Galilei und Kepler immer noch Schulbücher drucken, in denen behauptet wird, daß die Sonne sich um die Erde dreht."

Wie kommt es, dass solche Fälschungen immer weiterleben, trotz aller Beweise weiterwirken, wie erklärt sich "der perverse Reiz, den dieses Machwerk weiterhin ausübt?", fragte Eco in seinem Essay "Das Komplott" und gab selbst die Antwort: Es sind nicht diese "Protokolle", die zu Antisemitismus führen, "sondern das tiefe Bedürfnis nach einem klar identifizierten Feindbild bringt die Menschen dazu, an die Protokolle zu glauben" (nachzulesen im Band "Im Krebsgang voran. Heiße Kriege und medialer Populismus", 2007).

Die Kraft des Falschen

Die Kraft des Falschen und Fälschungen, die den Gang der Weltgeschichte verändert haben -wie etwa die Konstantinische Schenkung oder aber auch der Brief des Priesters Johannes, der eine Rolle im Roman "Baudolino" spielte -, sowie Verschwörungstheorien und ihre Auswirkungen faszinierten den Thomas von Aquin-Kenner, prägten Ecos Reflexionen über das Zeitgeschehen ebenso wie seine Literatur.

"Aber warum zielen Sie gerade auf die Juden?", fragt Simonini (laut seinem Erfinder Eco die "zynischste und unsympathischste Figur der ganzen Literaturgeschichte") in "Der Friedhof in Prag" seinen zaristischen Auftraggeber, bevor er jene "Protokolle" erfindet, die dann die Massen empören sollen. "Wir brauchen einen Feind, um dem Volk eine Hoffnung zu geben", entgegnet ihm der Russe. "Wäre ich in der Türkei, würde ich auf die Armenier zielen."

Eco wusste, dass Geschichten wie jene der "Protokolle" noch nicht zu Ende sind. Daher trat er in seinen "Gelegenheitsschriften" (unzählige davon sind als Bücher erschienen), als Kolumnist und bei Vorträgen diesen Lügen und dem Hass entgegen. Seine Forschungen als Professor für Semiotik und als Mittelalterexperte, als recherchierender Autor ebenso wie als bibliophiler Leser (seine Bibliothek ist legendär) verbanden sich mit gesellschaftspolitischem Engagement.

Besonders Berlusconi, dessen Medienimperium und der mediale Populismus waren Umberto Eco Dornen im Auge, er thematisierte sie in seinem letztem Roman "Nullnummer", wenngleich seine Analysen dabei nicht explizit auf Berlusconi bezogen waren - es gibt noch andere Berlusconis. Eco wurde nicht müde darüber zu schreiben -und gründete vor Kurzem sogar einen eigenen Verlag, um das Feld nicht völlig Berlusconis Imperium zu überlassen.

Erst Mitarbeiter bei RAI, dann Sachbuchlektor im Verlag Bompiani, erhielt Eco 1975 seine Professur für Semiotik an der Universität Bologna. Viele seiner wissenschaftlichen Werke sind heute noch unumgänglich, etwa "Das offene Kunstwerk" (1962) und "Lector in fabula" (1979), wo er sich mit der Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten auseinandersetzte, deren Grenzen er wiederum in "Die Grenzen der Interpretation"(1990) aufzeigte.

Als Schriftsteller war er jung, damit kokettierte der Titel seiner 2008 in Atlanta gehaltenen Vorlesung: "Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers" (2011). Denn erst 1980 veröffentlichte Eco jenes Buch, in dem er die Intertextualität auf die Spitze treiben und das populäre Genre des Kriminalromans mit philosophischen Fragen verknüpfen sollte: "Der Name der Rose" wurde ein Weltbestseller. Ecos "Nachschrift der Rose" (1983) lieferte humorig Theoriebausteine nach: über Ironie und Postmoderne und über den Autor, der das Zeitliche segnen sollte, nachdem er sein Werk veröffentlicht hat. Was meint: Des Autors Intentionen sind irrelevant für die Interpretation.

Briefwechsel mit Kardinal Martini

Als Kind vom Faschismus geprägt, engagierte sich Eco in der Katholischen Jugend, distanzierte sich später von der Kirche, blieb aber immer mit einzelnen ihrer Vertreter im Gespräch. Aufmerksamkeit erregte sein Briefwechsel mit dem Kardinal von Mailand, Carlo Maria Martini -unter dem Titel "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" 1998 auf Deutsch erschienen.

"Selbst wenn Christus nur das Sujet einer großen Erzählung wäre", schreibt Umberto Eco darin, "die Tatsache, daß diese Erzählung von ungefiederten Zweibeinern, die nur wissen, daß sie nichts wissen, erdacht und gewollt werden konnte, wäre ebenso wunderbar (wunderbar geheimnisvoll), wie daß der Sohn eines wirklichen Gottes wahrhaftig Mensch geworden sein soll." Und: "Wenn ich ein Reisender aus einer fernen Galaxie wäre und vor einer Spezies stünde, die sich dieses Modell zu geben gewußt hat, würde ich überwältigt ihre enorme theogone Energie bewundern und würde diese jämmerliche und niederträchtige Spezies, die so viele Greuel begangen hat, allein dadurch als erlöst betrachten, daß sie es geschafft hat, sich zu wünschen und zu glauben, dies alles sei Wahrheit."

Am 19. Februar ist Eco 84-jährig gestorben. Seine wissbegierige und wortgewandte, enzyklopädische und europäische Stimme wird nicht nur in Italien fehlen.