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"Extraförderung hat positive Effekte"

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Der niederländische Bildungsexperte Henk Beerten über mehr Mittel für "Brennpunktschulen" und die nötige Vernetzung bei Hilfsangeboten.

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Der niederländische Bildungsexperte Henk Beerten über mehr Mittel für "Brennpunktschulen" und die nötige Vernetzung bei Hilfsangeboten.

Henk Beerten ist ausgebildeter Volksschullehrer und war in den vergangenen vier Jahren Stadtrat für Bildung, Kultur und Verkehr in der niederländischen Stadt Nijmegen. DIE FURCHE hat mit ihm über die Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien gesprochen.

DIE FURCHE: Herr Beerten, in den Niederlanden erhalten Schulen je nach Zusammensetzung der Schülerpopulation spezielle Förderungen. Wie funktioniert das System?

Henk Beerten: Für die Berechnung werden die soziale Situation und die Bildungsabschlüsse der Eltern herangezogen. Die maximale Förderung beträgt 120 Prozent, die dann vergeben wird, wenn die Eltern eines Schülers nur acht Jahre Schule absolviert haben. Dieses Extrageld geht direkt an die Schule, die autonom entscheiden kann, was sie damit macht - solange sie ein Programm entwickelt, das auf die Förderung der Kinder gerichtet ist. Das kann Sprachförderung, Sozialförderung, Weiterbildung für Lehrer oder ein zusätzlicher Lehrer sein. Das Ministerium kontrolliert die Ergebnisse regelmäßig. Die PISA-Ergebnisse der Niederlande sind gut, die Investitionen hatten also positive Effekte.

DIE FURCHE: 2006 wurde der Faktor Ethnizität bei dieser Berechnung abgeschafft. Warum?

Beerten: Einerseits gab es die in Österreich sicher nicht unbekannte politische Diskussion "Warum bekommen Migranten mehr Geld als wir?" Andererseits hat Ethnizität als Indikator nicht gewirkt. Wichtig ist die Bildung der Eltern. Wenn türkische Eltern einen Universitätsabschluss haben und in die Niederlande kommen, sind die Voraussetzungen natürlich besser, als wenn die Eltern ungeschult sind.

DIE FURCHE: Ab wann beginnt in den Niederlanden die spezielle Förderung sozial benachteiligter Kinder?

Beerten: Die beginnt bereits ab zwei Jahren. Wir versuchen Eltern aktiv zu mobilisieren, dass sie ihre Kinder bereits vor dem vierten Lebensjahr - dem Beginn der Volksschulzeit in den Niederlanden - für einige Zeit unterrichten lassen. Bei uns in Nijmegen gibt es genügend Kindergartenplätze und wir erreichen gut 80 Prozent der Kinder, aber eigentlich wünsche ich mir 100 Prozent.

DIE FURCHE: Es gibt auch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Kindergärten und Schulen...

Beerten: Wir möchten ein einheitliches pädagogisch-didaktisches System für Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren entwickeln. Dass im Kindergarten keine andere pädagogische Idee angewandt wird als in der Schule, kann nur vorteilhaft für die Kinder sein, und auch für die Eltern ist es einfacher. Die Zusammenarbeit zwischen den Schulen in Nijmegen funktioniert sehr gut. Man trifft sich, man kennt einander, man entwickelt Programme zusammen. Ich als Stadtrat habe auch die Initiative "Jedes Kind hat Talent" gestartet, denn warum muss der Fokus immer auf Defiziten liegen?

DIE FURCHE: Auch das soziale Umfeld ist wichtig für Förderansätze.

Beerten: Ein Kind verbringt sechs Stunden in der Schule und achtzehn nicht. Wenn ein Lehrer sieht, dass ein Schüler oft zu spät kommt, schlecht gekleidet ist, nie Sachen für den Sportunterricht dabei hat, muss er mit den Eltern reden - und für diese brauchen es direkte Ansprechpartner. In Nijmegen haben wir nun mehr Geld zur Verfügung, um verstärkt Spezialisten - Schuldenberater, Psychologen, Gesundheitsberater - in den einzelnen Bezirken einzusetzen und deren Arbeit mit dem zu verknüpfen, was in der Schule gemacht wird. Zuvor ging Geld in viele Einzelprogramme und Familien mit vielen Problemen zuhause hatten dann zehn Leute, die sich mit ihnen beschäftigten, aber voneinander nicht wussten.

DIE FURCHE: Sie stellen auch die Frage: Wie gut sind die Lehrer?

Beerten: Ich würde mir wünschen, dass man andauernde Verbesserung als normal erfährt. Dass man regelmäßig neue Situationen erlebt, und beispielsweise Lehrer alle fünf bis sieben Jahre die Schule wechseln. Dass Weiterbildungen verpflichtend sind und Schulen voneinander lernen und die Erkenntnisse von Universitätsstudien in konkrete Programme an den einzelnen Schulen umgesetzt werden.

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