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Feuilleton

Fabeln vom Fuchs und von DER GANS

1945 1960 1980 2000 2020

Europäischer Größenwahn, ins Depressive gewendet, und krude Mischungen aus Äsop, Spengler und "Pulp Fiction" singen das Lied vom Untergang Europas und fordern "Wehrhaftigkeit" ein.

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Europäischer Größenwahn, ins Depressive gewendet, und krude Mischungen aus Äsop, Spengler und "Pulp Fiction" singen das Lied vom Untergang Europas und fordern "Wehrhaftigkeit" ein.

Mein Nachbar ist ein sympathischer Mensch. Wir trinken ab und zu ein Bier nach Feierabend oder unternehmen etwas mit den Kindern. Über Politik reden wir nur selten, weil oder obwohl wir uns dessen bewusst sind, dass wir da von konträren Standpunkten ausgehen. Mein Nachbar macht keinen Hehl daraus, dass er dem "Dritten Lager" entstammt. Er ist bekennender FPÖ-Wähler. So scheiden sich unsere Geister an der Frage, wie unsere Gesellschaft mit den Menschen tun soll, die in Europa Schutz suchen.

Neulich, nach einem der letzten islamistischen Attentate im Vereinigten Königreich, fand ich auf der Facebook-Seite meines Nachbarn einen Artikel gepostet mit der Überschrift "Die Schächtung Europas hat begonnen." Darunter eine Fotomontage: das Auge eines Menschen mit der umliegenden Gesichtspartie, übergossen von dunkelroter Farbe wie auf einem Schüttbild von Hermann Nitsch. Der Link führte zum "Attersee-Forum", einer Publikation aus dem freiheitlichen Dunstkreis des Traunviertels, Motto: "frei denken & alte Denkmuster überwinden". Die Argumentation des geposteten Artikels war freilich nichts weniger als neu: Verantwortungslose Politiker hätten "die islamischen Terroristen" nach Europa "eingeladen"."Der Terrorismus" habe "ein klar definiertes Ziel: unseren Tod".Um dem zu entrinnen, müsse Europa "ein Stück Wehhaftigkeit" (sic!) und eine "Kultur der Gegenwehr" entwickeln, sonst gebe es "keine Hoffnung für diesen unterwürfigen Kontinent". So weit, so alt. Ebenso so alt wie die sozialdarwinistische Geschichtsphilosophie, die sich der Autor -auch das wenig überraschend -am Römischen Reich erarbeitet hat: "Rom ging aus demselben Grund unter, warum es einst selbst Karthago das Ende bereitet hatte: Weil der Fuchs die Gans frisst, so ist der Lauf der Dinge."

Wahl zwischen Skylla und Charybdis?

Scheint es dem Autor auch unvermeidlich, dass die Gans Europa vom islamischen Fuchs geholt wird, so macht es für ihn "dennoch einen Unterschied, ob die Werte der Aufklärung aufrecht stehend gegen die religiöse Barbarei untergegangen sein werden, oder ob sich Europa widerstandslos im 1. Stock eines Konzertsaals ausweiden, kastrieren und schächten lässt". Letzteres eine Anspielung auf die Terroranschläge in Paris am 13. November 2015, bei denen die Attentäter Leichen verstümmelt haben sollen, wie "alternative" Medien später behaupteten (natürlich ohne Beweise vorzulegen). Der Gans Europa bleibt also nur die Wahl zwischen Skylla und Charybdis: entweder ausgeweidet, kastriert und geschächtet, oder aufrecht stehend in den Untergang

Diese krude Mischung aus Äsop, Spengler und "Pulp Fiction" als pathetischen Kitsch abzutun, hieße die Fantasien und Ängste, die in ihr zum Ausdruck kommen, auf die leichte Schulter zu nehmen. Sind es doch Ängste, die nicht nur den FPÖ-Ortsverein in Thalheim bei Wels umtreiben. Das Buch "Finis Germania" (sic!), eine postum veröffentlichte Sammlung von Texten des Historikers Rolf Peter Sieferle, hat vor kurzem den ersten Platz der Amazon-Bestsellerliste für Bücher erklommen und sich dort eine Woche lang gehalten. Die Verkaufszahlen schossen in die Höhe, nachdem das Buch auf die von NDR und Süddeutsche Zeitung betreute Liste der zehn "Sachbücher des Monats" geraten und die Jury dafür kritisiert worden war, dass sie ein "verschwörungstheoretisches, rechtsextremes Buch"(FAZ) empfohlen hatte. Da hatte das deutsche Feuilleton einen Skandal zu verarbeiten, während der rechtsrevolutionäre Verleger des Buches sich mit seinen Gesinnungsgenossen ins Fäustchen lachte.

Angst vor der Selbstzerstörung

Sieferle hat seinem Leben im September 2016 selbst ein Ende gesetzt. Seinem Suizid war die Erkenntnis vorausgegangen, dass die "Migrationswelle" auf die "gezielte Selbstzerstörung der deutschen, europäischen, westlichen Kultur" hinauslaufe. Dargelegt findet sich diese Erkenntnis etwa in einem Beitrag für die Dresdner Zeitschrift Tumult, der in der Winterausgabe 2015/16 erschien, also auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Auch hier musste die Völkerwanderung der Spätantike zum Vergleich herhalten, deren Wiederholung Europa angeblich ins Haus steht. Denn: Der befriedete Wohlfahrtsstaat europäischen Zuschnitts sei für die Menschen in Afrika und im Nahen Osten zwar sehr attraktiv, doch "irgend etwas hindert sie daran, dieses Schlaraffenland bei sich zuhause zu errichten". Sieferle wusste auch, was dieses Etwas ist: Das "Erfolgsmuster" des Sozialstaats benötigte Jahrhunderte der Vorarbeit und kann daher "nicht ohne weiteres kopiert werden". Vor allem beruhe es auf "kulturell-mentalen Mustern", deren Transfer in andere Köpfe "praktisch unmöglich" sei. Nur in Europa sei es gelungen, tribale Gesellschaftsstrukturen zu zerschlagen und stattdessen Nationalstaaten zu errichten, die exklusiv und universal zugleich sind: universal nach innen -alle Bürger genießen dasselbe Recht auf Daseinsvorsorge - und exklusiv nach außen. Für Sieferle war mit dem national-sozialen Staat anscheinend der Höhepunkt gesellschaftlicher Entwicklung erreicht. Danach konnte nur noch der Rückfall in tribale Strukturen erfolgen, und der würde auch bald eintreten: durch die drei Millionen nach Europa kommenden Migranten, mit denen Sieferle Jahr für Jahr rechnete. Da diese nicht das nötige "kulturelle Kapital" mitbrächten, das dem Autor zufolge allein die Europäer -und in geringerem Maß die Asiaten -besitzen, bestehe die Gefahr, "dass sich die ethnisch und kulturell recht homogenen Industrieländer in multi-tribale Gesellschaften transformieren. Es ist dann sehr wahrscheinlich, dass in solchen Gesellschaften wichtige institutionelle und mental-kulturelle Voraussetzungen einer funktionierenden Industriestruktur zerstört werden."

Wie man sieht, wird hier dieselbe Weise gesungen wie im "Attersee-Forum", nur mit anderem Text. Bevor er in die Depression abrutschte, war Sieferle ein versierter Umwelthistoriker gewesen, samt der für seine Generation typischen soliden marxistischen Vorbildung, und so standen ihm ganz andere intellektuelle Ressourcen zur Verfügung, um seiner tragischen Geschichtsphilosophie einen rationalen Anstrich zu geben, als dem Chefredakteur einer FPÖ-Postille. Die Gans heißt hier National-und Sozialstaat, und der Fuchs sind Menschen, die "eine Sozialordnung zerstören, die sie ebenso wenig verstehen, wie sie diese lieben".

Eine Geschichtsphilosophie - auch eine anti-hegelianische, kulturalistische -wird zum Verhängnis, sobald sie ihre Axiome und Abstraktionen mit der Wirklichkeit verwechselt. Der alte Größenwahn der Europäer, der sich aus dem Glauben an ihre weltweit einzigartige geistig-moralische Überlegenheit nährte, erscheint bei Sieferle ins Depressive gewendet. Aus seiner Brille gab es da, wo die "Migrantenwelle" herkommt, in Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten, nie eine nennenswerte Kultur, und die Menschen, die dort leben, hielt er für so wenig lernfähig, dass ihm jeder Kulturtransfer illusorisch erschien. Selbstredend wollte der feingeistige Historiker seine Geringschätzung nicht als Rassismus verstanden wissen, da die angesprochenen "Differenzen" ja nicht "rassisch", sondern "ethnisch-kulturell" gemeint seien. Vom Kolonialismus ist bei Sieferle naturgemäß nicht die Rede. Dabei waren die europäische Expansion und in ihrer Folge der Kolonialismus keine unwesentlichen Momente des von ihm verklärten "Erfolgsmusters", und beide zeitigten vor allem in Afrika, aber auch im Nahen und Mittleren Osten verheerende Folgen, indem sie komplexe, funktionierende Gesellschaftsordnungen störten und zerstörten. Aber solche Einsichten in die eigene Verstrickung in das globale Elend sind wohl noch schwerer zu ertragen als in Geschichtsphilosophie gekleidetes Selbstmitleid. Vor allem aber sind sie inopportun, weil sie den mantra-artig beschworenen Willen zur "Selbstbehauptung" und die "Wehrhaftigkeit" der Europäer schwächen könnten.

Zur Abwehrschlacht trommeln

Bei Sieferle, der sich auf dem Dachboden seiner Villa erhängte, war von Selbstbehauptung nicht mehr die Rede. Umso mehr bei seinen Kollegen wie dem Herausgeber von Tumult, Frank Böckelmann, der dem aktuellen Heft seiner Zeitschrift ein Zitat des Kulturpädagogen Silvio Vietta voranstellt: Die "Flüchtlingsströme ... vernünftig zu steuern", setze "zweifellos etwas voraus, was die Griechen im Kampf gegen die Perser zur Verteidigung von europäischer Freiheit und Demokratie hatten, Europa aber -insbesondere Deutschland -nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend verloren hat: die Bereitschaft zur Wehrhaftigkeit."

Einst war man in Europa stolz auf seine Leistungen in Wissenschaft, Technik und Architektur, die das Gefühl legitimierten, historisch auserwählt zu sein. Liest man Sieferles Beitrag zum Tumult, dann hat man den Eindruck, als wenn zur Begründung europäischer Einzigartigkeit nur noch der Sozialstaat übrig geblieben wäre, dessen bevorstehenden Untergang die einen beweinen und zu dessen Bewahrung die anderen zur Abwehrschlacht trommeln. Dass sich unter den Propagandisten des Verteidigungskrieges immer mehr betagte Altlinke finden, die inzwischen zu Neurechten mutiert sind, verwundert insofern nicht, als viele von ihnen heute Genießer staatlicher Pensionen sind, die bekanntlich die öffentlichen Haushalte weitaus stärker belasten als die Hilfsgelder für Geflüchtete. Was nichts daran ändert, dass man in diesen unwillkommene Fresskonkurrenten sieht. Und so schnattern die Gänse auf ihrem Kapitol halt von angeblich unüberwindbaren kulturellen Differenzen.