Fabrikhallen als Kulissen zeitgenössischer Kunst

Kein Gesamtmotto, kein traditionelles Guckkastentheater: Bei der Ruhrtriennale unter dem neuen Leiter Heiner Goebbels geht es in den einstigen Kathedralen der Industrie noch stärker um Tanz und Performance.

Eine lange Werkshalle mit stählernen Brücken und Verstrebungen, Rohrleitungen und Ziegelmauern: die ehemalige Gaskraftzentrale des Bochumer Stahlwerks, mitten im Zentrum der Stadt, könnte als Kunstwerk für sich stehen. Vor zehn Jahren wurde das 1928 errichtete Industrierelikt zur Jahrhunderthalle umgebaut und bildet seither alljährlich das Zentrum der Ruhrtriennale. Am vergangenen Freitag wurde die Ausgabe 2012 eröffnet, sie läuft bis 30. September.

"Für mich geht von den Orten sehr wohl ein großer Kraftgewinn für die Kunst aus“, sagte der diesjährige Leiter der Ruhrtriennale, der Komponist und Musiktheatermacher Heiner Goebbels, kürzlich in einem Zeitungsinterview über die Spielstätten in ehemaligen Werksarealen des Stahl- und Bergbaus im Ruhrgebiet. "Ich glaube allerdings, dass konventionelles Theater an den Spielstätten der Ruhrtriennale nicht wirklich funktioniert.“ Theater als Mitteilung interessiere ihn nicht, ihm komme es auf "Kunst als Erfahrung“ an, sagt Goebbels.

Eure Opern - europäische Opern

So wird man auch in den kommenden drei Saisonen vergeblich nach traditionellem Guckkastentheater bei der Ruhrtriennale suchen. Theater oder Oper, wie es seine Vorgänger vereinzelt präsentierten, finden sich nicht im Programm, nicht einmal ein Motto gibt es.

Seit 2002 findet das "internationale Fest der Künste“ im Ruhrgebiet statt. Gründungsintendant war Gerard Mortier. Drei Saisonen lang kann jeweils ein Leiter seine Vorstellungen umsetzen. Goebbels tut dies mit einem Paukenschlag zu Beginn: Aus Anlass des 100. Geburtstags von John Cage nahm er sich selbst dessen spektakulärste Opernkonzeption vor und eröffnete die Triennale 2012 mit "Europeras 1 & 2“, einem Musiktheater aus 128 Opern in 32 Bildern.

"200 Jahre lang hatten uns die Europäer ihre Opern geschickt“, hatte Cage gesagt. "Nun gebe ich sie ihnen alle zurück.“ Der Regisseur nützt dabei die Besonderheit des Spielraums aus, die 100 Meter Bühnentiefe, in der sich "Europeras“ - entweder als "eure Opern“ oder als "europäische Opern“ zu lesen - abspielt. "Die Inszenierung besteht aus 32 Bühnenbildern, die permanent auf- und abgebaut werden“, so Heiner Goebbels. Die dreißig Musiker und die Sänger sitzen und stehen verstreut in der Naturkulisse einstiger Technik: auf den Stahlbrücken, hinter Trägern, an der Ziegelmauer. Überall hängen kleine Bildschirme, die einen Zeitcode abstrahlen, auf dem Boden befinden sich unzählige Klebestreifen als Hinweise für diverse Standorte von Mensch und Material für 135 Minuten, in denen die klassische Opernliteratur zerfällt und neu zusammengesetzt erklingt. Libretto gibt es keines. "Da werden Opernlandschaften aufgebaut, die vorerst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, aber sich beim Zuschauer zu einem Bild zusammensetzen“, sagt Dramaturg Stephan Buchberger.

Bochum, die 360.000-Einwohnerstadt, Heimat von Herbert Grönemeyer und - noch - Produktionsort von Opel, einstige Wirkungsstätte von Claus Peymann, ist Hauptort der Triennale. Ihr gehören auch der Beginn und das Ende des Festivals. Schon davor hat das Projekt "Our CenturY“ der beiden Künstler Folke Köbberling und Martin Kaltwasser begonnen: Sie hatten die Bewohner der "Metropole Ruhr“ aufgerufen: "Let’s cook architecture!“ Diese brachten diverses Altmaterial und zimmerten vor der Jahrhunderthalle drauflos. Ein Weg aus alten Paletten, teils in luftiger Höhe, ist entstanden und soll die Besucher von draußen abholen und in die Halle führen.

Disabled Theater

Zahlreiche andere Aufführungen und Performances finden in mehreren anderen Städten im ehemaligen "Ruhrpott“ statt, allesamt Orte einstiger Stahlproduktion oder Kohlegewinnung. So etwa "Prometheus“ von Carl Orff nach Aischylos in altgriechischer Sprache in der Kraftzentrale Duisburg als Musiktheater des samoanischen Choreografen Lemi Ponifasio. Das aus geistig Behinderten bestehende Theater Hora aus Zürich zeigt mit "Disabled Theater“ Theater und Tanz nach einem Konzept von Jérôme Bel in der Essener Zeche Zollverein.

Anne Teresa de Keersmaeker, kürzlich erst wieder bei ImPulsTanz in Wien zu Gast, zeigt in der Jahrhunderthalle das Tanzstück "En Atendant“, zu jener Zeit, wenn abendliches Dämmerlicht durch die hohen Fenster des Fabrikgebäudes fällt. Am selben Ort tanzen vierzig Mädchen der Carmina Slovenica ihren Abschied von der Kindheit unter dem Titel "When the mountain changed its clothing“.

Erstmals ist in diesem Jahr auch das Folkwang-Museum in Essen an der Ruhrtriennale beteiligt: "12 Rooms“ nennt sich ein Ausstellungsparcours durch zwölf Räume, wo zwölf Performancekünstler, darunter Marina Abramovic, als "Live Art“ den Zuschauern begegnen.

www.ruhrtriennale.de

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