Familiäre Grillsituationen

Das Wiener Schauspielhaus eröffnete mit vier Premieren.

Das Wiener Schauspielhaus hat sich an zwei Abenden mit je zwei Inszenierungen zeitgenössischer österreichischer Dramatik erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das erklärte Ziel des neuen Intendanten und Spezialisten für Gegenwartsdramatik Andreas Beck ist es, einerseits junges (nicht nur heimisches) Autorentheater zu fördern sowie andererseits dem Regienachwuchs einen Werkraum zu Verfügung zu stellen, wo dieser erste Versuche in einem professionellen Umfeld machen kann. Dass dieses Ansinnen lobenswert ist, aber auch Widersprüche und Probleme birgt, offenbarte der Premierenreigen.

Eröffnet wurde die Ära Beck am Donnerstag mit Händel Klaus' düster-poetischem Bühnenerstling aus dem Jahr 2001, den zwei Sehnsuchtsmonologen mit dem schönen Titel "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen". Man kann die Inszenierung von Daniela Kranz als programmatische Ansage verstehen. Sie vertraut nämlich ganz der virtuosen Sprachkunst von Händel Klaus sowie der Bühnenpräsenz der belgischen Theaterikone Viviane de Muynck.

Die Inszenierung geriet zur szenischen Lesung. Auf der von Bernhard Kleber gestalteten grellweißen Bühne, die an eine Aussichtsplattform auf einem Alpengipfel erinnern soll, sind zwei kleine Spielorte markiert: ein niedriges Podest und ein Stuhl mit jeweils einem Notenständer davor, von dem de Muynck die Texte abliest. Elegisch und mit schöner, sonorer Stimme erzählt sie von der existenziellen Kälte der Gesellschaft, von Sehnsucht, Einsamkeit und Tod und macht dabei den metaphernreichen Text gleichsam als Text durchsichtig. Die Regie hat sich dabei so zurückgenommen, dass davon die Rede kaum sein kann.

Junge Theaterautoren

Ganz anders gestaltete sich der zweite Teil. Auf dem Programm stand die Uraufführung des in Koproduktion mit den Wiener Wortstätten entstandenen Stücks "hamlet ist tot. keine schwerkraft" des Oberösterreichers Ewald Palmetshofer. Im Zentrum des versponnenen und sprachlich überaus eigenwilligen Stücks des für die erste Saison zum Hausautor ernannten Jungstars (Jahrgang 1978) steht die Familie als das Schlachtfeld, das sie im ausgehenden bürgerlichen Zeitalter zu sein scheint. Palmetshofer erspart uns nichts: in maändernden Halbsätzen, die das Ungeheuerliche selten aussprechen, es vielmehr umkreisen und in der Auslassung markieren, geht es um Enttäuschung, Lebensfrust, Hass, Inzest und sogar Mord. Dabei ist er mit allerlei theoretischen (und modischen) Theorieversatzstücken amalgamiert, was ihn auf den ersten Blick interessanter macht, als er eigentlich ist.

Dass der Text aber nicht selbstverliebt in diesen ärgerlichen Diskursandeutungen schwelgen kann, ist der famosen Regie von Felicitas Brucker zu danken, die sich nicht davor scheut, dem mitunter wirren Kopftheater mit deftigen, handfesten Theatertricks Leben einzuhauchen. Autorin dieses zweiten Teils des Abends war die Regisseurin, die auf ein schlichtweg grandioses Ensemble zählen konnte. Die sechs festen Mitglieder (Katja Jung, Steffen Höld, Nicola Kirsch, Stephan Lohse, Bettina Kerl, Vincent Glander) haben sich hier auf die eindrücklichste Art vorgestellt.

Grandioses Ensemble

Mit dem Stück "schlafen gehen" von Gerhild Steinbuch begann der zweite Eröffnungsabend. Der "Krüppel" Milan (sein Bein ist mit Klebeband umwickelt) und Elm, der dessen Fiktion mitspielt, von ihm schwanger zu sein, Vater und Mutter, die floskelhaft aneinander vorbeireden, während die Mutter Kuchen bäckt und Märchen erzählt, sowie Nele, das "Mädchen im Baum" scheitern an verschiedenen Konstellationen der Intimität, die immer auf die Maxime hinausläuft: "Ich will nicht, dass da außer uns noch jemand da ist." Liebe soll durch Gefangenschaft erzwungen werden. Regisseurin Barbara-David Brüesch hat zwischen rasanter Action und leiser Deklamation, zwischen Akrobatik und stiller Gestik viele Register gezogen, um den hochmusikalischen Text auf der Bühne umzusetzen.

"Eine familiäre Grillsituation" spielt auch Johannes Schrettles "wie ein leben zieht mein koffer an mir vorüber" durch. Die Grenzen zwischen der Produktion eines Filmes und dem Privatleben verschwimmen, die abenteuerlustige Putzfrau Piroska aus dem Koffer bringt auf amüsante Weise Sand ins Getriebe, daneben plaudern Biobauer und Biobäuerin, von Puppen gespielt. Ein fulminantes Karussell von Absurditäten dreht sich, autobiografisches Gebrabbel wird als Video zugespielt, der Talk-Wahnsinn Bühnen-Realität. "Die Party ist mein mobiles Zuhause" ist ebenso ein Leitsatz wie die Frage "Lebst du noch oder wohnst du schon?"

Im Vorfeld der Aufführung hat Christoph Ernst die Regie zurückgelegt, ein Team hat die Aufführung realisiert, die als fulminantes Feuerwerk abbrennt und einen "kreativen" Yuppie-Alltag brillant spiegelt - und doch die Frage hinterlässt, wozu dieser Spiegel eigentlich gut ist. Das neue Schauspielhaus-Ensemble hat auch dieses Stück realisiert und so an diesem Abend seine Kondition und enorme Wandlungsfähigkeit bewiesen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau