Farbverliebter Lady-Painter

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Joan Mitchells monumentale Werke, aber auch Persönliches wie Briefe und Fotos zeigt das Kunsthaus Bregenz in einer beeindruckenden Ausstellung, die sich der beinahe vergessenen Künstlerin widmet.

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Joan Mitchells monumentale Werke, aber auch Persönliches wie Briefe und Fotos zeigt das Kunsthaus Bregenz in einer beeindruckenden Ausstellung, die sich der beinahe vergessenen Künstlerin widmet.

Eine spannende Wiederentdeckung ist die amerikanische Malerin Joan Mitchell, mit deren riesigen Bildern das Kunsthaus Bregenz derzeit vom Foyer bis zum dritten Geschoß tapeziert ist.

Sich selbst definierte Joan Mitchell kämpferisch als "Lady-Painter". Sie fluchte und soff wie ihre Kollegen, um sich neben den Kunst-Machos der 1950er und 1960er Jahre behaupten zu können. Ihre Bilder malte sie auf Leinwände, deren Formate größer waren als die der meisten anderen Künstler -Bemühungen, die allerdings keine großen Erfolge zeigten, hängen die Bilder ihrer malenden Zeitgenossen wie Franz Kline, Jackson Pollock oder Willem de Kooning doch in allen wichtigen Museen und Sammlungen der Welt, während die von Joan Mitchell noch immer ein Geheimtipp sind. Und das, obwohl die 1925 in Chicago geborene Tochter eines vermögenden Herausgebers einer Lyrikzeitschrift bereits als 34-Jährige zur Kasseler documenta II eingeladen war.

"Joan Mitchell malte ihre Bilder für Museen und nicht für Wohnzimmer", sagt Yilmaz Dziewior, der die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz in Zusammenarbeit mit der Joan Mitchell Foundation New York und dem Kölner Museum Ludwig kuratiert hat, dessen Direktor er seit Februar ist. Im Kunsthaus Bregenz, seinem "alten Haus", füllt er nun die Wände vom Foyer bis zum dritten Stock ausschließlich mit den Bildern der 1992 verstorbenen Künstlerin.

Die Hängung ist streng chronologisch, womit sich schön die Entwicklung der Künstlerin nachvollziehen lässt: ihre frühe Inspiration durch van Gogh und Manet, die abstrakten Expressionisten und die amerikanischen Action Painter, bevor sie zu ihrer ganz eigenständigen Handschrift finden sollte.

Immer freier, immer spontaner

Da hängen im Erdgeschoß Bilder, die in ihrem konzentrierten Spiel mit strengen Linien und bunten Flächen verblüffend an den späten Kandinsky erinnern. Assoziatives mit Landschaftlichem und Figuralem ist unübersehbar, aufgelöst auf der Bildfläche zu raffiniert ineinander verschachtelten Zeichen. Das spontan emotionale Element spielt in diesen frühen Arbeiten noch keine so wichtige Rolle wie in ihren späteren, in denen sich die Künstlerin immer mehr von formalen Vorgaben und kompositorischen Regeln befreite.

Stockwerk für Stockwerk, Jahrzehnt für Jahrzehnt werden auch die Formate von Joan Mitchells Bildern immer größer und ihr Pinselduktus immer freier, immer spontaner, immer bauchiger. Oft erscheinen Farbfetzen wie voller Wut auf die Leinwand geschleudert zu sein, um im Anschluss daran durch den Zufall geschickt gelenkt, verzahnt, gezopft, verdichtet oder im Lichten zerfranst zu werden.

Ein gewisses erzählerisches, wenn auch nie konkret abbildhaftes Element ist dabei sehr wichtig -komprimiert auf das grafische Gerüst der Bilder, das allerdings eindeutig von der Wucht der Farben überstrahlt wird. Besonders ein in diversen Nuancen durchdekliniertes Blau und Gelb dominieren die meist titellosen Bilder von Joan Mitchell, die oft als "Fortsetzungsgeschichten" angelegt sind: Sequenz für Sequenz von Leinwand zu Leinwand weitergeschrieben, immer mit einem klaren Anfang und Ende, zusteuernd auf oft opulente Farborgien in der Mitte, im besten Fall ausgebreitet auf mehr als 25 Quadratmetern. Geschichten von realen und inneren Landschaften, von Gefühlen und Obsessionen werden da erzählt, die auf einzigartig suggestiv sich auf den Betrachter übertragende Art und Weise zu farbigen Kürzeln komprimiert sind.

Die "amerikanische Alma Mahler"

Neben den 30 Bildern aus allen Werkphasen von Joan Mitchell beleuchtet die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz aber auch den Menschen hinter dieser eindrucksvollen Kunst. In der Form von Einladungskarten zu Ausstellungen, von Briefen, Skizzenbüchern und Fotografien, die die Künstlerin in privatem Ambiente mit ihren Hunden oder ihrem langjährigen Drucker zeigen. Selbst zu Wort kommt Mitchell in einem Video: Um - immer mit einer Zigarette in der Hand - von ihrem nicht leichten Leben als "amerikanische Alma Mahler", ihrem Ringen um die Kunst und mit dem Kunstmarkt, ihren Beziehungen zu Literaten wie Frank O'Hara, Samuel Beckett und Paul Auster zu erzählen.

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