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Faschismus-Aufarbeitung tritt auf der Stelle

Eine heftige Diskussion um die Rolle Rumäniens als Verbündeter Hitlerdeutschlands spaltet das Land. Rumäniens Präsident Ba˘sescu polarisiert mit nationalistischen Rechtfertigungen.

Ein Interview des rumänischen Präsidenten Traian Ba˘sescu sorgte vor Kurzem für einen politischen und diplomatischen Skandal: Der Staatschef behauptete, dass die rumänische Beteiligung an dem Nazi-Angriff auf die Sowjetunion vor 70 Jahren aus nationaler Perspektive gerechtfertigt gewesen sei. Er selbst hätte an der Stelle des faschistischen Diktators Ion Antonescu den gleichen Befehl erteilt.

Unter der Parole der Rückeroberung alter rumänischer Gebiete hatte Marschall Antonescu im Juni 1941 an der Seite Hitlers die Sowjetunion überfallen - und in den neu erworbenen Territorien einen Holocaust in eigener Regie organisiert. "Damals hatten wir einen Verbündeten und ein verlorenes Gebiet, das wir zurückgewinnen mussten“, erklärte Ba˘sescu mit Bezug auf Nazi-Deutschland und auf die historischen Provinzen Bessarabien und Bukowina, die 1940 von Stalin annektiert worden waren.

Ba˘sescus Führungsstil polarisiert seit Jahren die Öffentlichkeit. Doch diesmal schockierten seine Kommentare auch einige seiner engsten Anhänger. So erklärte Radu Alexandru, Abgeordneter der präsidialen Mitterechtspartei PDL, er sei "bitter enttäuscht über die unverzeihliche Ignoranz“ des Staatschefs. Der Starautor und ehemalige Außenminister Andrei Ples˛u distanzierte sich ebenfalls von Ba˘sescus Äußerungen. In einem Zeitungsbeitrag hinterfragte der ehemalige Berater des Präsidenten die Motivation des Politikers.

Zeichen des Wahrkampfes

Der Zwischenfall sorgte auch international für Schlagzeilen und negative Reaktionen. Das russische Außenministerium bezeichnete Ba˘sescus Aussagen als "unverschämte Prahlerei“ und verurteilte die Rechtfertigung der faschistischen Aggression aufs Schärfste. Kurz darauf meldeten sich auch ukrainische Politiker mit Kritik zu Wort. Wolodymyr Ohrysko, ehemaliger Außenminister in Kiew, wies zudem darauf hin, dass "manche der von ihm erwähnten Gebiete Teil der heutigen Ukraine sind“.

In Rumänien unterstellten Oppositionspolitiker und kritische Journalisten ihrem Präsidenten und "Möchtegern-Diktator“ Wahlkalkül. Im Herbst 2012 wählen die Rumänen ein neues Parlament, und wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise kämpft die Regierungspartei PDL gegen ein Umfrage-Dauertief.

So wird hinter den Aussagen Ba˘sescus teilweise Populismus vermutet. Denn seine Kommentare seien typisch für die Art und Weise, wie viele Rumänen ihre Geschichte interpretieren, erklärt Historiker Lucian Boia. "Dabei verdrängt diese traditionelle Geschichtserzählung unbequeme Kapitel wie den Holocaust“, sagt Boia, der an der Universität von Bukarest Ideengeschichte unterrichtet.

Erst 2003 wurde in Bukarest eine internationale Historikerkommission unter der Leitung des bekannten Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel berufen, um den Genozid an den rumänischen Juden und Roma zu untersuchen. Kurz nach Veröffentlichung des Kommissionsberichtes erkannte das Land die Existenz eines Holocaust auf dem eigenen Gebiet offiziell an. Im Jahr 2005 wurde dann das Institut für die Untersuchung des Holocaust (INSHR) gegründet. Es hat sich zum Auftrag gemacht, die Verharmlosung der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen zu überwinden. "Die Wahrheit muss jetzt in der Öffentlichkeit aufgearbeitet werden“, resümiert Alexandru Florian, Direktor des Geschichtsinstituts.

Ethnischer Flickenteppich

Vor dem Zweiten Weltkrieg betrachteten verschiedene Bevölkerungsgruppen das Königreich Rumänien als ihre Heimat. "Die Provinzen Bessarabien und Bukowina glichen Flickenteppichen, wo sich Juden, Rumänen, Polen, Ukrainer, Deutsche und Roma begegneten“, beschreibt Historiker Lucian Boia die Ausgangslage. "Nach der Rückeroberung der Gebiete waren die rumänischen Faschisten allerdings bestrebt, genau diese Pluralität auszulöschen. Die anfängliche Freude über die Befreiung von der sowjetischen Besatzung wurde für viele zum Grauen vor der nächsten Tragödie“, erklärt der Professor.

Entgegen der ursprünglichen Beteuerungen von Marschall Antonescu endete die rumänische Militäroffensive keinesfalls nach der Rückeroberung Bessarabiens und der Bukowina. Die Truppen rückten gemeinsam mit der Wehrmacht immer weiter vor -bis nach Stalingrad. Als Geschenk für ihre Loyalität hatte Hitler den rumänischen Behörden 1941 das Recht gewährt, einen Teil der historischen Ukraine zu verwalten und wirtschaftlich auszubeuten. Ion Antonescu ernannte einen rumänischen Gouverneur für dieses Gebiet jenseits des Dnjestrs, das sogenannte Transnistrien, und nutzte es als sein Hinterland, um Juden, Roma und Oppositionelle in Arbeits- und Vernichtungslagern zu internieren. Nach deutschem Vorbild wurden hier Schätzungen zufolge 300.000 Menschen ermordet.

Sabs Roif, Vorsitzender des Vereins der Holocaustopfer in der heutigen Republik Moldau, hat die "Befreiung“ durch Antonescus Truppen an eigener Haut erfahren. Im Sommer 1941, als die rumänische Verwaltung in sein bessarabisches Heimatsdorf Duruitoarea Veche zurückkehrte, war der kleine Sabs elf Jahre alt und wohnte auf dem Bauernhof seiner Eltern. "Was die Sowjets im Zuge der Kollektivierung noch nicht vollenden konnten, führten die rumänischen Gendarmen gleich als Erstes fort: Sie beschlagnahmten unser ganzes Vermögen und schickten uns ins Lager. Nicht, weil wir Kulaken, sondern, weil wir Juden waren“, erinnert sich Roif.

Vages historisches Wissen

Kurz darauf folgten die Deportation nach Transnistrien, der Hunger, die Kälte und die Willkür der rumänischen Ordnungspolizei. Anders als viele ihrer Familienangehörigen haben Roif und seine Nachbarin Zelda überlebt. Nach dem Krieg konnten sie zurück zur Schule, später wurden sie Lehrer und gaben sich das Ja-Wort. Die Provinz Bessarabien wurde wieder zum Teil der Sowjetunion, dann zur unabhängigen Republik Moldau. Heute wohnen Sabs und Zelda Roif, beide 81, in der Hauptstadt Chis˛ina˘u.

Glaubt man den Äußerungen des Staatspräsidenten Traian Ba˘sescu ist für ihn diese Schattenseite der rumänischen Geschichte noch recht neu. In einem Gespräch mit der Jüdischen Gemeinde im Jahr 2005 gab er an, erst in den letzten Jahren von einem rumänischen Holocaust gehört zu haben. "Seine Kenntnisse über diese Zeit waren entweder vage oder schlechthin fehlerhaft“, berichtet Paul Schwartz, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Rumäniens. "Aber so verhält es sich eben auch mit den meisten Rumänen.“

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