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„Fast schon ein wenig Genialität“

Ausstellung im Wiener Haus der Musik anlässlich des 200. Geburtstags von Frédéric Chopin (1810–1849): Anhand von 50 Schautafeln und 100 Exponaten sowie durch Aufnahmen von Werken mit Wien-Bezug lassen sich die Besuche des großen Musikers in Wien nachvollziehen.

„Meine Spione im Saal versicherten mir, dass die Leute von ihren Sitzen gesprungen seien“, berichtete Frédéric Chopin von seinem ersten Wiener Konzert am 11. August 1829 im Kärntnertortheater begeistert nach Hause. Im Sommer 1828 hatte ihn seine erste Auslandsreise nach Berlin geführt. Nach Abschluss seiner Studien am Warschauer Konservatorium im Juli 1829 trieb es ihn erneut ins Ausland. Mit dem erhofften Stipendium für, wie es sein Vater formulierte, „speziell Deutschland, Italien und Frankreich“ hatte es zwar nicht geklappt, aber die Eltern bestärkten ihren Sohn in dessen Reiseplänen.

So brach der junge Chopin mit drei Freunden Mitte Juli 1829 nach Wien auf; mit einem Empfehlungsschreiben des Direktors des Warschauer Konservatoriums, Joseph Elsner, der in Wien Medizin studiert hatte, in der Tasche. Dies öffnet dem jungen Musiker zahlreiche Türen. Er lernt den Beethoven-Schüler Carl Czerny kennen, bekommt Besuch vom Pianisten Johann Nepomuk Hummel und trifft Graf Wenzel Robert Gallenberg, den mächtigen Intendanten am Kärntnertortheater, wo er mehrfach Vorstellungen besucht.

Wiens Kritikerpapst von Chopin begeistert

Die Klavierbauer Stein und Graff buhlen um die Gunst des jungen Pianisten. Der Verleger Haslinger will unbedingt, freilich ohne ihm dafür etwas zu bezahlen, eines von Chopins Werken verlegen und rät ihm zu einem Konzertauftritt, um so zu Wiener Rezensionen zu kommen. Adolf Bäuerle, Wiens damaliger strenger Kritikerpapst, zeigt sich von Chopin begeistert. Er attestiert ihm „fast schon ein wenig Genialität“ in der Wiener Theaterzeitung und bleibt auch bei Chopins zweitem Auftritt bei dieser Beurteilung.

Im Haus der Musik kann man dies an 50 Schautafeln und 100 Exponaten, die am Gang und im Innenhof platziert sind, alles nachvollziehen; die Auswahl aus den Beständen des Chopin-Institutes Warschau, des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, des Theatermuseums und des Wien Museums hat Piotr Szalsza getroffen.

Auch über Chopins zweiten, weit weniger erfolgreichen Wien-Aufenthalt wird man informiert. Über Prag kam er am 22. November 1830 nach Wien, nahm am Kohlmarkt eine elegante Wohnung, besuchte die Cafés am Wiener Glacis, den Kahlenberg, hörte sich im Kärntnertortheater Opern von Rossini, Meyerbeer oder Boieldieu an und wurde vom polnischen Aufstand gegen das zaristische Russland überrascht. Er berichtet nach Hause von seinem Besuch im Stephansdom am Heiligen Abend und den schwierigen Versuchen aufzutreten. Wenigstens am 4. April 1831 klappt es im Redoutensaal. Aber in der Wiener Presse findet er diesmal keine Resonanz.

„Voller Enttäuschungen und in Sorge für seine Familie“ entscheidet er sich schließlich, Wien den Rücken zu kehren. Am 20. Juli 1831 bricht er in jene Stadt auf, die künftig den Mittelpunkt seines Schaffen bilden sollte und wo er jene Anerkennung erfuhr, die ihm Wien schließlich doch versagte: Paris.

Ergänzt wird dieser Bilderbogen durch Ausschnitte aus Szalszas Chopin-Filmdokumentationen sowie Aufnahmen von Werken, die Chopin in Wien komponiert hat oder mit Wien in Verbindung stehen, wie die g-Moll-Ballade, das h-Moll-Scherzo, die Variationen über „Là ci darem la mano“ aus „Don Giovanni“ oder das e-Moll-Klavierkonzert.

Chopin in Wien

Haus der Musik. Seilerstätte 30, 1010 Wien

bis 30. April, täglich 10–22 Uhr

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