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Fernsehen als Handelsware

In Cannes wie in Santa Monica geht es für die Fernsehleute rund. Zumindest wenn dort die Einkäufer der TV-Anstalten Programmnachschub für ihre Sender suchen.

Zwei Küstenstädte an der US-Pazifikküste und am Mittelmeer sind der Umschlagplatz für Fernsehprogramm: Cannes und Santa Monica. Hier treffen sich Tausende Händler, die Programme anbieten und ebenso viele, die auf der Suche nach dem goldenen Sandkorn sind.

Vor wenigen Tagen ist der vielleicht wichtigste Termin im Jahreskalender von Filmhändlern zu Ende gegangen, der American Filmmarket im kalifornischen Santa Monica. Die Zimmer des Loews Santa Monica Beach Hotel sind ausgeräumt, damit zumindest einige der 4000 Produzenten und Distributoren aus 36 Ländern ihre "frische" Unterhaltungsware an den Käufer bringen können. Mit Staraufgeboten und Marketingbudgets, die manchmal nahe an das Produktionsbudget heranreichen, wird versucht, in nur sieben Tagen so viel zu verkaufen wie möglich. 427 Filme lagen diese Jahr am "Ladentisch", 43 davon noch nie gezeigt. Bis zu 800 Millionen US-Dollar wechseln den Besitzer, für fertige Filme, aber auch für Filme, von denen noch keine Minute gedreht worden ist.

Für die Käufer kein leichtes Unterfangen, insgesamt 700 Filmvorführungen stehen am Programm, verstreut auf Vorführräume im oder rund um das Hotel. In Intervallen von zwei Stunden stehen jeweils 30 Filme zur Auswahl. Produktionen der großen US-Studios, Low-Budget-Produktionen, Genrefilme aus Festivalprogrammen, aber auch jene Filme, die vor einem Jahr auf "Verdacht" gekauft worden sind. Manch einer der Käufer sieht dann zu ersten Mal, was er aufgrund von Thema, Stars und Versprechungen erworben hat. Nicht immer zu seiner Freude.

Cannes: nicht nur Film-, sondern auch Fernsehstadt

Ist die Pazifikküste für die glitzernde Kinowelt der Hotspot, so ist die Côte d'Azur für die Fernsehprogrammierer ein Muss. Zweimal jährlich treffen sich in Cannes Fernsehmacher aus aller Welt. Vor rund einem Monat hat dort die MIPCOM, neben der MIP TV eine der größten Fernsehprogrammmessen, die Pforten für 12.000 Teilnehmer geschlossen. 4100 Firmen auf 480 Ständen haben den 4000 Einkäufern aus rund 100 Ländern alles feilgeboten, was fernsehtauglich ist und sein kann, und alles in nur fünf Tagen.

Dort wird eingekauft, was der Markt hergibt. Die Nachfrage wird größer. Seit Beginn des Satellitenfernsehens hat die Zahl der Mitspieler zugenommen, sich mit digitalen Übertragungstechniken vervielfacht. Somit aber auch die Chance der Programmanbieter, ihre Ware gleich mehrmals an den Mann zu bringen. Plattformbetreiber, Kabelnetzwerke, Internetplattformen, Spartenkanäle sind ständig auf der Suche nach neuen Inhalten, erfolgreiches Programm ist knapp, sehr zur Freude der Händler. Ein neuer Schub steht bevor, denn das Internet wandert Richtung Fernsehgerät. Die letzte Funkausstellung in Berlin hat gezeigt, wie weit sich das Netz in der "Glotze" breitmacht und die wachsende Schar der Programmeinkäufer bestätigt diesen Trend. Nicht nur konventionell Fernsehtaugliches wird gesucht und gekauft, sondern auch Programminhalte wie Spiele, Interactives, Transmedia Entertainment, Reality Shows oder Inhalte für Web TV. Dass dabei bekannte Marken wie Sony ihren Namen nutzen, um Unterhaltungsprogramme an den Zuseher zu bringen, liegt auf der Hand, zumal sie die technische Entwicklung in der Hand haben oder ohnehin ein Millionenpublikum ansprechen, wie etwa YouTube.

Gekauft werden Programmpakete und Stunden, zu einem geringeren Umfang auch Einzelprogramme. BBC Worldwide hat nach nur zwei Messetagen bereits 800 Stunden nach Zentral- und Osteuropa verkauft und die Handelsfirma ORF Enterprises brachte nach eigenen Angaben rund 1000 Programmstunden an den "Mann".

Immer das zu kriegen, was man möchte, ist mitunter gar nicht so einfach. Programme sind meist in Paketen verpackt, Gustostücke vermischt mit Ladenhütern. Wenn auch selten, so schlummert doch das gelegentliche Goldkorn im Paket, so wurde etwa der Filmhit Twilight lange vor Drehbeginn eingekauft. Erworben werden detailreich beschriebene Nutzungsrechte an Programmen oder Ideen. In den Kaufverträgen ist festgelegt, wie oft, in welchem Zeitraum, in welchen Territorium und mithilfe welcher Verbreitungstechnik das "gute Stück" zum Publikum gebracht werden darf, aber alles der Reihe nach. So werden Spielfilme zuerst in Kinos gespielt, danach erst kommt der Film ins Fernsehen, dann wird er am DVD-Markt angeboten, und zuletzt kommen noch andere, neue Auswertungen dazu, wie etwa Video on Demand.

Fernsehprogramm ist eine Handelsware wie vieles andere auch. Gleichgültig ob es sich dabei um fertige Filme, Programmideen, Zeichentrick-, Musikfilme, Dokumentationen, Serien oder Fernsehformate handelt. Gerade Letzteres ist immer gefragter. Auf Formate gibt es einen regelrechten Run, denn diese Programmideen, aufgepeppt mit Quotenhoffnungen, versprechen Erfolg. Einige haben ihn auch gebracht. Bekannte Beispiele: die Millionenshow oder Dancing Stars, Formate entwickelt von Weltmarktführer Endemol. Für kommendes Jahr ist von den Messeveranstaltern ein eigener Marktplatz dafür angekündigt.

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